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Pharmakonzern Roche steht vor Erfolg bei Brustkrebsmitteln

APA/BARBARA GINDL
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Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat neue Krebsmittel getestet. Das Ergebnis: Die Lebenserwartung bei einer aggressiven Form von Brustkrebs im frühen Stadium ist dabei deutlich gestiegen.

Eine neue Kombinationstherapie des Schweizer Roche-Konzerns hat in einer spätklinischen Studie das Leben von Brustkrebspatientinnen merklich verlängert. Bei Frauen, die sich zuvor einer Brustkrebsoperation unterzogen hatten, sank durch die Behandlung mit den beiden Roche-Arzneien Perjeta und Herceptin sowie einer Chemotherapie das Risiko eines erneuten Auftretens der Erkrankung statistisch signifikant, teilte der Konzern aus Basel am Donnerstag mit. Die Phase-III-Studie erreichte damit ihr Hauptziel. Als Vergleich diente eine Therapie lediglich mit Herceptin und Chemotherapie. Die detaillierten Testresultate will Roche im Laufe des Jahres veröffentlichen.

Dank des Studienausgangs steigt die Chance, dass Roche drohende Umsatzeinbußen nach dem Auslaufen des Patentschutzes von Herceptin auffangen kann. Dem biotechnologisch hergestellten Medikament droht ab diesem Jahr Konkurrenz durch günstigere Nachahmer-Versionen, sogenannte Biosimilars. Herceptin und Avastin sind die zweitwichtigsten Umsatzbringer des weltgrößten Herstellers von Krebsmedikamenten. Beide Präparate erzielten vergangenes Jahr jeweils 6,8 Milliarden Franken (6,4 Milliarden Euro) Verkaufserlöse.

An der Börse kamen die Neuigkeiten gut an: Die Roche-Genussscheine setzten sich mit einem Kurssprung von 5,5 Prozent auf 259,40 Franken an die Spitze der europäischen Gesundheitswerte und trugen damit maßgeblich zum Anstieg des Schweizer Leitindex bei.

Analyst Michael Nawrath von der Zürcher Kantonalbank traut Perjeta und Herceptin beim Einsatz gegen sogenannten HER2-Brustkrebs im Jahr 2021 in Summe neun Milliarden Franken Umsatz zu. "Der Herceptin-Teil der Kombination wird kaum mit einem Biosimilar ausgetauscht werden", erklärte Nawrath. Sein Kollege Stefan Schneider von der Bank Vontobel erhöhte das Kursziel für die Roche-Scheine auf 301 von 292 Franken.

 

Eingriffe werden weniger invasiv

Die Therapie von Brustkrebs hat sich mit der Zeit von rein chirurgischen Eingriffen hin zu weniger invasiven bzw. konservativen Methoden entwickelt. Zunehmend werden durch die immer früheren Diagnosen auch minimal-invasive Verfahren mit Radiofrequenz-Strahlen, Hitze oder Kälte möglich, hieß es am Donnerstag beim Europäischen Radiologenkongress (bis 5. März) in Wien.

"Vorteile von minimalen invasiven Eingriffen in Vergleich zu chirurgischen Operationen können mannigfaltig sein. Es wird keine Allgemeinnarkose benötigt; die minimal invasiven Eingriffe können unter lokaler Betäubung allein oder unter einer sogenannten Sedoanalgesie – das ist eine örtlich und zeitlich begrenzte Betäubung und Schmerzausschaltung in einem bestimmten Körperareal – erfolgen", wurde Michael Fuchsjäger, Vorstand der Universitätsklinik für Radiologie an der Medizinischen Universität Graz, in einer Aussendung zitiert.

Einem Hautschnitt in unterschiedlicher Größe bei einer Operation stehe bei minimal-invasiven Eingriffen eine vier Millimeter Stichinzision für die Therapienadel gegenüber. Minimal invasive Eingriffe werden naturgemäß brusterhaltend durchgeführt. Das bösartige Gewebe wird nicht entfernt, sondern an seiner Lokalisation zerstört. Der Therapieerfolg – die gesamthafte Zerstörung des Tumors – kann danach nur mit bildgebenden Methoden, z. B. Magnetresonanztomografie der Brust, nachgewiesen werden.

