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Niemand mein Name

Die Grenze ist mein Lebensraum, ich bin einer, der sich an der Grenze niederlässt. Vom Leben in zwei Kulturen, in zwei Sprachen: Erfahrungen eines – nicht nur literarischen – Grenzgängers.

Erfahrungen eines Grenzgängers. Was für ein aktuelles Thema in diesen Tagen einer vornehmlich wirtschaftlichen, kulturell kriterienlosen, gesellschaftlich aber gnadenlosen, schicken Globalisierung! Ich frage mich: Haben mich meine 13 Jahre als Autor und Übersetzer in Italien tatsächlich instand gesetzt, Gültiges über das Dasein eines Grenzgängers auszusagen?

Nun, ich stamme aus einem der Zentren Zentral- oder Mitteleuropas, aus Wien nämlich, und bin – kein Zweifel – vom Spiritus loci dieses Ortes für die Zeit meines Lebens – wo auch immer ich leben mag – entscheidend geprägt. Was allerdings die Erfahrung eines Grenzgängers angeht, ist für mich eine Modifikation nötig: Ich bin einer, der sich an der Grenze niederlässt. Nah an der tschechischen Grenze, an der slowenischen Grenze, 13 Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt; und schließlich schreibend auch an den Rändern der Literatur, der Musik oder auch im Grenzgebiet – im Niemandsland? – zwischen Literatur und Musik. Die Grenze ist mein Lebensraum.

Als ich 1984 im Alter von 39 Jahren aus Österreich nach Italien übersiedelte, von Wien nach Duino bei Triest, waren mir das Land Italien und seine Menschen fremd. Ich konnte die Sprache nicht. Erst nach meinem 30. Lebensjahr war ich ein paarmal als Tourist in Italien gewesen, in Venedig, in Triest. Ich kannte wenig von der italienischen Literatur, hatte in Dantes „Göttliche Komödie“, in Manzonis „Die Verlobten“ „hineingelesen“, Bachmanns Übersetzung der Gedichte Ungarettis als Gedichte der Bachmann gelesen, die Verfilmung von Tomasi di Lampedusas „Gattopardo“ ein paarmal gesehen.

Ich war mit Vorbehalten – eher: mit Vorurteilen – gegenüber Italien aufgewachsen: eine von mir lange nicht hinterfragte Einstellung, die durch diepolitisch motivierte Meinung meines Vaters über die Italiener bedingt war. Niemandem in der Familie war es zeit meiner Kindheit auch nur im Traum eingefallen, einmal einen billigen Urlaub am Meer in Italien, in Caorle oder Lignanooder Bibione, zu verbringen. Als ich 1984 nachItalien übersiedelte, zusammen mit meiner Familie, eröffnete sich mir eine Welt, die ich mir – so mein spontaner Entschluss – um jeden Preis aneignen wollte: Ich ließ mich ohne Umstände auf diese mich durch ihre Andersartigkeit, ihre Fremdheit faszinierende Umwelt ein, auf das Land, auf die Sprache, auf die Menschen, auf die Landschaft, die Literatur, die Lebensart.

Die damals jäh aufflammende und bis heute aufrechterhaltene Solidarität mit Italien, hat, glaube ich, aber auch mit meiner Unfähigkeit zu tun, Tourist zu sein. Ich habe nicht die geringste Begabung zum Reisenden. Jede größere Ortsveränderung macht mich im Nu zu einem Bleibenden, der aber, paradoxerweise, trotzdem immer und überall ein Fremder bleibt.

