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Ein Geschichtsbuch aus Scherben

Vasen erzählen Geschichten. Rechts bändigt Herakles den kretischen Stier.
Vasen erzählen Geschichten. Rechts bändigt Herakles den kretischen Stier.(c) Uni Innsbruck
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Rund 450 griechische Keramikfragmente aus dem Fundus der Universität Innsbruck wurden peinlich genau untersucht und bargen noch etliche Überraschungen.

Für Laien mag es keine besonders spannende Arbeit sein, Tonscherben von Vasen und Schalen unter der Lupe zu betrachten und zu katalogisieren. Für Archäologen hingegen eröffnen sich dabei Jahrtausende alte Geschichte und Geschichten.

Seit einigen Jahren erfasst ein Team um Brinna Otto am Institut für Archäologien – Abteilung für Klassische und Provinzialrömische Archäologie der Uni Innsbruck rund 450 griechische Vasen oder Fragmente wissenschaftlich. Dieses vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und vom Tiroler Wissenschaftsfonds (TWF) geförderte zweibändige Werk wird Teil des Corpus Vasorum Antiquorum (CVA), einem internationalen Grundlagenwerk zur Erforschung und Publikation griechischer Keramik, mit derzeit knapp 400 Bänden aus 31 beteiligten Ländern.

Die Innsbrucker Gefäße und Fragmente stammen zu einem Gutteil aus Ankäufen der Universität, aber auch aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und aus drei Privatsammlungen. Projektleiterin Brinna Otto: „Ein großes Konvolut von 94 Fragmenten attischer Keramik wurde zum Beispiel 1903 bei dem Kunsthändler Ludwig Pollak in Rom gekauft.“ Das sei damals eine durchaus übliche Vorgehensweise gewesen, um den Studierenden der Archäologie Anschauungsmaterial bieten zu können.

 

Gefäße vom Entdecker Trojas

Ein anderer Teil wurde dem Innsbrucker Archäologischen Institut 1906 vom damaligen Central-Museum in Athen geschenkt. Diese Gefäße und Gefäßfragmente dürften sogar aus Ausgrabungen von Heinrich Schliemann, dem Entdecker Trojas, in Mykene und Tiryns stammen. Die meisten der Innsbrucker Vasen und Fragmente sind Fabrikationen des griechischen Mutterlandes, viele davon wurden jedoch als Exporte in etruskischen Nekropolen und anderen archäologischen Stätten Unteritaliens und Siziliens gefunden. Der Zeitrahmen, in den die verschiedenen Scherben und Gefäße einzuordnen sind, erstreckt sich über 1000 Jahre: nämlich von etwa 1500 bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr.

Vollständig bis ins Detail bestimmt, gezeichnet und fotografiert, verglichen und katalogisiert werden sie erst jetzt. Otto: „Sie werden zuerst nach Regionalstilen und nach Zeitstufen geordnet. Der nächste Schritt ist dann, Werkstätten oder Werkstattgruppen zu ermitteln.“ Es gibt Töpfer und Maler, die ihre Werke signiert haben. Etliche „berühmte Malerhände“ konnten auch in der Innsbrucker Vasensammlung nachgewiesen werden, manche der Maler und Töpfer blieben aber im Verborgenen.

Bei der Untersuchung der Keramik stießen die Archäologen auch auf Überraschungen. So konnten in vier Fällen passende Gegenstücke – im Archäologen-Latein disiecta membra genannt – zu Innsbrucker Vasenfragmenten in anderen Sammlungen entdeckt werden, zwei davon sogar in Pennsylvania in den USA. Manchmal erfolgt in so einem Fall ein realer Tausch und eine Zusammenführung der Stücke, meist aber bleibt es bei einer virtuellen Ergänzung durch eine Fotomontage.

 

Vasen spiegeln ihre Zeit wider

Neben der reinen Beschreibung, Anfertigung eines Querschnittes und Zuordnung der Stücke können die Archäologen aber noch viel mehr herauslesen, sagt Veronika Gertl. Sie koordiniert die Arbeit an den Innsbrucker CVA-Bänden: „Was wird zu welcher Zeit dargestellt? Welche gesellschaftlichen Phänomene werden gezeigt? Vasen und ihre Bilder geben Zeugnis über Handelsgeschichte, Religions- und Sittengeschichte und spiegeln Theater und Literatur wider.“ Und selbstverständlich belegen sie auch die Fähigkeiten der damaligen Handwerker allgemein und der einzelnen Künstler im Besonderen.

So wurden bei manchen Vasen die Bilder zuerst ganz fein eingeritzt, ehe sie tatsächlich gemalt wurden. Unter besonderem Licht sind die Ritzungen noch sichtbar und selbst nachträgliche Änderungen in der Ausführung lassen sich erkennen. Auch der Brand der Keramik war hohe Handwerkskunst und erfolgte in einem komplizierten dreistufigen Verfahren. Dazu musste der Töpfer besondere Erfahrung mitbringen. Durch Detailuntersuchungen kann man in Ansätzen sogar ein Bild rekonstruieren, wie antike Töpferwerkstätten organisiert waren.

Der erste der Innsbrucker Korpusbände ist nun praktisch fertig. Am zweiten wird noch gearbeitet. Er soll auch nach dem Ende des FWF-Projektes fortgeführt werden.

IN ZAHLEN

400 Bände umfasst der Corpus Vasorum Antiqourum (CVA) derzeit. Er ist ein internationales Nachschlagewerk mit einer genormten Darstellung von Gefäßen und Fragmenten.

452 Stücke der großen Sammlung des Archäologischen Institutes der Universität Innsbruck untersuchten zwei Forscherinnen. Für die Öffentlichkeit zugänglich sind diese in der Regel nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2017)