Allerdings gibt es derzeit noch keine enge Definition bzw. keine von multinationalen Gesellschaften entworfenen gültigen Richtlinien, wann bei Brustkrebs ein minimal-invasiver Eingriff nicht mehr möglich ist und wann chirurgisch eingegriffen werden muss. Ein Anwendungsbereich der minimal-invasiven Therapie sind Tumore bei Patientinnen mit Kontraindikationen gegen einen chirurgischen Eingriff bzw. gegen eine Allgemeinnarkose. Ein weiterer Anwendungsbereich sind Tumore, die aufgrund des äußerst fortgeschrittenen Stadiums der Erkrankung nicht mehr kurativ behandelt werden können, so dass eine Operation keine Heilung oder ein verlängertes Überleben garantieren kann. Bisher durchgeführte und publizierte Studien hätten eine extrem hohe Erfolgsrate gezeigt. Große Tumore konnten ebenso zumeist komplett oder zum größten Teil zerstört und somit biologisch inaktiviert werden, stellte der Experte dar.

Doch noch längst sind nicht alle Fragen geklärt. Derzeit gibt es keine Guidelines welche der minimalen-invasiven Verfahren in welchen Fällen bei der Therapie von Brustkrebs zum Einsatz kommen soll. Radiofrequenzen, die Anwendung von Kälte mit bis zu minus 187 Grad Celsius oder von Hitze per fokussiertem Ultraschall (70 bis 95 Grad Celsius) sind die derzeit verwendeten Methoden. In Österreich wird offenbar am häufigsten die Radiofrequenzablation eingesetzt.

Novartis setzt auf Harvard-Forscher

Der Schweizer Pharmariese Novartis setzt bei der Aufholjagd in der Krebs-Immuntherapie auf Forscher der US-Spitzenuniversität Harvard. Denn der weltgrößte Hersteller von verschreibungspflichtigen Medikamenten hat in dem als Durchbruch in der Krebsmedizin gefeierten Therapieansatz bislang kaum Flagge gezeigt und Milliardenumsätzen liegenlassen. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, hat sich der Konzern aus Basel in der renommierten Nachbarschaft seines Forschungscampus in der amerikanischen Ostküstenmetropole Cambridge umgesehen: Vier Harvard-Forscher haben seit 2015 bei den Schweizern angeheuert.

Zuletzt machte im September vergangenen Jahres der Krebsmediziner Peter Hammerman den Schritt von der Forschung in die Industrie. Er, Forschungschef Jay Bradner, Glenn Dranoff und Jeff Engelman sollen das Krebsgeschäft von Novartis wieder auf Touren zu bringen. Während Rivalen wie der Schweizer Erzrivale Roche oder Bristol-Myers Squibb und Merck aus den USA kräftig in die Immuntherapie investiert haben und inzwischen mit modernen Krebspräparaten gut verdienen, hat Novartis noch keine solche Arznei auf dem Markt. Der Ansatz, das körpereigene Abwehrsystem mit Antikörpern aufzurüsten, damit es Tumorzellen erkennen und zerstören kann, gilt als die Zukunft der Krebsmedizin. "Eine Herausforderung hier bei Novartis ist sicherlich, dass wir keinen PD-1- oder PD-L1-Wirkstoff auf dem Markt haben", räumte Hammerman im Gespräch mit Reuters ein. "Unsere Konkurrenten hingegen schon, das ist Realität."

