Gunnar Prokop stürmte aufs Spielfeld, rempelte eine Gegenspielerin und bewahrte so seine Hypo-Damen vor einer Niederlage. Der 69-Jährige bereut nichts. „Es war nur eine Kurzschlussreaktion“, sagt er süffisant.
WIEN. An sich ist es ein ganz normales Handballspiel. Die Damen von Hypo Niederösterreich treffen in der Champions League auf Metz. Eine Minute vor Schluss führt der Rekordmeister und achtfache Europacupsieger mit zwei Toren. Aber Metz gelingt der Ausgleich, es läuft der letzte Angriff. Nur noch wenige Sekunden sind zu spielen und eine Französin sprintet auf das Hypo-Tor zu. Plötzlich stürmt Manager Gunnar Prokop auf das Spielfeld. Er gibt der Gegnerin einen Rempler und lacht dabei. Die Spielerin verliert den Ball. Der Angriff ist abgewehrt. Das Spiel endet Sekunden später 27:27.
Gunnar Prokop hat wieder einmal Sportgeschichte geschrieben. Noch nie hat ein Trainer mit einer Tätlichkeit ein Spiel entschieden. Er hat es wieder geschafft. Prokops Einlage ist fast schon zu skurril, um sich darüber ernsthaft empören zu können. Sie wirkt vielmehr lächerlich. Vielleicht ist es aber auch nur Prokop, der lächerlich wirkt?
Und natürlich hat Prokop nach seinem Foul die rote Karte erhalten. Das ist dem 69-Jährigen in diesem Augenblick „wirklich wurscht“ gewesen, wie er später beteuert. Mit dem Remis könne er „gut leben“. „Ich musste es machen.“ Die ganze Aufregung, das politisch korrekte, lästige Gerede von Unsportlichkeit – das versteht „Mr. Handball“ ohnehin nicht. Auch das ist ihm nämlich – erraten – „wirklich wurscht“.
„Taktisch völlig richtig“
Nur der Sieg zählt. Den lässt er sich auch in einem unbedeutenden Gruppenspiel nicht nehmen, schon gar nicht auf dem eigenen Parkett, vor „seinen“ Fans. „Außerdem“, sagt er trotzig, „wie oft hat man uns übel mitgespielt? Über die schlechten Pfiffe der skandalösen Schiedsrichter sagt keiner was. Bevor ich das Spiel verliere, muss ich die rote Karte riskieren. Taktisch war es völlig richtig. Ja, und ich würde es wieder tun ...“
Prokops Erklärungen klingen fast schon wie die Rechtfertigungen eines kleinen Buben, dem in der Schule Unrecht widerfahren ist. Und außerdem: „Ich habe die Spielerin ja nicht verletzt“, kehrt er rasch die positive Seite seiner Attacke hervor.
Austeilen und einstecken. Das war immer schon seine Devise. Als Liese Prokop bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko eine Silbermedaille im Fünfkampf gewann, sprengte dies die Grenzen der heimischen Vorstellungskraft. Eine Österreicherin – das war eigentlich unmöglich. Ehemann Gunnar Prokop war ihr Trainer.
Auf der Suche nach alternativen Trainingsmethoden entstand damals die Idee, Damenhandball zu forcieren. Seit 1972 kämpft er in der Südstadt verbissen für sein Lebenswerk. Im Lauf der Jahre verbrauchte er 30 Trainer, Spielerinnen kamen und gingen, Prokop aber blieb.
Er wurde beschimpft, bespuckt, sogar niedergeschlagen. In Dunaferr und Skopje ging er jeweils k.o., wurde nach tätlichen Angriffen mit der Rettung abtransportiert. Impulsiv, laut und ausfallend war er oft. „Frauen gehören an den Herd“, meinte er einst in einem Interview. Aber selbst „handgreiflich“, das ist er nie geworden. Bis Donnerstag.
Diesmal spielten seine „Mädels“ einfach nur schlecht. Prokop war machtlos. Er fürchtete eine Blamage. Plötzlich: „Ich war haaß.“ Dann stürmte er aufs Spielfeld.
Ob er diesmal zu weit gegangen ist? Keineswegs, meint Gunnar Prokop. „Bereuen, was soll ich bereuen? Was heißt das überhaupt?“, empört er sich über die Frage der „Presse“. Und wenig später meint er dann beinahe entschuldigend: „Jeder hat doch schon irgendwann einmal in seinem Leben einen Blödsinn gemacht, oder?“
Es drohen Sperre und Geldstrafe
Die Sperre durch den Europäischen Verband ist Prokop vermutlich ebenso „wirklich wurscht“ wie eine drohende Geldstrafe. Denn für ihn zählt nur eines: Noch einmal, ein einziges Mal noch, will er mit Hypo NÖ die Champions League gewinnen.
„Die Psyche lenkt die Motorik“, lautet Prokops Leitspruch. Und manchmal treibt einen seine Psyche zu einem gemeinen Foul . . .
www.youtube.com/
watch?v=fEB9B9MDQr8
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)