Die häufige Nutzung sozialer Netzwerke und das steigende Gefühl der sozialen Isolation gehen Hand in Hand miteinander einher. Unklar ist allerdings, wie herum die Kausalität läuft.
Wenn man in der U-Bahn um sich schaut, dann ist man oft der Einzige, der das tut, alle anderen – unabhängig von Geschlecht, Alter und geografischer Herkunft – sind vertieft in die elektronischen Zauberkästen in ihren Händen. Und nicht alle sehen glücklich aus dabei. Das kann natürlich auch am Auge des Betrachters liegen, der diesem Fortschritt nicht folgen will, und der auch nicht immer glücklich in die Welt schaut, auch nicht im Gespräch von Gesicht zu Gesicht mit Freunden und Vertrauten. Um sich mit denen zu treffen, hat man früher zum Telefon gegriffen, inzwischen sieht man, wieder beim Beobachten, diesmal im Kaffeehaus, dass Gespräche oft ins Stocken geraten, weil die Teilnehmer rasch einen Blick auf das Ding in ihrer Hand werfen, oder auch weniger rasch.
Welchen Einfluss diese Geräte bzw. die durch sie ermöglichte/erzwungene Kommmunikationsweise auf das Verhalten und Wohlergehen haben, ist erstaunlich wenig erforscht. Ein Befund deutete 2013 darauf, dass die Häufigkeit des privaten Nutzens von Facebook & Co. mit depressiver Stimmung korreliert (PLoS ONE e69841). Nun zeigt sich das Gleiche genereller bei der Isolation, der subjektiven: dem Gefühl, in ihr zu stecken. Brian Primack (University of Pittsburgh) hat das bei 1787 US-Bürgern im Alter von 19 bis 32 abgefragt, er wählte die Gruppe, weil über 90 Prozent ihrer Mitglieder regelmäßig in sozialen Netzwerken unterwegs sind.
„Wir wissen nicht, was zuerst kam“
Abgefragt hat er auch die gefühlte Isolation, mit vorgegebenen Statements wie „Ich fühle mich ausgeschlossen“ oder „Ich fühle, dass die Leute mich nicht wirklich kennen“. Ankreuzen konnte man auf fünf Stufen von „nie“ bis „immer“. Die Korrelation war überdeutlich: Wer pro Tag mehr als zwei Stunden in sozialen Netzwerken verbrachte, fühlte sich doppelt so isoliert wie Abstinentere. Gar drei Mal so schlecht ging es denen, die in der Woche über 58 Stunden im sozialen Netz waren. Zappelten? Das ist wieder nicht klar: „Wir wissen nicht, was zuerst kam“, erklärt Koautorin Elizabeth Miller: Es kann sein, dass Menschen, die unter Isolation litten, Hilfe und Zuflucht im Netz suchten, die Forscher halten das für plausibel etwa bei Kranken, die sich kaum mehr rühren können.
Es kann aber auch sein, dass die Umwelt der sozialen Netze das Gefühl der Isolation fördert oder gar erzeugt. Etwa schlicht dadurch, dass die mit „friends“ verbrachte Zeit der fehlt, die man für Freunde noch hat. Oder durch die Präsentationsform, in denen Selbstprofile so blühend ausgemalt werden, dass Betrachter nur neidisch werden können. Oder durch das Versenden von Fotos zu Feiern, zu denen manche Empfänger nicht eingeladen waren (Am. J. Prev. Med. 6. 3.).
Es ist also unklar, wie herum es geht, aber die Klärung ist dringlich: Gefühlte Isolation schlägt über Stresshormone auf das Immunsystem und über Gene auf die Blutgefäße und den Geist durch. Sie erhöht insgesamt das Risiko eines vorzeitigen Todes stark.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2017)