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Egon Schwarz: Auf immer ein Zuagraster

Geboren 1922 in Wien, gestorben kürzlich in St. Louis, Missouri: der Literaturwissenschaftler Egon Schwarz über den „linguistischen Bazillus“, Jahre in Bolivien, Ruth Klüger und das Verschwinden des „Schalerls“. Eine letzte Begegnung in Wien.

Egon Schwarz galt jahrzehntelang als als einer der wichtigsten Vermittler deutschsprachiger Literatur und Kultur in den USA. 1922 in Wien als Sohn eines ostjüdischen Kaufmanns geboren, gelang ihm an der Seite seiner Eltern 1938 die Flucht nach Bolivien. Studium der Germanistik und Romanistik in Columbus, Ohio, und an der University of Washington in Seattle. Lehrte anschließend Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Harvard University sowie an der Washington University in St. Louis. Schwarz starb am 11. Februar dieses Jahres in St. Louis, das folgende Gespräch wurde anlässlich seines letzten Wien-Besuchs im Oktober vergangenen Jahres geführt.

Egon Schwarz, Sie haben als einer der Ersten in Amerika über österreichische Literatur unterrichtet und diese protegiert. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich weiß nicht, ob ich unter den Ersten war, aber ich hab mich geärgert, dass österreichische Literatur nie als eigene behandelt wurde in den Seminaren. Die Annahme war, dass es eine deutschsprachige Literatur gibt, und die Schweizer und die Österreicher gehören dazu. Man hat die Eigenart nicht wahrgenommen hat, die österreichische Eigenart. Natürlich wusste ich auch nicht furchtbar viel darüber, aber ich wusste, dass es nicht so war, wie's beschrieben wurde.

Sie schreiben, Sie waren vom „linguistischen Bazillus“ angesteckt, ein Fan von Metaphern, Redensarten, Akzenten, und haben deshalb viel klarer erkennen können als andere, was das Österreichische in der österreichischen Literatur ist.

Ich hab einen Aufsatz geschrieben mit dem vielsprechenden Titel „Was ist österreichische Literatur?“ Worauf ich am Ende kam, war, dass nicht alles, was in Österreich geschrieben wird, österreichische Literatur ist. Es gibt Werke, die ununterscheidbar von in Deutschland publizierten sind, und andere, die etwas einfangen, österreichische Geschichte zum Beispiel. Natürlich gab es Leute, die von der österreichischen Literatur sprachen, aber die haben alles, von den Kreuzzügen an, als typisch österreichisch bezeichnet. Das war so eine reaktionäre Art, mit der Frage umzugehen! Und dann hab ich gesagt, warum nicht, und hab angefangen. Zuerst in Harvard, dann bin ich nach St. Louis und hab das weitergemacht.

War diese Leidenschaft für Literatur etwas, das Ihnen in die Wiege gelegt wurde?

Meine Familie hat damit wenig im Sinn gehabt. Immerhin, meine Mutter war eine Leserin, aber ich glaub, sie hat vor allem Schundromane gelesen. Dass man ein Buch kauft und liest, hab ich also zu Hause gelernt. Für mich war Literatur alles Mögliche, auch Eskapismus. Sie müssen sich vorstellen, ich saß plötzlich in La Paz – das ist heute noch abwegig, damals war's außerhalb der Welt. 90 Prozent der Bevölkerung waren Indianer, deren Muttersprachen Quechua oder Aymara waren und die Spanisch genauso lernen mussten wie wir. Außerdem trennten uns auch Kultur-Äonen von diesen Leuten, sodass wir hauptsächlich auf uns selber angewiesen waren. Das ist ein rasanter Unterschied zu jenen Emigranten, die in die USA gegangen sind, die wollten und mussten sich anpassen. Jetzt ist es ein bisschen anders, aber damals verlangte man, dass sie so sehr Amerikaner würden wie möglich. Was nicht leicht ist. Ich bin jetzt seit 1949 in den USA und immer noch keiner.

Sie sind nur dem Pass nach Amerikaner?

Ich bin ein Pass-Amerikaner. Wenn ich den Mund aufmache, erkennt man mich sofort als Zuagrasten. Ich hab keine Ahnung von der populären Musik, ich hab keine Ahnung vom amerikanischen Sport, ich nehme die amerikanische Politik nicht ernst – also bin ich ein totaler Außenseiter, wirklich. Aber ich hab Freunde, hab meinen Kreis und meine Familie.

Zu Ihrer Autobiografie: „Unfreiwillige Wanderjahre“ ist eine Goethe-Anspielung, hat zudem eine große phonetische Nähe zu Amérys „Unmeisterlichen Wanderjahren“ – war das beabsichtigt?