1. Exkurs. Wichtiger als die zeitgeistige Auseinandersetzung mit den Chancen der Globalisierung für die Gesellschaft und die Literatur heute erscheint es mir, etwas – und sei es noch so subjektiv – über die Literaturszene und den Literaturbetrieb in Österreich hier mitzuteilen. In der österreichischen Literatur hat man heutzutage als gebürtiger Österreicher, der seine aktuelle Wirklichkeit in welcher literarischen Form auch immer zur Sprache bringt, in der Regel geringe Chancen, ein Publikum zu finden. Rare Ausnahmen sind Beispiele einer Literatur, die gezielt für ein bestimmtes Lesepublikum verfasst werden: also vor allem Kriminalromane oder, seit Kurzem sehr populär, Romane, die sich die Formen der Kommunikation im Internet zunutze machen (beides literarische Phänomene, die die durch das Fernsehen geschaffenen Bedürfnisse eines fast schon analphabetischen Publikums clever befriedigen), feministische Literatur, Familienromane (seit Kurzem umso beliebter, je mehr die Familie als Institution in Frage gestellt wird), ins Belletristische verrutschte Holocaust-Geschichten (Schicksale der Opfer, mehr und mehr und immer häufiger auch die der Täter).

Alles das und noch viel mehr mag – unvorhersagbar und unerwartet – auch Erfolg haben, wenn es von einem Österreicher verfasst ist. Es wird aber – vorhersagbar und garantiert! – Erfolg haben, wenn es von einem Nichtösterreicher, von einem Fremden, geschrieben ist, zum Beispiel von einem Autor aus einem der postkommunistischen Länder oder aus dem islamischen Kulturbereich oder aus den USA oder aus Südamerika, von wo auch immer, Hauptsache: nicht aus Österreich! Ist doch im ästhetischen Bereich seit jealles, was fremd ist, anfänglich von einem unwiderstehlichen, Neugierde weckenden Reiz – auch wenn bei späterer intensiver Auseinandersetzung schließlich ernüchternd klar wird, dass es sich weder im Hinblick auf die Machart, auf das Wie, noch inhaltlich, das Was betreffend, von den hiesigen, vertrauten Produkten grundlegend unterscheidet.

Das Paradoxe ist, dass also der Begriff fremd im Ästhetischen fast immer positiv besetzt ist, während er im Gesellschaftlichen, im Politisch-Soziologischen oft eine negative, stets jedoch eine problematische Kategorie darstellt: der/die/das Fremde als das Unbekannte, das Unvertraute, Feindliche, Böse, das Angst Einflößende, im Weiteren das Schutz Suchende, um Asyl Ansuchende, auf Staatskosten zu Erhaltende, das biologisch bedrohlich Stärkere. Ende des Exkurses.

Die 13 Jahre meines Aufenthalts in Italien sehe ich weniger als Existenz eines Grenzgängers, eines zwischen den Kulturen und Sprachen Pendelnden, sondern als die eines freiwillig an einem fremden Ort seiner Wahl Bleibenden, der sich auf das „Fremde“ dieses Orts freudig einlässt, mit der Absicht, es sich zu eigen zu machen. Ich schrieb weiterhin deutsch, befasste mich lesend und übersetzend mit der italienischen Literatur und war bestrebt, den Alltag „à l'italienne“ zu genießen. Ich betrachtete mich 13 Jahre lang als glücklichen Bewohner eines immer vertrauteren Niemandslandes, in dem heimisch zu werden nicht nötig war, in dem ich auch – ohne Probleme damit zu haben – ein Niemand blieb.

Der Weg, den ich einschlug, um mir das Fremde anzueignen, war der des Erlernens der Sprache, vor allem durch Lesen und Übersetzen belletristischer Literatur. Überraschend effiziente Hilfe bei diesem Assimilationsprozess leistete mir die Internationale Schule, an der ich lebte. Obwohl die Schule ein angelsächsisch dominiertesGhetto war – die Unterrichts- und Verkehrssprache war Englisch –, kam ich über Lehrer und Schüler nicht nur mit der Kultur Italiens in Kontakt, sondern auch mit der anderer europäischer Länder. Und nach und nach ergaben sich dann doch, eher zufällig, Kontakte mit italienischen Autoren, in Mailand, Genua, Rom, in Faenza, in Ascoli-Piceno, bemerkenswerterweise bis heute aber kein nennenswerter in Triest.

