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Mitteleuropa ist anders als die Visegrád-Staaten

Gastkommentar. Österreichs neuer Außenpolitikschwerpunkt hat richtige historische Ursachen, erfolgt aber aus falschem politischen Anlass.

Vor Kurzem mahnte in der „Presse“ eine der nach wie vor renommiertesten Publizistinnen Österreichs, Barbara Coudenhove-Kalergi, deren schillernder Onkel Richard als einer der geistigen Väter des vereinigten Europa gilt, am Beispiel aktueller Diskussionen über die korrekte Benennung von Plätzen im Zentrum Wiens einen entkrampften Umgang der Republik mit der Monarchie ein. Als Vorbild im Rahmen einer umfassenden Argumentation nannte sie Frankreich, das sich angesichts eines couragierten Blicks in die positive wie negative Tradition von Staat und Nation nicht scheue, (nicht nur, aber auch) von „Gloire“ zu sprechen.

Über ein abwägendes Bewusstsein eigener und fremder Historie verfügt – ein Jahr, ehe Österreich 2018, rund hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die EU-Ratspräsidentschaft neuerlich übernimmt – das neue Mitteleuropa nicht. Hatten dessen Völker 1918 einen entweder als Republik oder Monarchie mehr oder minder demokratisch verantworteten Weg der Freiheit gewählt, der sie nach schwersten Brüchen durch rechte wie linke Totalitarismen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Schritt für Schritt in die Europäische Union führte, wurde spätestens seit dem Jahr 2015 deutlich, dass es den meisten mitteleuropäischen Staaten an einer Haltung gerade jener Toleranz und Solidarität gegenüber außereuropäischen Immigranten fehlt, die sie stets, vor allem beim eigenen EU-Beitritt, für sich selbst einmahnten! Können wir dabei von europäischer Identität als Einheit in Vielfalt sprechen?

Das Ende des Ersten Weltkriegs war der Untergang eines alten Mitteleuropa, wie es sich in Form Österreich-Ungarns über die Grenzen der heutigen Europäischen Union hinaus etabliert hatte. Ob es sich nun bei ihm, wie sich renommierte deutsch- und englischsprachige Historiker und Politologen in ihren gegenwärtigen Werken über die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ direkt oder indirekt fragen, um eine frühe Art dessen handelt, was wir heute als eine nicht nur inter-, sondern auch supranationale Vereinigung à la Europäische Union bezeichnen, bleibt offen.

Wenn wir Pars pro Toto an das Wien um 1900 denken, immerhin die sechstgrößte Stadt der damaligen Welt und viertgrößte Europas, hielt in der multiethnischen Metropole nicht nur die Mitte, sondern gewissermaßen der gesamte Kontinent seine Probe im radikal Positiven (insbesondere betreffend Wissenschaften und Kunstschaffen) Richtung Zukunft und extrem Negativem (etwa durch die politische Prägung nicht nur Hitlers, sondern auch, wenngleich in kürzerem Zeitraum, Lenins, Trotzkis oder Stalins) Richtung Vergangenheit.

War das EU-Friedensprojekt nach den nationalistisch getragenen Kriegen, die den Kontinent über Jahrhunderte verwüstet hatten, eigentlich mehr supra-, denn international gegründet worden (wobei Christdemokraten Frankreichs, Italiens und Deutschlands wie Robert Schuman, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer oder Sozialdemokraten wie Paul-Henri Spaak Pate standen), begannen im bleibenden Schatten des nicht mehr vorhandenen Eisernen Vorhangs nationalistische Bewegungen nach und nach Fuß zu fassen und dem einigen Geist Europas zu widersprechen: zunächst verhaltener, sodann offener, schließlich vehement.

„Visegrád“, ein historischer Name, geriet dabei zum Synonym neuer alter Verschlossenheit des Ostens gegen den Westen mitten in Europa. Vieles, was Dissidenten wie Václav Hável oder Tadeusz Mazowiecki und Intellektuelle wie Claudio Magris oder György Sebestyén progressiv erdacht hatten, wird aktuell von rechts- und linkspopulistischen Politikern wie Victor Orbán und Jarosław Kaczyński respektive Miloš Zeman und Robert Fico regressiv verdrängt. Erstere bezogen sich dabei auf Hoffnungen, Letztere bedienen Ängste.

