Untertags Busfahrer, abends Terrorist

In Dresden hat der Prozess gegen Mitglieder der "Gruppe Freital" begonnen.
In Dresden hat der Prozess gegen Mitglieder der "Gruppe Freital" begonnen.(c) APA/SEBASTIAN KAHNERT

In Dresden hat der Prozess gegen Mitglieder der "Gruppe Freital" begonnen. Die acht Angeklagten sollen hinter einer Anschlagsserie auf Flüchtlinge und politische Gegner stecken. Dabei galten die meisten von ihnen als unauffällig.

Berlin. Sachsens erster Terrorprozess hat begonnen und zwar in einer künftigen Flüchtlingsunterkunft. Genauer gesagt ist es der Speisesaal einer geplanten Erstaufnahmestelle, der nun zum Gerichtssaal umfunktioniert wurde für den Prozess gegen die Gruppe Freital. Ausgerechnet. Denn Flüchtlinge und ihre Unterkünfte hatten die acht Angeklagten im Visier.

Die Generalbundesanwaltschaft wirft ihnen (sieben Männer und eine Frau im Alter von 19 bis 39 Jahren) die Bildung einer terroristischen Vereinigung vor. Alleine darauf stehen bis zehn Jahre Haft. Es geht auch um versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung, die Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen. Ein Mammutprozess mit mit enormen Sicherheitsvorkehrungen für den der Freistaat offenbar keinen anderer Platz gefunden hatte. 5,5 Millionen Euro kostete der Ausbau des Gebäudes für den Hochsicherheitsprozess.

Kurz vor Prozesseröffnung herrschte gestern, Dienstag, Aufregung, Sprengstoffhunde hatten angeschlagen, Berichten zufolge breitete sich im Gerichtssaal zudem ein merkwürdiger Geruch aus. Falscher Alarm. Um 10.10 Uhr konnte Sachsens erster Terrorprozess beginnen. Bilder zeigten Timo S., einen der beiden mutmaßlichen Rädelsführer, in der ersten Reihe. Schwarzes Sakko, weinrotes Hemd. Untertags war der 28-Jährige Busfahrer, abends, so sieht das die Bundesanwaltschaft, Terrorist.

 

Ganz unauffällig

Auch das macht diesen Prozess so gespenstisch: Die Angeklagten führten teils unauffällige Leben. Auf der Anklagebank sitzen ein angehender Gleisbauer, ein Abwassertechniker, ein Pflegehelfer. Nur einer von ihnen sei „vorbestraft“, schreibt die FAZ. Ähnlich war es auch bei einem anderen Fall, einer Reihe von Brandanschlägen auf deutsche Flüchtlingsunterkünfte. Auch dort stieß die Polizei auf Verdächtige, die sie nie zuvor am Radar hatte. Ein Muster, das es den Ermittlern schwer macht.

Was über die „Freitaler Gruppe“ bekannt ist, deutet auf eine rasante Radikalisierung hin. Nach Protesten gegen eine hiesige Flüchtlingsunterkunft im Freital bildet sich Bürgerwehr FTL/360. Das Akronym steht für das Kennzeichen der Stadt, die Zahl für die Buslinie: Dort wollen sie patrouillieren, um Bürger vor kriminellen Asylwerbern schützen. Das ist der Beginn im März 2015. Am Ende soll sich die Gruppe auch mit dem Bau von Rohrbomben beschäftigt haben. Deshalb heißt ein Anklagepunkt auch „Vorbereitung eines Explosionsverbrechens“.

Dazwischen liegen fünf Anschläge, die ein „Klima der Angst“ erzeugen sollten, wie Bundesanwalt Jörg Hauschild gestern erklärte. Das Fanal für die Serie war der Sprengstoffanschlag auf das abgestellte Auto eines Freitaler Linke-Politikers am 27. Juli 2015. Es gab danach Angriffe auf die Linke-Parteizentrale Freitals und auf ein „alternatives Wohnprojekt“. Dabei wurde eine Person verletzt. Zweimal wurden Unterkünfte von Asylwerbern angegriffen, darunter am 1. November 2015: Die Täter brachten den Sprengstoff an den Fenstern an. Ein Syrer erlitt durch die Explosion Schnittwunden. In diesen Monaten des Jahres 2016 wurde die Große Kreisstadt Freital vor den Toren Dresdens zum Symbol für einen enthemmten Fremdenhass.

 

Verschlüsselter Chatprotokolle

Este Festnahmen gab es im November 2015. Im April 2016 riss die Bundesanwaltschaft das Verfahren an sich, anders als die sächsische Anklagebörde sah sie einen ausreichenden Terrorverdacht:Dabei stützte man sich auch auf verschlüsselte Chatprotokolle, in denen sich die Gruppe Freital offenbar austauschte. „Obst“ etwa war das Codewort für die tschechischen Böller, die die Gruppe verwendeten. Diese hatten die 130-fache Sprengraft der in Deutschland zulässigen Pyrotechnik. Berichten zufolge waren in den Chats auch Sätze zu lesen wie: „Wir sind Nazis bis zum bitteren Ende.“

Mehr als 60 Prozesstage sind anberaumt. Möglicherweise stellt sich im Verlauf auch heraus, ob die Gruppe einen Informanten in der Polizei hatte. Ein Beamter ist wegen dieses Verdachts suspendiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2017)