Nein, das spielte auf Goethe an. Das Wort „unfreiwillig“ ergab sich – in meiner Jugend war nichts freiwillig. Das hab ich auch thematisiert in dem Buch. Ich hab darauf bestanden, dass es vielleicht eine Art freien Willen gibt – natürlich nicht in einem religiösen Sinn, sondern darin, dass jedes Individuum glaubt, dass das, was es macht, seiner Willensentscheidung untersteht. Uns hat man das ja sehr deutlich gemacht – kein Mensch wollte nach La Paz! Vor ein paar Jahren ist dort ein soziologisches Buch erschienen . . .

Sie meinen Léon Biebers Studie über „Jüdisches Leben in Bolivien“?

Er ist auch Sohn von Emigranten. Mit seinem Buch hat er der ganzen Welt bewusst gemacht, was ich längst wusste, nämlich dass kein Mensch freiwillig in Bolivien blieb. Die Emigranten waren keineswegs dankbar, dass sie dort eingelassen wurden. Sie waren frech. Es kursierte das Wort, dass die Vorfahren der Bolivianer noch auf den Bäumen herumturnten, als die Vorfahren der Emigranten schon Zuckerkrankheit hatten.

Und das gesellschaftliche Leben innerhalb der Community? Rund um Fritz Kalmar gab es eine Emigrantenbühne in La Paz, haben Sie die gekannt?

Zu der Zeit war ich nicht mehr da. Das ist ein Faktor, den man nicht vergessen darf: das Alter, in dem man emigriert. Ich hatte noch keine Ausbildung, die ich weiter verfolgen konnte, um mein Leben zu fristen, und von meinen Eltern wurde ich sofort getrennt, als ich 16 Jahre alt war. Wäre ich jünger gewesen, hätte ich mich leichter angepasst. Aber ich war eben dazwischen und kein ganz unbeschriebenes Blatt mehr. Das Gymnasium hat mich stark geprägt, obwohl ich's nicht mochte. Es hat auch in meiner Autobiografie eine sehr schlechte Note bekommen.

Andererseits schreiben Sie, die sechs Jahre Stubenbastei haben Ihnen einen Grundstock an Bildung gegeben und die Möglichkeit, eine neue Sprache zu erlernen – also ein gewisses Rüstzeug haben Sie schon mitgebracht.

Exakt, ich war eben undankbar. Die Menschen sind nicht dankbar. So war es eben. Diesen ganzen Ballast hab ich mitgenommen, weiß gar nicht, wozu. Das hat die sonderbarsten Szenen hervorgerufen: Die Indianer, die an den Wänden herumsaßen und Coca-Blätter kauten, die hab ich gefragt, wie sie heißen, und dann hab ich ihnen erzählt, dass sie berühmte Vorfahren haben, wenn einer Cervantes hieß – die hatten natürlich keine Ahnung, von wem dieser trottelige Emigrantenjunge spricht.

Ruth Klüger schreibt, sie habe zwei Dinge von Ihnen gelernt: dass man als Vertriebene trotz Hitler Germanistik studieren kann und dass Exilliteraturforschung kein wissenschaftliches Exotikum ist, sondern eine ernsthafte Disziplin.

Das erklärt sich aus dem großen Altersunterschied, sie ist ja zehn Jahre jünger. Als wir uns kennenlernten, auf den Stufen der berühmten Sproul Hall in Berkeley saßen, wo sich der Studentenfrühling abgespielt hat, und uns unsere Lebensgeschichten erzählten – da war sie grad am Anfang ihres Studiums und wusste ganz wenig von deutscher Literatur.

Georg Stefan Troller erzählt in seiner „Selbstbeschreibung“, dass er Einladungen zu Vorträgen nach Wien gerne dazu benutzt, rund um den Börseplatz im Asphalt nach den Spuren ehemaliger Tramwaylinien zu suchen. Wie gehen Sie mit Wien um?

Ich war 16 Jahre in Südamerika und dann kam ich plötzlich wieder nach Europa, da zog's mich sehr hierher. Wien war noch halb zerstört, und die Leute waren unangenehm – die Leute sind überhaupt unangenehm, ganz egal, wo sie sind . . . Ich war emotional ganz eingenommen von der Rückkehr nach Wien, war bei dem Haus, wo wir gewohnt haben, und da hab ich's aus meinem System rausgekriegt. Und jetzt bin ich hier, ungerührt von Wien. Ich unterscheide mich immer noch von den Touristen, weil ich doch verbunden bin und weiß, wo was ist. Ich kenn auch Orte, die nicht angeschrieben sind oder nicht mehr heißen wie früher: Bellaria zum Beispiel, die Sirk-Ecke.