Die ersten Bauern

Großgärtner: 15 Prozent der Blätter des Regenwaldes werden von ihnen abgeschnitten und in der Pilzzucht eingesetzt.
Großgärtner: 15 Prozent der Blätter des Regenwaldes werden von ihnen abgeschnitten und in der Pilzzucht eingesetzt.(c) REUTERS (Juan Carlos Ulate / Reuters)
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Lang bevor die Menschen die Agrikultur erfunden haben, ist sie schon von vielen anderen Lebensformen praktiziert worden, selbst von Einzellern.

Wenn im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt, dann tut er das schon lang nur mehr metaphorisch und rückt in der Realität mit Maschinen aus, die an gröberes militärisches Gerät gemahnen. Aber damit betreibt er im Grunde nichts anderes als das, was seine Ahnen mit bloßen Händen und Stöcken getan haben: Sie verbreiteten Samen, gruben sie ein, hegten, pflegten die Pflanzen dann, mit Düngen und Jäten. Das klingt banal, ist aber eine hohe Kunst, die sich in der Geschichte der Menschheit spät entwickelte – sehr spät, vor 11.000 Jahren in der Neolithischen Revolution – und zunächst einen hohen Preis forderte: Die Menschen blieben kleiner, zogen sich neue Leiden zu, starben früher, kurzum die Erfindung der Landwirtschaft war „der größte Fehler in der Geschichte der menschlichen Rasse“, eine „Katastrophe, von der wir uns bis heute nicht erholt haben“.

Das schrieb 1987 das Multitalent Jared Diamond, er konnte es in aller Ruhe schreiben, weil er die Früchte des Unheils genoss: Die Ernährung war gesichert – in reichen Ländern –, und die Landwirtschaft warf längst so viel ab, dass der größte Teil der Gesellschaft davon befreit war und sich anderem widmen konnte, der Wissenschaft etwa.

Das ist ein Privileg der Menschheit, die Agrikultur ist es nicht, sie kam anderen auch in den Sinn, um etliches früher. Wem und wann? Das ist eine Frage der Definition: Da gibt es etwa das Dreizehenfaultier, es lebt in Bäumen und kommt doch ab und zu herab, zum Koten. Das ist mühsam und gefährlich, man konnte sich lang keinen Reim darauf machen. Bis Jonathan Pauli (Madison) 2014 bemerkt hat, dass das Faultier sein eigenes Fell beweidet, es leckt Algen heraus, die fettreich und gut verdaulich sind. Und sie gedeihen dort, weil es viel Stickstoff gibt. Er kommt mit anderen Fäkalien, jenen von Motten, die im Fell hausen. Diese wieder legen ihre Eier in Faultierkot, deshalb wird er auf dem Boden platziert, so schließt sich die Dreierkette des Algengartens (Proc. Roy. Soc. B 2013, 2006).

Oder die Yeti-Krabbe, sie lebt an Tiefseevulkanen und heißt ihres seltsamen Aussehens wegen so, aber ihr Verhalten befremdet auf den ersten Blick auch: Sie wedelt ihre Scheren hin und her, auch wenn keine Beute zu greifen ist. Aber auf den Greifern selbst gibt es Futter, Bakterien, die durch das Herumwedeln mit Nährstoffen versorgt werden, Andrew Thurber (La Jolla) ist das aufgefallen (PLoS One e26243).

Das sind evolutionär späte Beispiele, Ähnliches praktizieren aber scheinbar primitive Tiere, Einzeller gar: Dictyostelium ist eine Amöbe, die im Boden lebt und sich von Bakterien nährt, sorgsam: Sie frisst nicht alle. Ist eine Region fast abgegrast, schließen sich Tausende Amöben zusammen und lagern Bakterien ein, dann wandert das Gebilde in eine neue Heimat – und setzt die Bakterien frei, als Saatgut, Debra Briook (Rice University) hat es bemerkt (Nature 469, S. 393). Ähnlich hält es der Fadenwurm C. elegans: Auch er lebt im Boden von Bakterien, auch er frisst nicht alle, sondern sorgt mit Klebstoff dafür, dass manche an seiner Haut haften. Ist er weitergezogen, kommen sie wieder los und mehren sich, zum eigenen und der Würmer Nutzen, Shashi Thutupalli (Bangalore) hat es gezeigt (Pnas, 11. 2.).