Die mit diesen Kürzeln bezeichneten Proteine spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass T-Zellen des Immunsystems einen Tumor angreifen können oder nicht. Manche Experten billigen dem Ansatz eine tragende Rolle für Medikamenten-Kombinationen zu, dank denen Krebs von einer tödlichen zu einer behandelbaren chronischen Erkrankung werden soll. "Es ist klar, dass PD-L1 und PD-1 das Rückgrat einer Therapie sind", sagte Roche-Pharmachef Daniel O'Day jüngst zu Reuters. Die auf diesem Wirkprinzip basierende Roche-Arznei Tecentriq ist seit vergangenem Jahr zur Behandlung von Blasen- und Lungenkrebs zugelassen.

Investoren nervös

Novartis verfügt mittlerweile ebenfalls über PD-1-Wirkstoffe, eingekauft mit der US-Firma CoStim. Hammerman und seine Kollegen forschen derzeit an insgesamt zwölf potenziellen Krebs-Immuntherapien. Der Experte sieht das Rennen noch nicht verloren: "Es gibt sicherlich Wege, wie wir noch verbessern können, was derzeit bei PD-1 und PD-L1 geschieht." In einem Teilbereich der Immuntherapie geben die Schweizer gemeinsam mit der US-Biotechnologiefirma Kite sogar den Ton an. Bei der CART-Technologie entnehmen Ärzte T-Zellen, modifizieren sie und injizieren sie den Patienten zurück in der Hoffnung, dass sie Krebs wirkungsvoller bekämpfen. Novartis traut dem Wirkstoff CTL019 eine Milliarde Dollar oder mehr Umsatz zu und will dieses Jahr in den USA die Zulassung zur Behandlung von B-Zellen-Lymphom beantragen.

Investoren muss Novartis allerdings noch davon überzeugen, dass das Unternehmen in der Krebs-Immuntherapie, der Analysten jährlich 30 bis 40 Milliarden Dollar Umsatz zutrauen, mithalten kann. Das Krebsgeschäft des Konzerns leidet bereits unter dem Umsatzschwund des Blutkrebsmedikaments Glivec, nachdem günstigere Generika dem einst wichtigsten Umsatzträger nach dem Auslaufen des Patentschutzes Konkurrenz machen.

Die Novartis-Aktien verloren in den vergangenen beiden Jahren rund ein Fünftel an Wert, während etwa die Merck-Titel elf Prozent zugelegten. Manche Investoren fürchten, der Konzern könnte zu einem teuren Zukauf gezwungen sein, um in der Krebs-Immuntherapie wieder den Anschluss zu finden. "Ich habe Novartis verkauft", sagte Phil Webster, Fondsmanager bei BMO in London. "Mich beunruhigt etwas, was sie tun werden, was sie kaufen werden. Es gibt offensichtlich Löcher in ihrer Krebs-Pipeline."

Zu Novartis gelockt hat Hammerman nach eigenem Bekunden die Aussicht auf praktisch unbegrenzte Forschungsmittel. Er arbeite mit 65 Leuten an Projekten, für die er in seinem Universitätslabor zehn Mitarbeiter hatte. "Wir haben viel mehr Patienten, viel mehr Proben, viel mehr Versuche und viel mehr Ressourcen als jedes akademische Labor." Auch die Rückkehr in den Kreis seiner Harvard-Kollegen, mit denen er regelmäßig zu Mittag essen gehe und nach der Arbeit gelegentlich auf ein Bier, spielte eine Rolle. Bradner ist Chef des Novartis Institute for BioMedical Research (NIBR), Dranoff, Engelman und Hammerman leiten Forscherteams. Die vier Forscher haben Hunderte wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, darunter vergangenes Jahr einen Artikel in "Natur" über die Bildung von Resistenzen bei Tumoren gegen Anti-PD-1-Wirkstoffe.

Das geballte Wissen lässt sich Novartis einiges kosten. Die Gehälter von Dranoff, Engelman und Hammerman sind nicht öffentlich bekannt. Für Bradner weist Novartis im Geschäftsbericht 2016 einen Lohn von 5,7 Millionen Dollar aus. Die akademische Welt kann da nicht mithalten.

 

(APA/Reuters)