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Eine überfällige republikanische Geste

Es ist richtig, über eine Umbenennung des Heldenplatzes zu diskutieren.

In der Diskussion um den Heldenplatz zeigt sich erneut: Die Umbenennung von Straßen und Plätzen ist nicht nur ein zuverlässiger Konfliktgenerator, sondern auch ein Seismograph für das Selbstverständnis einer Gesellschaft. Auch der Heldenplatz hieß nicht immer so. 1878 wurde der neutral-topographisch bezeichnete Äußere Burgplatz in den symbolträchtigeren Heldenplatz umbenannt, bezogen auf die kurz zuvor errichteten Reiterstandbilder von Erzherzog Carl und Prinz Eugen.

Die Umbenennung ist durchaus symptomatisch für die „Invention of Tradition“ (Eric Hobsbawm) im dynamischen Zeitalter von Modernisierung, Urbanisierung und Nationalisierung. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war für Wien eine Zeit ungeheurer Veränderung. Die Stadtmauer wurde niedergerissen, die Ringstraße angelegt, das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum errichtet, der Bau der Neuen Hofburg begonnen. Wien wurde Weltstadt – auch durch eine rasante Zuwanderung, in der sich die Bevölkerungszahl binnen weniger Jahrzehnte vervielfachte: 1850 zählte die Stadt 550.000 Einwohner, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Wien mit rund 2,1 Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt der Welt.

Nach 1918 wurde der Heldenplatz zur politischen Bühne der Republik – Aufmärsche und Massendemonstrationen fanden hier statt. 1934 erfolgte die Umgestaltung des Äußeren Burgtors zum Heldendenkmal des diktatorischen Ständestaates, gewidmet den Gefallenen des Ersten Weltkriegs und den „Ruhmestaten“ der habsburgischen Armee. Auch in der Zweiten Republik war der Heldenplatz zentraler Ort gesellschaftlich-politischer Manifestationen. Hier fand in der Besatzungszeit die militärische Wachablöse der Alliierten statt. Zahllose Demonstrationen, Konzerte, zwei Papstbesuche, Angelobung und Leistungsschau des Bundesheeres am Nationalfeiertag, das Lichtermeer 1993 und seit 2013 das Fest der Freude am 8. Mai zeigen, dass sich am Heldenplatz nach wie vor der politische Herzschlag der Republik manifestiert.

Was das Bild des Heldenplatzes aber zweifellos bis heute am stärksten prägt, ist die „Anschluss“-Rede Hitlers am 15. März 1938 – die hier beschworene „Heimkehr“ Österreichs in das Deutsche Reich, vor allem aber der frenetische Jubel sind ein österreichischer Gedächtnisort, der durch Thomas Bernhard und Ernst Jandl auch in den literarischen Kanon Eingang gefunden hat. Dennoch: der Heldenplatz trägt – anders als der 2012 umbenannte Karl Lueger-Ring – keinen historisch belasteten Namen. Er ist zurecht nicht unter den 159 problematischen Straßennamen, die von einer Expertenkommission der Stadt Wien unter Leitung von Oliver Rathkolb erhoben wurden.

 

Kein akuter Handlungsbedarf

Es besteht somit kein direkter Handlungsbedarf, aber gerade das macht die Diskussion so wichtig. Denn die Republik hat sich nie in ihren zentralen Ort eingeschrieben, er ist nach wie vor architektonisch, symbolisch und nicht zuletzt durch die Namensgebung allein von der monarchischen Repräsentation des 19. Jahrhunderts geprägt. Nichts vom Kampf um Republik und Demokratie, vom Ringen um das allgemeine und gleiche Wahlrecht – das Wahlrecht für Frauen ist erst eine Errungenschaft der Republik.

Und im Hinblick auf das Jubiläumsjahr 2018 wird der Platz neue Funktionen erhalten: Das Heldendenkmal im Äußeren Burgtor wird zu einem Lern- und Vermittlungsort, das Haus der Geschichte Österreich wird in der Neuen Hofburg eröffnet. 2018 wäre der richtige Zeitpunkt für eine überparteiliche Initiative zur Umsetzung der symbolisch längst überfälligen republikanischen Geste an diesem Ort. Es wäre ein Signal für die Zukunft, wenn sich die demokratische Republik Österreich 100 Jahre nach ihrer Gründung in ihrem Zentrum nachhaltig einschreibt.

Heidemarie Uhl ist Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2017)