Wir schlafen und essen in ungefähr 500 Meter Höhe, im derzeit höchsten Hotel der Welt, dem Grand hyatt in Shanghai. Hier, im 85. Stock, fühlt man sich wie im Film Blade Runner: Keine Ahnung, ob’s da unten regnet oder die Sonne scheint.
Das Gebäude sieht aus wie ein überdimensionaler Flaschenöffner. Als ob ein Goliath sein riesiges Trinkgefäß suchen gegangen wäre und derweil den Öffner kurzerhand in den Boden gerammt hätte. Der Grund für diese Architekturform ist einfach – es ist die Bautechnik, die bei dieser Gebäudehöhe und den auftretenden Winden die „Bottle Opener“-Funktion verlangt.
Da stehe ich also vor diesem Ding voller Symbole und denke: Mein Gott, gut, dass du nicht zu deinem Zimmer laufen musst. Das Haus heißt Shanghai World Financial Centre, ist mit 492 Metern das höchste Gebäude in China und beherbergt zwischen dem 79. und 93. Stock das im Frühling eröffnete „Park Hyatt“. Das höchste Hotel der Welt meint es gut mit seinen Gästen. Expresslifte brauchen gerade mal 51 Sekunden bis zur Rezeption auf der 87. Etage. Wenn man aussteigt, hat man diesen unangenehmen Druck im Ohr. Wie bei einem Flugzeug, das schnell landet. Runter dauert es aber erheblich länger. 2300 Stufen in einer Stunde 20 Minuten, wenn man bei einer Evakuierung zu Fuß gehen muss. Wobei eine solche Stresssituation den Abgang nach unten sicher erheblich verlängert. Ich habe mir aus Zeitgründen die Tortur des Stufenmarathons nicht angetan, dafür aber Christophe Sadones. Als Hoteldirektor muss er das wohl auch.
Heimelige Tore, Hallen und Höfe. Die Edelherberge ist mit schlichter Eleganz eingerichtet. Erdige Farben dominieren. An den Wänden moderne asiatische Kunst. Das Raumkonzept des sinoamerikanischen Innenarchitekten Tony Chi macht Anleihen bei traditionellen chinesischen Häusern. Der Gast tritt andauernd durch Tore, kleine Hallen und Höfe. Auch die Rezeption und die Restaurants heißen hier Wohnzimmer und Esszimmer. Klingt heimelig. Mein Zimmer (Standardkategorie, 60 Quadratmeter, 400 Euro die Nacht ohne Frühstück) liegt im 83. Stock. Ich gebe zu: Man kann noch höher wohnen. Im 84. Stock. Der ist aber komplett für Raucher reserviert. Wer qualmt, braucht bekanntlich besonders viel frische Luft. In den Räumen kein verschnörkelter Kitsch wie oft bei den Arabern am Golf, ein klares Design beruhigt die Augen. Weniger ist hier mehr. Die Einrichtung ist elegant, erlesen und funktional. Der Blick aus dem Fenster geht auf den Fluss Huangpu, der sich durch die Innenstadt der 18-Millionen-Metropole Shanghai schlängelt und in den Jangtsekiang mündet.
Einen knappen halben Kilometer unten kriechen spielzeugkleine Autos umher. Wie im Stummfilm, obwohl auf den vielspurigen Highways die Hölle los ist. Nebenan, fast zum Greifen nah, das Grand Hyatt, das bisher mit 421 Metern das höchste Hotel der Welt war. Ein Stück weiter rechts das Wahrzeichen der Stadt, der Fernsehturm Oriental Pearl Tower mit seiner Aussichtsplattform, die niedriger liegt als mein Zimmer.
Beim Blick nach unten kommen sie unweigerlich, diese Gedanken. Wo soll das alles enden? Mit der Gigantomanie des Immer-höher-Hinauswollens? Eines Tages sitzt der Hotelgast vielleicht in 1500 Meter Höhe und weiß nicht mehr, ob es unten auf der Straße regnet oder nicht. Schon ist nämlich ein noch höheres Hotel im Bau. Der neue ICC Tower mitten im Hongkonger Stadtteil Kowloon wird das Zuhause des neuen Ritz-Carlton. Die Lobby soll in der 102. Etage untergebracht werden, die Zimmer werden hinauf bis zum 118. Stock reichen.
