Der Gegner bereitet dem österreichischen Frauenfußballnationalteam die geringsten Sorgen. Die Spielerinnen sind schon froh, wenn sie für ein Länderspiel Urlaub bekommen. Trainer Ernst Weber denkt in die Ferne.
Sieben Stammspielerinnen musste Trainer Ernst Weber vorige Woche beim Auswärtsspiel gegen Spanien vorgeben. „Vier waren verletzt, drei bekamen nicht frei“, erzählt er. Somit war im ersten Spiel zur WM-Qualifikation nichts zu holen. 0:2. Auch das Rückspiel am Donnerstag ging in Amstetten mit 0:1 verloren. Da konnte zumindest Nina Burger wieder stürmen. „Wär ich in der Endphase nicht so unfähig gewesen, hätten wir unentschieden gespielt.“ Die Angreiferin vom Serienmeister Neulengbach hadert noch immer mit dem Schicksal. Dass sie beim Auswärtsspiel in Spanien nicht dabei war, dass sie auch beim nächsten Länderspiel gegen Malta passen muss, gehört für die 21-Jährige zum Fußballerinnenalltag. Sie absolviert die Polizeischule. Und die Abschlussprüfung ist eben wichtiger als ein Tor für die Nationalmannschaft.
„Man muss sich den Urlaub für den Fußball einteilen“, erzählt Burger. Bald wird sie bei der Wiener Polizei ihren Dienst versehen. Ob die Frau Inspektor dann auch noch so viel Zeit für den Fußball haben wird? „Ich hoffe, ich bekomme einen Vorgesetzten, der für Fußball was übrig hat“, scherzt sie.
Seit zwölf Jahren trainiert Ernst Weber auch Frauenteams. Als der erfahrene Coach, der 1988 mit dem SC Krems den Cup-Titel holte, damals sein erstes Frauenspiel sah, war er – etwas überrascht. „Ich hab gedacht: das kann nicht derselbe Sport sein.“ Mittlerweile habe der Frauenfußball in Österreich einen Riesenschritt vorwärts gemacht. Das A-Team wird zwar in absehbarer Zeit keine WM-Endrunde erreichen. Da aber künftig bei Europameisterschaften 24 statt 16 Damenteams antreten dürfen, „haben wir eine realistische Chance“.
Besonders stark präsentierte sich zuletzt die U-17. Beim EM-Turnier in Litauen schossen die Mädchen Tschechien, Schottland und Litauen mit einem Gesamtscore von 21:3 Toren vom Platz. „Da entsteht etwas“, schwärmt Trainer Johannes Uhlig von seinem Team. „Sie sind talentiert, technisch stark, leistungs- und lernwillig.“ Er traut der Mannschaft in der EM-Qualifikation eine „kleine Sensation“ zu.
Ernst Weber denkt weiter in die Ferne. „Jetzt sind das Schülerinnen. Irgendwann werden sie auch Beruf und Sport unter einen Hut bringen müssen.“ Nina Berger träumt davon, dass zumindest Halbprofitum in Österreich möglich sein wird. So wie in Deutschland, Skandinavien, England oder Italien. Auch Österreich verfügt über einige Legionärinnen. Nina Aigner spielt bei Bayern München. In Deutschland wurde die Spielmacherin des Nationalteams in der vergangenen Saison zur zweitbesten Legionärin gewählt. Vom Fußball leben kann auch sie nicht. Jeden Tag pendelt sie von ihrem Wohn- und Arbeitsort Salzburg nach München. Nach einer Verletzungspause sollte sie im nächsten Spiel gegen Malta wieder auflaufen, hofft Weber.
Und er hofft, dass es in Österreich bald auch Fußballakademien für Mädchen geben wird. „Das ist alles Zukunftsmusik. Wahrscheinlich werde ich das nicht mehr erleben“, fürchtet er und fügt hinzu: „Wer einmal ein Spitzenspiel der Frauen gesehen hat, der sieht auch, dass hier ein technisch sehr versierter Fußball gespielt wird.“
Und wenn Männer von Frauenfußball reden, kommt natürlich irgendwann die Frage: Wie gut spielen sie im Vergleich zu uns? Die deutsche Frauennationalmannschaft, Welt- und Europameister, absolvierte ein 60-minütiges Testspiel gegen die B-Jugend des VfB Stuttgart – und verlor 4:0.
Für Weber ist der Vergleich ohnehin unzulässig. „Ein Topspiel, etwa Deutschland gegen die USA, ist wunderbar anzuschauen“, sagt er. Bei den Frauen gehe Kombinieren vor Attackieren. „Ich kann mich nicht erinnern, wann wir in einem Spiel zuletzt eine rote Karte hatten.“
Die nächsten Qualifikationsspiele gegen Malta und die Türkei müssten die Österreicherinnen gewinnen. Gegen England lautet Webers Devise: „Möglichst niedrig verlieren.“ In der Weltrangliste liegt das Frauenteam auf Platz 37. Davon können wiederum die Männer nur träumen . . .
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2009)