Starfotografin Annie Leibovitz auf Besuch in Wien: Sie eröffnete „A photographer's life“ im Kunst Haus. Ein Spagat zwischen sehr privat und sehr kommerziell.
Bitte lächeln“, sollte man sich von Annie Leibovitz lieber nicht wünschen – damit nervte ihre Mutter sie als Kind schon immer. Und so sehen auch Fotos der Familie Leibovitz – der Vater Offizier, die Mutter Tänzerin – aus, wie Familienfotos nun einmal aussehen: unnatürlich. „Deshalb bitte ich auch nie jemanden, für meine Fotos zu lächeln“, erklärt die vom Flug aus L. A. noch etwas zerzauste, ganz in sophisticated Black gehüllte Fotografin bei ihrer Stippvisite in Wien. Sie ist extra zur Eröffnung ihrer Wanderausstellung „A photographer's life“ im Kunst Haus angejettet. Nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und das Ganze auch sonst gelassen.
Für Beobachter ist sie zwar gerade nur knapp dem für Wiens Kunstszene unerhörten Ansturm von Kamerateams und Pressefotografen entkommen. „Ich kann das selber gar nicht fassen“, zollt sie der Aufmerksamkeit höflich Respekt und rastet vor ihrem Lieblingsbild. 1997 hat sie im Garten ihres Landsitzes im Staat New York ihre alternde Mutter porträtiert. Ohne Lächeln natürlich, was ihre Mutter damals gar nicht goutierte, so Leibovitz. Sofort begreift man die Stärke dieses Bildes, das die Situation völlig ausblendet und einen derart direkten, intensiven Mutterblick einfängt, als hätte zwischen den beiden keine Kamera existiert.
Mick Jagger, der Alien im Hotellift
Intensität – ein Schlüsselwort für Leibovitz' Arbeit, besonders für ihre frühe, als sie versuchte, „chamäleongleich“ mit ihren Modellen zu verschmelzen. Sie begleitete sie Tage, Wochen, Monate, wie die Rolling Stones bei ihrer Tournee 1975. Es war das erste Mal, dass sie die Kontrolle über die Situation verlor, beschreibt sie in ihrem Buch „At Work“. Sie wurde dabei drogensüchtig, liest man in ihrer Biografie, und sie schuf unglaubliche Bilder wie das des alienhaften Mick Jagger mit Handtuchturban im Hotellift, das man in der Ausstellung leider vergeblich sucht.
Hier sind die Fotografien der späteren Jahre versammelt, von 1990 bis 2005, Leibovitz' reifes Werk, in dem sie nicht mehr für jedes Porträt diese Intensität aufbringt wie früher, wie sie offenherzig zugibt – schließlich werde auch sie nicht jünger. Was einen fast schuldbewusst an eines der schwächsten Werke der Ausstellung erinnert, eine Aufnahme von Nicole Kidman in Schweinwerferlicht und Diven-Couture-Kleid für die „Vogue“ 2003, das als austauschbares Werbesujet für jeglichen Luxus dienen könnte. Natürlich gibt es auch sehr achtsame Auftragswerke wie Demi Moores gleich doppelt vertretene nackte Schwangerschaft: Einmal als berühmte Ganzkörperversion für „Vanity Fair“, die 1991 in den USA noch einen Skandal auslöste. Und ein zweites Mal, als Leibovitz drei Jahre zuvor bei ihren Freunden Demi und Bruce vorbeischaute, um nur den nackten Bauch der Schwangeren zu fotografieren, auf den der Mann stolz seine Hände legte. „Das eine ist ein Cover“, urteilt Leibovitz brutal über ihr eigenes Werk. „Das andere ist ein Foto. Das kann man nicht vergleichen.“
Es sind diese „Fotos“, Leibovitz' private und privateste Aufnahmen, fast immer in intimem Schwarz-Weiß gehalten, die einen diese Ausstellung schätzen lernen lassen. Die unglaublichen Fotos von Leibovitz' Lebensgefährtin, der New Yorker Essayistin Susan Sontag, die sie 1988 kennenlernte und bis zu deren Krebstod 2004 begleitete. Die Gegensätze eines auf Großformat aufgeblasenen, digital montierten Porträts von Queen Elizabeth und der dreimal zerrissenen und wieder zusammengefügten kleinen Fotografie von Sontag auf dem Sterbebett sind schwer zu verdauen.
Grenze zwischen Kommerz und Privatheit
Dabei wollte Leibovitz mit dieser Ausstellung genau diese Grenzen zwischen kommerziellem und privatem Werk einreißen, sagt sie. Im Endeffekt hat sie diese durch die Zusammenschau der positiven und negativen Extreme in ihrem Werk nur verstärkt. Trotzdem ist es mutig, beide Seiten eines „photographer's life“ zu zeigen. Den privaten Teil, in dem Leibovitz, wie sie in Wien sagte, wie eine Konzeptkünstlerin agiert, die eben Fotografie benutzt. Und den Teil, den sie dringend brauchen wird, um ihre heuer bekannt gewordene millionenhohe Verschuldung wieder tilgen zu können.
Ihre Familie, die Sterbebilder von Sontag, die Porträts ihrer drei Kinder dieser Öffentlichkeit auszusetzen, mache sie heute zwar manchmal nervös, gesteht sie. Aber damals, als sie die Ausstellung 2006 für das Brooklyn Museum of Art konzipierte, hunderte von Fotos zur besseren Auswahl auf Tafeln klebte, die sie an die Wände der Scheunen ihres Landsitzes lehnte, war diese Gesamtsicht auf ihr Leben für sie absolut notwendig. Kurz zuvor hatte sie ihren Vater und ihre Lebensgefährtin verloren und war gerade eben, mit Mitte 50, noch einmal Mutter geworden, diesmal von Zwillingen.
Eine Retrospektive als Trauerarbeit also, um in die Zukunft zu kommen? Oder aber, wie Susan Sontag 1977, zehn Jahre vor ihrer Begegnung mit Leibovitz, in ihrem Band „Über Fotografie“ schon analysierte: Fotografie als Ritus, um zerfallende Familienstrukturen symbolisch neu zu formulieren. Scheinen doch gerade Menschen, die ihrer Vergangenheit beraubt sind, „die eifrigsten Fotonarren zu sein“.
Zu Person, Ausstellung
■Annie Leibovitz, 1949 in Connecticut geboren, zählt zu den bedeutendsten Mode- und Porträtfotografen der Gegenwart. Sie hat drei Kinder, ihre Lebensgefährtin Susan Sontag starb 2004. Zuletzt machte sie Schlagzeilen mit 16 Mio. Euro Schulden, die sie noch ihre Fotorechte kosten könnten.
■Die Ausstellung läuft bis 31.Jänner im Kunst Haus Wien, tägl. 10–19h, Untere Weißgerberstraße 13, Wien 3.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2009)