Mir san mir: Zur Lage der Sportnation

Fußball WM 1978 Hans Krankl
Fußball WM 1978 Hans Krankl(c) AP
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Immer, wenn Sport und Politik eng zusammenrücken, wird es bitterernst. In Österreich ist diese Symbiose eher zum Lachen. Beim Namen Cordoba hallt bis zum heutigen Tage nationale Schadenfreude nach.

Als Hermann Maier vor Kurzem in die Wiener Hofburg lud, um der entsetzten Sportwelt zu verkünden, dass er die Skier an den goldenen Nagel hängen würde, sprachen viele von der Symbolhaftigkeit des Ortes. Ausgerechnet in der Hofburg, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, der einstigen Residenz der Habsburger-Kaiser, ausgerechnet an jenem Ort schreibt Kaiser Hermann ein finales Stück Sportgeschichte.

Zufall? Sein Sponsor, die Raiffeisenbank, beteuerte zumindest offiziell diese Version. Maiers Entscheidung sei derart überraschend für alle gefallen, dass man einfach nur schnell eine adäquate Lokalität angemietet habe. Und da kam die Hofburg eben gelegen. Adäquat allemal für den Helden der Nation. Und Zufall oder penible Planung: Die Inszenierung des Sports als nationaler Festakt hat stattgefunden. Sie wurde live im österreichischen Staatsfernsehen übertragen.

Und umgehend würdigten die Spitzen des Staates die Verdienste des großartigen Skifahrers. „Das ist doch klar“, findet wohl der überwiegende Teil der Österreicher nichts daran zu bemängeln. Aber ist es das wirklich? Ist es wirklich das Natürlichste auf der Welt, den Sport als nationale Angelegenheit zu betrachten?

Weil er eben Teil der österreichischen Kultur ist. Und Österreich definiert sich doch sehr gerne als Kulturnation. Als Land der Sänger und Tänzer – und Skifahrer. Und als im Mai der Regisseur Michael Haneke die „Goldene Palme“ gewann, Schauspieler Christoph Waltz in Cannes zum besten Hauptdarsteller gekürt wurde, war es Vizekanzler Josef Pröll, der sofort die rot-weiß-rote Fahne hisste. „Doppelsieg für Österreich“, jubelte er. Und womöglich hat er dabei leicht die Faust geballt. Es lebe der Sport!

Natürlich gewann Hermann Maier seine beiden Goldmedaillen in Nagano „für Österreich“, selbstverständlich schoss Hans Krankl seine beiden Tore in Cordoba „für Österreich“. Wie würde die Nation wohl reagieren, würde Maier sagen: „Nein. Ich habe all meine Siege nur für mich ganz allein eingefahren.“ Keine Sorge, das würde er natürlich niemals tun. Und die Sportler werden auch in Zukunft „für Österreich“ gewinnen und „für sich ganz allein“ verlieren. So sind die Regeln.


Staatsfeiertag in Honduras. Ein Sportjournalist, der sich darüber lustig macht, dass der Sport von den Repräsentanten des Staates zu ernst genommen wird – ist das nicht ebenfalls ein klarer Regelverstoß?

Keine Angst. Hier macht sich niemand lustig. Denn immer dann, wenn der Staat und der Sport eng zusammenrücken, wird es bitterernst. Und das Unglück ist nicht selten als Komödie getarnt. Erst vor wenigen Tagen sorgte eine kurze Meldung aus Honduras unter Sportfreunden für Schmunzeln. Nachdem die dortige Fußballnationalmannschaft durch ein 1:0 gegen El Salvador die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südafrika geschafft hatte, rief Präsident Roberto Micheletti umgehend einen nationalen Feiertag aus. Klingt doch richtig nett, oder? Tatsächlich schmeckt der Fußballfeiertag nach Militärdiktatur, nach Repression und Unterdrückung. Genauso, wie der legendäre „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador im Juli 1969 im Kern kein sportlicher, sondern ein sozialer Konflikt war. Nach einem Länderspiel hatten Ausschreitungen Todesopfer gefordert. Der Sport war nur der Katalysator eines gesellschaftlichen Problems. „Fußballkrieg“ hört sich allerdings weit weniger dramatisch an. Es klingt fast so harmlos wie „Bananenrepublik“.


Sport als Spiegel der Gesellschaft. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Wo Sport zum Staatsakt, zur nationalen Angelegenheit erhoben wird, werden Menschen erniedrigt. Und am Ende leiden auch die Sportler selbst. Man muss jetzt nicht Hitler-Deutschland oder den Sportwahnsinn hinter dem Eisernen Vorhang strapazieren. Das lenkt nämlich nur ab. Diese Auswüchse der Geschichte und Sportgeschichte liegen zu klar auf der Hand.

Viel schwieriger wird es, wenn man das Verhältnis Staat und Sport in einem Land wie Österreich überprüft. Oder ist diese Frage in einem wohlhabenden, demokratischen Land, in dem sozialer Frieden herrscht, nicht ohnehin ziemlich abwegig? Ganz und gar nicht. Sport ist die ideale Projektionsfläche für gesellschaftliche Entwicklungen. Er hat die Kunst in dieser Rolle vermutlich längst abgelöst. Und der Sport – wie auch die Künste – wurden einst gewissermaßen als Spiegelbild einer Gesellschaft geschaffen. Der Sport symbolisiert dabei die Kraft und die Zusammengehörigkeit eines Stadtstaates, Volkes – oder eben einer Nation.