Nicht verwunderlich konkurrieren die nationalen Narrative Mitteleuropas nach wie vor um Opferrollen, die weit in die Geschichte zurückweisen: die Schlachten im Kosovo, von Mohács oder am Weißen Berg sind über Jahrhunderte festgelegte Erinnerungen an als nationale Katastrophen empfundene Ereignisse. Im 20. Jahrhundert kommen den Frieden von Trianon (mit Bezug auf Ungarn) und München (mit Bezug auf die Tschechoslowakei) ähnliche Funktionen zu: als Fixierung eines jeweils zutiefst als Unrecht gefühlten Diktats. Das Gleiche gilt für den Staat, den der sozialistische Nationalist Georges Clemenceau in Saint Germain als „verbleibenden Rest“ bezeichnete.

Eine Wahrnehmung von Geschichte als Abfolge nationaler Opfergänge lädt ihrerseits zu Verschwörungshypothesen ein, vor denen neben Polen und Ungarn auch Slowenien oder Kroatien, Polen oder Österreich, die späteste der genannten Nationen, nicht gefeit waren. So führte der ambivalente Opferdiskurs der Alpenrepublik in der (mit Ungarn geteilten) Rechtsnachfolge der Donaumonarchie ebenso zum Anschlusswunsch vor 1938 wie zum Trugbild des „ersten Opfers Hitlers“ nach 1945.

Was Deutschland nach 1989 gelang, nämlich die Wiedervereinigung des Westens und Ostens, misslang Österreich: trotz vager Versuche der Außenminister Alois Mock und Benita Ferrero-Waldner bis 1995 bzw. ab 2000 sowie wegen geringen Interesses des Außenministers dazwischen, Wolfgang Schüssel, wurden in Mitteleuropa keine relevanten Weichen nachhaltiger Kooperation gestellt: weder im Unterbau (z. B. in der Verkehrsinfrastruktur) noch im Überbau (zur Vernetzung von Bildung und Kultur, was sich spätestens 2015 in einem offeneren Klima gegenüber Fremdem positiv ausgewirkt hätte) noch in Form einer innerhalb der EU gemeinsam auftretenden Gruppe (etwa: Visegrád plus bzw. ein Mitteleuropäischer Rat).

Politisch versäumte Österreich, nicht nur taktische, sondern auch strategische Allianzen zu schmieden, wie sie unter den Benelux-, den nordischen und baltischen Staaten sowie zwischen Deutschland und Frankreich oder diesen beiden Staaten mit Polen entweder seit vielen Jahren bestanden (vgl. Elysee-Vertrag) oder vor wenigen (Weimarer Dreieck) eingerichtet wurden. Dass der West-Balkan nun zum Schwerpunkt österreichischer Außenpolitik ernannt worden ist, verweist zwar auf richtige historische Ursachen (nämlich Inklusion), kennt aber einen falschen politischen Anlass (nämlich Exklusion).

Herz des Kontinents pulsiert

Seien wir in Summe sicher: Das Herz des Kontinents pulsiert nach wie vorn. Das zeigen nicht nur seine Metropolen in deren transnationalen Wissenschaften und Kunstschaffen, sondern auch deren Bürgersinn und Zivilcourage von 1953 und 1956 über 1968 und 1989 bis zum aktuellen Rumänien mit dessen Präsidenten, Klaus Johannis, einem Repräsentanten der deutschsprachigen Minorität Siebenbürgens.

Es liegt an den Gestaltenden des Hier und Jetzt, Österreichs Außenpolitik künftig nicht nur technokratisch unter dem Vorzeichen von OSZE oder UN zu führen, sondern Mitteleuropa, dessen Teil Österreich bleibt, im Geist einer Europäischen Union der Einheit in Vielfalt konstruktiv zu beleben. Vielleicht gibt es keinen größeren aktuellen Auftrag an unser Land als diesen? Gerade angesichts 1918/2018, wenn Österreich die Ratspräsidentschaft nicht nur innehaben, sondern auch wahrnehmen wird. Das würde ihm zu echter „Gloire“ gereichen!


E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Neu: Anton Pelinka, Karin Bischof, Walter Fend, Karin Stögner, Thomas Köhler (Hg.), „Geschichtsbuch Mitteleuropa – Vom Fin de Siècle bis zur Gegenwart“ (mit Beiträgen von Historikern und Politologen Polens, der Tschechischen und Slowakischen Republik, Ungarns, Sloweniens, Kroatiens und Österreichs), New Academic Press, Wien, 2016.

 

 


[NCFTC]

(Print-Ausgabe, 03.03.2017)