Moskau: „Weniger Reiche, mehr Schaulustige“

(c) EPA (Maxim Shipenkov)
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Im Jahr eins nach der Krise gaben sich die Moskauer Hautevolee und ihre Dienstleister ein Stelldichein auf der Millionärsmesse. Es sollte eine rauschende Party werden, doch viele reiche Russen blieben heuer zu Hause.

Moskau. „Kein Vergleich“, schien sich Nikas Safronov zu denken, als er sich wieder aus der Umarmung der beiden langbeinigen Blondinen löste und abermals zurück in den Luxussportwagen stieg. Schon zum fünften Mal ließ der 53-jährige Moskauer Starmaler die Scherentüren des weltweit schnellsten Superboliden „SSC Ultimate Aero TT“ nach oben klappen und sich in den Fahrersitz fallen: „Gefällt mir, das Ding“, sagt er mit einem leichten Anflug von Stöhnen: „Über 400 Stundenkilometer. Die Rakete habe ich schon lange im Visier.“

Möglicherweise hätte der „russische Casanova“, wie ihn die Szene nennt, auch schon früher zugeschlagen. Aus irgendeinem Grund aber hat das arabische Distributionsunternehmen für „Ultimate Motors“-Sportwagen entschieden, erst 2009 auf der Millionärsmesse in Moskau teilzunehmen und den russischen Markt mit „den meistgeschätzten Autos des Planeten“, wie er es nennt, zu behübschen. In Krisenzeiten ein Markteintritt mit Luxuskarossen um 985.000 Euro für 1287 PS? „In der Wahrheit liegt der Sieg“, prangt es vom Logo. „In der Krise beginnen die Leute wahre Werte zu schätzen“, sagt Safronov. Samstag um Mitternacht im Moskauer Ausstellungsjuwel „Manege“. Im benachbarten Kreml sind die Lichter längst ausgegangen. In der Manege jedoch ist der Zirkus voll im Gang. Zum fünften Mal gastiert die Millionärsmesse in der kaufsüchtigen russischen Hauptstadt.

Blitzlichtgewitter am Eingang. Drinnen Champagner statt Wodka. Hier der Glanz der Jachten. Da das sichtbare Uhrwerk von Cornelius & Cie. Vereinzelt der Geruch einer Monte-Zigarre oder der von Rassenpferden. Überwältigt von deren Erhabenheit stehen Töchter und Frauen von Gott weiß wem am Rande der Präsentationsarena. „In den Niederlanden steht ein Fußballclub zum Verkauf“, scherzt Yves Gijrath, Gründer der Millionärsmesse. „Wer hier in Moskau was von einer Krise gehört hat, soll laut rufen!“ Die eben noch im Partyrausch geschrien haben, sind auf einmal stumm.

Der Geldadel lebt – diskreter

Wären sie ehrlich, hätten sie laut geschrien. Kaum eine große Volkswirtschaft ist durch die Krise tiefer abgesackt als die russische. Nach jahrelangen Wachstumsraten von sieben Prozent wird für 2009 eine Rezession von acht Prozent erwartet.

Ist die Zahl der Armen auf Kosten der ohnehin dünnen Mittelschicht gestiegen, so haben auch die einst berüchtigten Reichen gehörig Federn gelassen. Im April hat das russische „Forbes Magazine“ errechnet, dass sich das Vermögen der Top 100 von den vorjährigen 520 Mrd. Dollar (351,8 Mrd. Euro) auf 142 Mrd. Dollar verringert hat.

Die geänderten Bedingungen treffen auch den Luxussektor. Weniger Firmen, weniger Publikum. Seines Erachtens seien nur halb so viele Besucher da wie früher, sagt Ruslan Kamaldinov, Generaldirektor von Kamrus, einer Gesellschaft für Tuning von Luxusfahrzeugen. Eben hat wieder jemand das Gaspedal des Mercedes McLaren bis zum Anschlag durchgetreten. Seine weibliche Begleitung hockt sich fürs Foto zum Scheinwerfer. „Weniger Käufer, mehr Schaulustige“, sagt Kamaldinov.

Dennoch: Auch wenn es viele nicht zur Schau tragen, Russlands Geldadel lebt. Mancher hat sich durch staatliche Hilfsmaßnahmen gesundgestoßen oder an der Börse ein Vermögen verdient. Der russische Leitindex RTS, der im Vorjahr weltweit am stärksten gefallen war, hat seine 498,2 Punkte vom Jänner bis September verdoppelt. Aktuell liegt er knapp unter 1400 Punkten.

Ob auch „Casanova“ Safronov an der Börse investiert, erzählt er nicht. Spielt auch keine Rolle. Safronov hat mit Porträts für die internationale Prominenz und russische Neureiche ein Vermögen verdient. Die Gestaltung seines 900 Quadratmeter großen Penthouse im Moskauer Zentrum habe vier Mio. Dollar verschlungen, erzählt er. Ja, auch er würde sparen und sich im Unterschied zum Vorjahr keinen Schweizer Anzug für 6000 Dollar kaufen. „Man wirft die Dinge dann ja doch wieder weg“, sagt er.

Haben sich die Leute geändert? „Sie werden durch die Krise professioneller und vorsichtiger in der Auswahl der Geschäftspartner und Freunde. Und sie investieren in Werte wie Immobilien oder Kunst.“ Seine Porträts seien gefragt.

„Sparen ist europäisch“

„Ihr in Europa macht so viel Aufhebens um die jetzige Krise“, wirft Jelena Gontscharova ein: „Im Vergleich zu dem, was wir in Russland schon hatten, ist sie eine Kleinigkeit. Bei uns war das ganze 20. Jahrhundert eine einzige Krise.“ Die Mittvierzigerin setzt auf den jungen Markt der Imageberatung. Ein bisschen Flanieren auf der Millionärsmesse schadet da nicht. Gerade in der Krise würden die Imageberater in Anspruch genommen. „Die Leute investieren in sich, um geläutert aus der Krise hervorzugehen.“ Und dem nächsten Hype zu verfallen: „Vorausplanung und Sparen sind europäische Eigenschaften“, sagt sie: „Bis es auch russische sind, wird es noch dauern. Moses hat sein Volk 40 Jahre durch die Wüste geführt, bis sie's kapiert haben.“

Durch die Wüste wird im Übrigen bald ein „SSC Ultimater Aero TT“ fahren. Einer der drei in Moskau verkauften Superboliden geht an einen Russen in Dubai, erzählt der zufriedene Verkäufer. Der zweite an einen in Deutschland. Nur der dritte Käufer könne sich noch nicht entscheiden, wohin.

Safronov hat sich entschieden. Den Sportboliden will er vorerst nicht kaufen. Stattdessen weiter über ein renovierungsbedürftiges Schloss in Schottland verhandeln. Die Schotten würden 3,5 Mio. Pfund (3,86 Mio. Euro) wollen. „Eine Million zu viel, wie mir scheint“, sagt Safronov: „Wir werden einen Kompromiss finden.“

auf einen blick

Russlands Geldadel besuchte die Moskauer Millionärsmesse nur spärlich. Auch sie haben in der Krise verloren oder tragen ihren Reichtum nicht mehr zur Schau.

Die Luxusbranche hofft, dass mit der Konjunktur auch die Kauflust der Russen wieder steigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2009)

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