Karl Schranz auf dem Heldenplatz. Und der Sport hat auch im modernen Österreich diese Rolle des Spiegels immer wieder auf sehr eindrucksvolle Art und Weise erfüllt. Das berühmteste Beispiel ist wohl die Affäre Karl Schranz. Als der Skifahrer aus St.Anton am 8. Februar 1972 vom Balkon der Hofburg mehr als hunderttausend Österreichern winkte, war dies der Beweis dafür, dass dieses Land zu diesem Zeitpunkt beileibe noch keine gefestigte Demokratie war. Die Empörung über den Skihelden, der von den Olympischen Spielen in Sapporo ausgeschlossen worden war, offenbarte eine Art nationalen Minderwertigkeitskomplex, der sich schließlich in einem trotzigen „Mir san mir“ artikulierte.

Wäre ein Fall Schranz auch heute möglich? Die Antwort lautet eindeutig Nein. Würde einer unserer Skifahrer in Vancouver im kommenden Februar ein ähnliches Schicksal erleiden, wäre die Empörung unter den Skifans wohl groß. Aber eine Staatsaffäre würde dies nie und nimmer auslösen. In Wahrheit hat es sich schon bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin gezeigt, dass mit dem Sport keine Politik mehr zu machen ist. Schon nach der berühmten Dopingrazzia bei Österreichs Biathleten und Langläufern funktionierte die Flucht in die Opferrolle nicht mehr. Obwohl die „Kronen Zeitung“ alles dafür tat, hier eine nationale Empörung herbeizuschreiben, trugen die Österreicher die Affäre mit relativer Gelassenheit. Fühlten sich die Menschen in diesem Land 1972 gemeinsam mit Schranz persönlich angegriffen, so differenzierten sie 2006 längst zwischen einem rot-weiß-roten Skianzug und ihrem nationalen Selbstwertgefühl.


Die Schadenfreude von Cordoba. Ähnliches manifestierte sich in den vergangenen Jahren im Fußball. Ein Mythos wie „Cordoba“ konnte nur in einem Volk entstehen, das sich noch nicht als Souverän eines demokratischen Staates versteht, sondern sich noch immer verzweifelt nach etwas Größerem, einer Führerfigur, nach einem Kaiser sehnte. „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky verkörperte diese Figur.

Als Hans Krankl mit seinen beiden Treffern gegen Deutschland eine ganze Nation „narrisch“ machte, war es nicht allein der 3:2-Sieg, der die Massen in jahrzehntelange Verzückung versetzte. Was die Glückseligkeit des kleinen Österreich erst so richtig perfekt machte, war der Umstand, dass wir diese Deutschen aus dem WM-Turnier geworfen hatten. „BRD muss Koffer packen“ titelte die „Kleine Zeitung“ damals nicht von ungefähr. Diese nationale Schadenfreude hallt beim Namen Cordoba übrigens bis zum heutigen Tage nach. Hätten wir die Deutschen 3:2 geschlagen – und sie wären danach trotzdem Weltmeister geworden, es wäre nicht dasselbe gewesen. Es wäre nie ein Mythos entstanden.

Dreißig Jahre nach diesem verhängnisvollen Spiel in Argentinien absolvierte Österreich eine großartige Euro2008. Fußball avancierte zu einem großen Fest ohne jegliche nationale oder chauvinistische Zwischentöne. Die Österreicher gefielen sich für kurze Zeit in der Rolle des weltoffenen Gastgebers. Natürlich auch mangels fußballerischer Konkurrenzfähigkeit. Aber in erster Linie spiegelt diese Euro 2008 auch einen gesellschaftlichen Reifungsprozess in diesem Land wider.


Wir müssen uns keine Sorgen machen. Das heißt natürlich nicht, dass dieses „Mir san mir“ hierzulande überhaupt nicht mehr „funktioniert“. Die ausländerfeindlichen Wahlkämpfe der FPÖ laufen fast ausschließlich unter diesem Motto. Aber müssen wir uns deshalb wirklich ernsthaft Sorgen machen? Gehört die FPÖ nicht längst ins Parlament wie der Musikantenstadl ins Fernsehen oder ein Olympiasieger in die Wiener Hofburg?

Es ist doch alles in bester Ordnung. Der Sport wird in diesem Land nicht von der Politik instrumentalisiert, es wird mit den erfolgreichen Sportlern höchstens kokettiert. Politiker in Österreich benützen den Sport nicht, um die Massen zu bewegen, sondern bestenfalls, um altgediente Parteisoldaten mit einem Posten zu versorgen.

Wer in diesem Land zum Sportstaatssekretär oder gar zum Sportminister ernannt wird, der hat seine politische Zukunft in der Regel längst hinter sich. Der taugt dann allerbestenfalls noch zum Präsidenten des Bob- oder des Basketballverbandes. Allerbestenfalls.

Ist das nicht äußerst beruhigend? Wir müssen uns wirklich keine Sorgen machen. Schon gar nicht um unsere Sportler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)

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