Das Interesse an Übersetzungen der Werke italienischer Autoren bei österreichischen Verlagen ist gering. Vor allem Lyrik hat keine Chance. Hat doch nicht einmal die von Österreichern verfasste Lyrik eine Chance, sich auf dem hiesigen Büchermarkt zu behaupten. Veröffentlicht wird fremdsprachige Lyrik zumeist nur, wenn ein namhafter Übersetzer „dahinter“ ist und wenn die Publikation durch Subventionen und Preise zur Gänze finanziert ist. Umgekehrt ist es aber nicht anders. Ich habe in italienischen Verlagen bisher sechs Bücher veröffentlicht – keines dieser Bücher hätte erscheinen können, wenn sie nicht von österreichischen öffentlichen und privaten Stellen finanziert worden wären.

Es gibt allerdings einen von der Germanistik erstellten Kanon der „heiligen Kühe“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der, was Österreich betrifft, von Joseph Roth über die Bachmann bis zu Bernhard und Ransmayr reicht. Die Autoren dieses Kanons werden geflissentlich ins Italienische übersetzt und auch gekonnt vermarktet. Ob es allerdings ein lesendes Publikum dafür außerhalb der Universitäten in Italien gibt? Anderssprachigen Literaturen, vor allem der angelsächsischen, wird von italienischen Verlagen allerdings weit größeres Interesse entgegengebracht.

Ich erhielt gerade von einer befreundeten italienischen Übersetzerin das Buch „Il mestiere di riflettere. Storie di traduttori e traduzioni“ (Azimut 2008). Von den 19 Beiträgen befassen sich 17 mit der Übersetzung von Werken englischsprachiger Literatur, ei- nes mit der eines Werks eines russischen Autors, eines mit der eines Buchs eines in Deutschland lebenden, deutsch schreibenden Bosniers.

Das konstatierte wechselseitige Desinteresse, das sich – wie etwa in Triest – bis zur Indolenz steigert, macht die Existenz – zumindest die materielle – eines Autors schwer,der, wie ich, Gelegenheit hatte, länger in einem anderen Land zu leben und dem es ein Bedürfnis ist, zwischen den Sprachen und Kulturen zu vermitteln.

2. Exkurs. Es ist paradox: Die österreichische Literatur des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist – in meinen Augen – vor allem ein Produkt der österreichischen Germanistik und der Medien. Autoren, deren Bücher, die oft weit unter dem literarischen Niveau des 19. Jahrhunderts bleiben, sich aber mit gängigen Themen befassen, von den Medien prompt zu „Bestsellern“ gemacht werden, wie auch Autoren, deren oft komplexe, avantgardistische, experimentelle Werke zwar unlesbar, aber für die Behandlung in germanistischen Seminaren geeignet sind, erfahren eine öffentliche Förderung, die in einer Gesellschaft, der an der Literatur nachweislich wenig liegt, beispiellos ist.

Österreichische Autoren können nur überleben, indem sie entweder erst gar nicht versuchen, vom Ertrag ihres Schreibens zu leben, oder einen Verlag in Deutschland finden – oder durch staatliche und private Preise und Stipendien. Die Listen der Empfänger eines Staats- oder Projektstipendiums, die jedes Jahr vergeben werden, beweisen freilich den notorischen Nepotismus dieses Förderungssystems. Ende des Exkurses.

Die Erfahrung des An-der-Grenze-Lebens – in all den möglichen individuellen Variationen – kann durchaus eine positive, die eigene „Menschwerdung“ und künstlerische Produktion anregende sein. Trotzdem meine ich: Der Mensch ist, was die Sprache angeht, monogam veranlagt. Jeder Versuch, in oder mit mehreren Sprachen – und das heißt:Kulturen, Mentalitäten, Lebensformen, Traditionen – zu leben, ist, meiner Erfahrung nach, von frivoler Oberflächlichkeit, von einer schicken, befristet faszinierenden Promiskuität, die aber, wie auch sonst, außer zu Verwirrung der Gefühle und Gedanken zu nichts führt. Ebenso bedauerlich ist, dass die dem polygamen Phänomen einer fiktiven Interkulturalität abgerungenen künstlerischen Produkte, wie zum Beispiel Übersetzungen, in unserer nach Globalität gierenden Gesellschaft weder den Platz noch die Anerkennung und schon gar nicht die Honorierung finden, die ihnen gebührt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)