Und dann das WC! Eine Einrichtung, die vor allem Technikfreaks länger im Bad halten wird. Sensoren öffnen beim Eintreten den Klodeckel wie von Geisterhand, die vollautomatische Spülung muss man auch nicht mehr betätigen. Obwohl ich das auch schon bei Mitmenschen beobachten musste, die über kein Hightech-WC verfügen. Die Klobrille ist beheizt – sehr angenehm. Das Klosett ist aber nur das zweitbeste, auf dem ich je Platz genommen habe. In Tokio hatte ich mal die Wahl zwischen grüner, blauer und roter Spülung. So etwas vergisst man nicht. Hier läuft nur schnödes glasklares Wasser in die Schüssel.
Der junge französische General-Manager Christophe Sadones, der seit vielen Jahren in Asien lebt, führt das Haus mit seinen 750 Angestellten und 174 Zimmern in einer angenehmen Mischung aus Kumpelhaftigkeit und Strenge. Er liebt Charles
Aznavour und komponiert Musik, die auch auf einer
hoteleigenen CD verewigt ist. Ob er denn bei seiner starken Verbundenheit zum Hotel auch darin wohne, wie viele andere Direktoren? „Nein, ich wohne in der
Nähe“, sagt er. „Ich habe einen Hund.“ In der Luxusherberge sind nur Blindenhunde erlaubt.
Obwohl das Hotel kürzlich seinen Betrieb aufgenommen hat, ist der dreistöckige Restaurant- und Barkomplex „100 Century Avenue“, benannt nach der Hoteladresse, noch nicht eröffnet. Das soll zwei Tage später so weit sein. „Heute Abend gibt’s einen der letzten Probedurchläufe“, sagt Monsieur Sadones. Zwar hat man nicht gern Journalisten dabei, ich darf aber dennoch „Mäuschen“ spielen. Zusammen mit einer großen japanischen Delegation, die im Haus herumläuft und viel lächelt.
Wie ihm das Haus gefalle und ob er denn wisse, dass
dies das höchste Hotel der Welt sei, möchte ich von einem wissen. Herr Takashi lächelt und sagt: „Sehr gut, sehr gut.“ Muss er ja sagen, denn die Immobilie gehört dem milliardenschweren Immobilien-Tycoon Minoru Mori. Ein Japaner und vielleicht sein Brötchengeber. 200 Angestellte aller Hyatt-Hotels in Shanghai sind zum Essen abkommandiert – die Kleiderordnung reicht von lässig bis chic. Ein Stimmengewirr der wichtigsten Sprachen dieser Welt legt sich wie ein Klangteppich über die Räumlichkeiten. Der Konzern, in 45 Staaten tätig, hat Mitarbeiter aus aller Herren Länder. Die Küche bietet, trotz mancher kleiner Pannen beim Servieren, hervorragendes Essen, das chinesisch, japanisch und westlich daherkommt. Probleme scheinen eher technischer und logistischer Art zu sein.
Die Acht ist die Glückszahl in China. 88 Fahrstühle hat das Gebäude insgesamt, die Zimmer befinden sich fast alle auf Etagen, die in den 80ern liegen. Und auch die 101 Stockwerke – inklusive der Aussichtsplattform – haben ihre Geschichte. Ursprünglich war die Gebäudehöhe mit 89 Stockwerken niedriger angesetzt.
Dann bauten die ungeliebten Nationalchinesen im abtrünnigen Taiwan das „101“ genannte damals höchste Gebäude der Welt mit 101 Stockwerken. Da konnte das „große“ China nicht untätig bleiben und erhöhte die Anzahl der Stockwerke kurzerhand auch auf 101. Auch wenn die Gebäudehöhe des Wolkenkratzers in Taipeh mit 509 Metern immer noch
17 Meter über dem in Shanghai liegt. Egal. Zumindest hat man bei den Stockwerken gleichgezogen. Jetzt herrscht wieder Baufrieden im Reich der Mitte.
Hotel: Park Hyatt im Shanghai World Financial Centre (100, Century Avenue, Pudong, Shanghai; www.hyatt.com
Tel.: 0086/21/68 88-1234) DZ: ab ca. 400 Euro ohne Frühstück).
Restaurant: Di Shui Dong, Mao Ming Nan Lu 56, authentische Hunanküche zu kleinen Preisen mit Spezialitäten wie Lotus-suppe.
Beste Reisezeit: März bis Mai und Oktober/November.