Amanshausers Welt: 161 Slowakei

(c) Martin Amanshauser
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Ist Taxifahren gefährlich? Nein. Aber Sichtkontakt zum Taxameter ist von Vorteil. Denn einen Muskelmann reizt man nicht ungestraft.

Oft werde ich gefragt, ob Reisen denn nicht gefährlich sei. Ich verneine mit drei Merksätzen: 1) In Rio de Janeiro wird einem garantiert nichts passieren, doch vor der eigenen Haustür herrscht Alarmstufe Rot. 2) Die Gefahren steigen, sobald man sich seltsam, zaudernd oder unkonsequent verhält. 3) Bevor man drauf­zahlt, begeht man meist eine längere Reihe von Eigenfehlern.

Als ich am Rand der Altstadt von Bratislava in ein Taxi stieg, fühlte ich mich fast wie daheim. Der Chauffeur war einer dieser Muskelmänner, deren baumpflockartiger Hals mit obszön pulsierenden Adern direkt in die Schultern übergeht. Ich konnte mir seine Freizeitbeschäftigungen und seine Freunde lebhaft ausmalen, aber das war kein Grund, ein neues Taxi zu ­suchen. Bis hierher: kein Fehler.

Taxameter lief natürlich keiner. Ich fragte den Muskelmann, wie viel eine Fahrt zum sogenannten Botel Fairway, einem Hotelboot am Donauufer, kosten würde, weil ich von einem Fixpreis ausging.
Er schüttelte den Kopf und sagte unwirsch: „Taxameter.“ Ich zuckte mit den Schultern – erster Fehler: ungenaue Beobachtung. Mir hätte auffallen müssen, dass auch seine Schultern schon ein bisschen zuckten. Ein in Gewaltprävention auch nur mittelmäßig versierter Beobachter, der seine Schultern mit meinen Schultern verglichen hätte, wäre zu dem Schluss gekommen, dass ich in diesem Augenblick die legitime Frage nach dem Standort des Taxameters hätte stellen sollen.

Nach drei Minuten erreichten wir das ­Botel Fairway. „Stop here“, sagte ich, aber der Muskelmann schüttelte den Kopf und deutete, er müsse wenden. Das für mich sinnlose Um­drehen wollte er offensichtlich nicht hier stattfinden lassen, sondern weiter vorne – einen halben Kilometer weit vorne.
Während dieser Zusatzfahrt teilte ich ihm mit (zweiter Fehler), dass er ein Idiot sei. Er schwieg stoisch. Zurück beim Botel Fairway blieb er stehen und sagte trocken den Preis: zehn Euro. „Show me the meter“, sagte ich ebenso trocken zurück. Zu meiner Überraschung hob er jetzt ein klappriges Taxameter vom Fußbereich nach oben. Da stand 11,53 in Digitalzahlen. Ich gab auf. Ich warf dem Muskelmann einen Zehn-Euro-Schein nach vorne und verließ das Taxi schimpfend, nicht ohne seine Hintertür sperrangelweit offen zu lassen, damit auch er aussteigen musste.

Man reizt jedoch den Muskelmann nicht ungestraft. Dritter Fehler: Ich gab kein Fersengeld. Vermutlich hätte ich, wenn ich gesprintet wäre, das Boot vor ihm erreicht. Doch gute zehn Meter vor dem Steg hörte ich hinter mir Schritte und hechelnden Atem. Er kriegte mich zu fassen, warf mich zu Boden, schrie vor Wut, zitterte wie ein Kampfhund, würgte mich. Ich wollte nur noch überleben.

Das Monster presste mir weitere zehn Euro ab, da es behauptete (oder tatsächlich glaubte), ich hätte nicht bezahlt. Bilanz: 20 Euro für eine Fahrt, die einem Einheimischen drei Euro kostet. Von den oben genannten schlauen Merksätzen trafen wieder einmal alle zu.

Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder Fax: 01/514 14-277.

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