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Literatur: Israel im Jahr 2024

Leon de Winter
(c) EPA (Bernd Settnik)
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Leon de Winter zeichnet in seinem neuen Roman ein düsteres Bild von Israel im Jahr 2024. Im Mittelpunkt ein Vater, der verzweifelt nach seinem entführten Sohn sucht. Diesmal ist er so politisch wie noch nie.

Leon de Winter ist geschickt: Er webt sein politisches Maschennetz in eine nervenaufreibend-spannende Geschichte. Die es beinahe schafft, die scharfen Aussagen, die der Autor zum Israel-Palästina-Konflikt auf Lager hat, zu überlesen. Aber eben nur beinahe.

Der Bestsellerautor, selbst Sohn niederländischer Juden, dessen Romane fast immer um jüdische Familientragiken kreisen, beschäftigt sich auch diesmal mit dem Dauerkonflikt im Nahen Osten – in der Zukunft. Worum es dem Autor geht, erfährt man schon im provokanten Titel „Recht auf Rückkehr“. Ums Zurückkehren nach und Weggehen aus Israel dreht sich in der Geschichte rund um den pensionierten Chemie-Nobelpreisträger Hartog Mannheim und seinen erwachsenen Sohn Bram Mannheim viel. War der Vater als KZ-Überlebender nach dem Zweiten Weltkrieg noch in seiner Heimat Holland geblieben, zieht es ihn in den Achtzigerjahren nach Israel. Bram, aufgewachsen in Amsterdam, folgt dem Vater in das Gelobte Land. Jahre später, Ben ist mittlerweile Historiker, verheiratet und Vater eines Sohnes, lockt ihn aber ein lukratives Angebot an der Universität Princeton in die USA.


Überfall und Entführung. Zum Schlüsselerlebnis, das ihn zum Weggang aus Israel bewegt, wird ein nächtlicher Überfall durch eine Gruppe junger Männer. Denkt Bram Mannheim zunächst noch: „Die Männer waren jung, nervös, übermütig. Araber, chancenlose junge Männer, mit Körpern, die sie zu geschmeidigen Kampfmaschinen geschliffen hatten“, so muss er im schwachen Straßenlicht am tätowierten Davidstern auf dem Unterarm eines Jungen erkennen: „Das waren Juden. Er war fast von Juden beraubt worden.“ Vom Erlebten schockiert, entscheidet er sich für den Umzug nach Princeton. Doch erst dort kommt es zur echten Katastrophe: Sein Sohn Ben wird entführt.

Israel 2004 und Princeton im Jahr 2008 – das sind bloß Vorblenden zur eigentlichen Geschichte, die im Jahr 2024 spielt. In einem trostlosen Israel. Das Land ist auf ein Drittel seiner Größe „zu einem Stadtstaat von der Fläche Groß-Tel-Avivs geschrumpft“, der jüdische Kernstaat hat sich von seinen Gebieten mit mehrheitlich arabischer Bevölkerung getrennt, deren Hauptstadt Jerusalem ist. Wer kann, hat das Land längst verlassen oder wartet auf die Ausreisegenehmigung, die meisten in das Land, aus dem sie und ihre Vorfahren vor Jahrzehnten gekommen sind – zurück bleiben nur Alte und Hardcorezionisten. An den Checkpoints wird die DNA der Passierenden nach Juden und Nichtjuden gescannt, die alten Clubs, Hotels und Restaurant stehen leer, so leer wie der Strand in Tel Aviv: „An die vollen Strände um die Jahrtausendwende erinnerte wenig.“ „Chicken Wings“, geräuschlose, schwarze Helikopter überwachen das von Mauern umgrenzte Land aus der Luft. Trotzdem ist Bram Mannheim hierher zurückgekehrt. Er ist Fahrer bei der staatlichen Rettung. Nach dem Verschwinden seines Sohnes, der Scheidung von seiner Frau Rachel und den Jahren, die er danach in Amerika als Obdachloser, halb verrückt und verwahrlost, verbracht hat (diese Stellen sind streckenweise unerträglich langatmig), findet er langsam zurück in einen normalen Alltag. Bis eines Tages eine Explosion am Grenzübergang in Jaffa Dutzende Tote und Verletzte fordert.

Das offizielle Israel spricht von einer Rakete. Mannheim und sein Freund Ikki, mit dem er „Die Bank“, eine Agentur zur Suche verschwundener Kinder leitet, erfahren jedoch, dass der Anschlag von einem Selbstmordattentäter mit jüdischer DNA verübt wurde. Wie schon beim Überfall zu Beginn des Buches lernt Mannheim, dass „einer von ihnen“ der Täter war. Ein Versuch de Winters, althergebrachte Vorurteile zu entlarven? Nur zum Teil. Erst spät wird bewusst, welches gespenstische und doch sehr konstruierte Szenario der Autor da für ein Israel der (gar nicht so weit entfernten) Zukunft erdacht hat. Islamistische Kreise haben es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Kinder in aller Welt zu entführen, um sie in Erziehungslagern in Kasachstan zu kampfbereiten Muslimen zu machen, deren einziges Ziel es ist, sich mit möglichst viele Juden in die Luft zu sprengen. „Das ist doch mal ein Mittel, deinen Feind zu bekämpfen. Mit den Kindern deines Feindes.“ Bram Mannheim muss erkennen, dass sein Sohn einer dieser Kämpfer ist.

Leon de Winter hat sich schon oft kritisch gegenüber der arabischen Welt geäußert und immer wieder die Unverträglichkeit von arabisch-islamischer und westlicher Lebensweise prolongiert. Im Buch legt er Brams Vater harte Worte in den Mund: „Warum sollten Araber die gleichen bürgerlichen Bestrebungen haben wie Europäer?“, fragt der etwa. Die Berliner „taz“ nennt das Buch deshalb „israelische Kampfprosa“. Der Religionskritiker Henryk M. Broder hingegen streut de Winter Rosen. Letztendlich wird der spannende Plot von den teils extrempolitischen Ansichten tatsächlich beeinträchtigt. Das Buch sollte man besser nicht unverdaut, also ohne ausführliche Diskussion, weglegen.

Leon de Winter
Das Recht auf Rückkehr

Diogenes Verlag

550 Seiten

23,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2009)