Uralte Pilzgärten. Agrikultur im strikten Sinn ist das wohl nicht – eher Mutualismus: Zusammenwirken zum gegenseitigen Nutzen –, aber auch diese entstand früh, in Afrika vor 30 Millionen Jahren, in Südamerika vor 50, in beiden Fällen durch soziale Insekten, in Afrika durch Termiten. Sie reagierten mit dieser Wirtschaftsweise auf einen Klimawandel im Rift Valley, der späteren Wiege der Menschheit. Dort wurde das Leben härter, Wälder wichen, Termiten stellten auf das Anlegen unterirdischer Gärten um, in denen sie Pilze züchteten, auf organischem Substrat, das sie an der Oberfläche noch zusammenraffen konnten (PLoS ONE e0156847).

Die gleiche Erfindung machten Ameisen in südamerikanischen Regenwäldern, Atta. Auch sie holten zunächst verrottendes Biomaterial ein, vor 15 Millionen Jahren dann spezialisierten sie sich auf das Schneiden von Blättern. Und wie – 15 Prozent des Regenwaldes verschwinden in ihren unterirdischen Nestern, in denen sie Pilze damit füttern, von denen sie leben und mit denen sie eine „unheilige Allianz“ bilden, gegen die Pflanzen keine Chance haben: Sie haben zwar ihre Blätter gegen Pilze gesichert, mit Wachsen, aber den Beißern der Ameisen halten sie nicht stand; und in das Grün eingelagerte Gifte, die die Ameisen töten würden, werden von den Pilzen schadlos abgebaut.

Das ergibt eine Agri- bzw. Hortikultur von höchster Raffinesse: Die Gärten sind bedroht, von anderen Pilzen und anderen Ameisen. Die anderen Pilze greifen die Gartenpilze an, deswegen jäten die Ameisen sorgfältig, und sie haben eine chemische Waffe: Sie tragen Bakterien auf sich, die ein wirksames Gift gegen andere Bakterien und Pilze produzieren. Gegen andere Ameisen hilft das nichts, manchmal werden Völker attackiert. Deshalb dulden sie eine dritte Partei, wieder Ameisen, wehrhafte: Sie dürfen mitnaschen, und in der Not verteidigen sie alles.

Dann sind da natürlich noch die Pilze, sie sind eifersüchtig, dulden keine anderen neben sich: In ihrem Körper haben sie ein Molekül, das von Ameisen nicht verdaut, sondern wieder ausgeschieden wird, im Urin. Mit ihm düngen sie die Pilze. Und sie merken, ob ihr Molekül dabei ist. Falls nicht – falls die Ameisen in einer anderen Kammer andere Pilze ziehen –, stellen sie die Freundschaft ein, und mit ihr das Wachsen (Pnas 110, 15752). Zu danken ist der Fund, wie fast alles über Atta, Jacobus Boomsma (Kopenhagen).

So eine Landwirtschaft – Monokultur über Millionen Jahre – beherrscht der Mensch nicht. Und jene, die er kann, beherrschen Ameisen auch, Guillaume Chomicki (München) hat es gerade bemerkt (Nature Plants, 21. 11.): Auf den Fidschi-Inseln gibt es eine Art, die Samen von Pflanzen sammelt, die in Rissen von Baumrinden wachsen. In sie wird gesät, dann bewacht und gedüngt, mit Fäkalien. Im Gegenzug wachsen die Pflanzen so, dass sie Nester für die Ameisen bilden. Und wenn sie Früchte tragen, wird geerntet, das Fruchtfleisch wird verzehrt, die Samen werden ausgesät. So leben sie seit drei Millionen Jahren zusammen, und ohne einander können sie es nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2017)

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