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Der tiefe Fall des Drogeriekönigs

Die Schleckers auf einem Familienfoto aus 1987: Damals war noch keine Rede von Pleite oder Prozess.
Die Schleckers auf einem Familienfoto aus 1987: Damals war noch keine Rede von Pleite oder Prozess.RASCH / Action Press / picturedesk.com
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Am Montag startet der Prozess gegen den Handelspatriarchen Anton Schlecker. Er soll seine Gläubiger bei der Firmenpleite 2012 um Millionen gebracht haben. „Deutschlands meistgehasster Unternehmer“ steht nicht zum ersten Mal vor Gericht.

Sicherlich sei Anton Schlecker „beratungsresistent“ gewesen, sagt Arndt Geiwitz. „Aber Herr Schlecker hat sich nicht aus der Verantwortung gestohlen“, betont der Insolvenzverwalter von Deutschlands einstigem Drogeriekönig. Die Staatsanwaltschaft will Geiwitz' Narrativ nicht glauben: Ein Patriarch, der das unaufhaltsame Ende seines zu Spitzenzeiten 50.000 Mitarbeiter und 14.000 Läden umfassenden Imperiums nicht absehen – oder zumindest wahrhaben – konnte? Als die Schlecker-Pleite Anfang 2012 verkündet wurde, trat nicht er selbst, sondern seine Tochter Meike mit den Worten „Es ist nichts mehr da“ vor die Presse. Das wollen die Ermittler bis heute nicht glauben.

Die Stuttgarter Staatsanwälte entwerfen ein Gegenbild: Der 72-jährige öffentlichkeitsscheue Schlecker wird des vorsätzlichen Bankrotts angeklagt. Er soll genau gewusst haben, wie nah sein einstiges Paradeunternehmen aus Wirtschaftswunderzeiten der Pleite war. In diesem Wissen soll er in 36 Fällen Millionen dem Zugriff seiner Gläubiger entzogen haben. Zudem wird ihm vorgeworfen, 2009 und 2010 die Konzernverhältnisse beschönigt und vor dem Insolvenzgericht unter Eid Falschaussagen getätigt zu haben. Neben Anton Schlecker sitzen auch seine Frau Christa und die Kinder Meike und Lars ab diesem Montag, den 6. März, auf der Anklagebank des Landgerichts Stuttgart. Dem hauptangeklagten Familienoberhaupt drohen bis zu 10 Jahre Haft. Das Finanzamt soll laut einem „Spiegel“-Bericht von Freitag zudem Steuernachforderungen auf 68 Mio. Euro gegen seine Kinder erheben.

Die Fahnder wollen mit 204 Aktenordnern voller Unterlagen aus dreijähriger Recherche ihren Verdacht belegen: Es wäre mehr Geld da gewesen – laut Medienberichten 26 Mio. Euro. Geld, das unter anderem den 27.000 Mitarbeitern und den hunderten Vermietern zugestanden wäre, die leer ausgingen und bis heute auf Forderungen von einer Milliarde Euro sitzen sollen. Das Reich des Anton Schlecker zeichnete sich seit jeher durch eine kuriose Unternehmensform aus: Nachdem er die 17 elterlichen Metzgereien und eine Fleischfabrik zu einem multinationalen Handelskonzern ausgebaut hatte, führte er ihn nach wie vor als „eingetragener Kaufmann“ weiter. Das brachte den Nachteil mit sich, dass Schlecker mit seinem gesamten Privatvermögen für Firmenverluste haftete.

Andererseits konnte ihm als alleinigem Inhaber niemand in die Geschäfte reden und er musste keine Konzernzahlen veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass die Rechtsform, die dem einst auf 1,65 Mrd. Euro geschätzten Familienvermögen gefährlich werden konnte, bis zum bitteren Ende beibehalten wurde, weil sonst die innerfamiliären Vermögensverschiebungen aufgeflogen wären. 10,1 Mio. Euro mussten die Schleckers 2013 nach zähen Verhandlungen an Insolvenzverwalter Geiwitz zurückzahlen. Einige Geldflüsse auf die Konten von Frau, Tochter und Sohn kurz vor dem Aus waren aufgefallen. Gegen die drei wird wegen Beihilfe zum vorsätzlichen Bankrott ermittelt. Sie sollen unter anderem Gelder in eine Logistikfirma verschoben und Honorare ohne Gegenleistung erhalten haben.


Mitarbeiter um Lohn betrogen.
Wenn an morgigen Montag der Großprozess in Stuttgart startet, stehen Anton und Christa Schlecker nicht das erste Mal vor Gericht. „Deutschlands meistgehasster Unternehmer“, der von Dekoelementen und Infrastruktur in seinen Supermärkten ebenso wenig hielt wie von mitarbeiterfreundlichen Arbeitsbedingungen, wurde 1998 gemeinsam mit seiner Frau wegen Betrugs zu je zehn Monaten Haft auf Bewährung und zur Zahlung von einer Mio. Euro verurteilt. Sie hätten hunderten Verkäufern jahrelang vorgeschwindelt, korrekt nach Kollektivvertrag entlohnt zu werden.

Insolvenzverwalter Geiwitz ist gerade mit einer ganz anderen Causa beschäftigt: Er klagt ehemalige Schlecker-Lieferanten wegen Preisabsprachen auf 335 Mio. Euro. Das seit fünf Jahren laufende Konkursverfahren könnte daher nochmals so lange dauern. Die Rechte an der Marke Schlecker sind dafür seit Jänner wieder am Markt – es sei aber „schwer, einen Käufer zu finden“.

Vor Gericht

Ab Montag, den 6. März, muss sich der Ex-Drogeriekettenchef Anton Schlecker (72) vor dem Landgericht Stuttgart in 36 Fällen wegen vorsätzlichen Bankrotts verantworten.

Er soll vor der Insolvenz illegal Millionen in Sicherheit gebracht haben. Ihm droht eine Haft von bis zu zehn Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2017)