Ein Gutachten sieht die Privatmieter im Schloss Belvedere als Risiko für die Kunstsammlung – und rückt sie ins Zentrum des Konflikts zwischen Galerie und Burghauptmannschaft.
Wie wohnt es sich in einer weltberühmten Sehenswürdigkeit? Antwort: recht intim. Abseits der breiten Kieswege, der Prunkfassaden und der höflich staunenden Touristen verzichtet das Belvedere nämlich auf imperiale Show. Stattdessen: krumme Wege, grüne Zäune, gemütliche Gärten und – fast dörfliches Misstrauen: „Bitte keine Fotos, keine Namen, bitte nicht.“ Seit vor einigen Jahren eine Wochenzeitung über Quadratmeteranzahlen und andere Details berichtet hat, sind die Mieter des Belvedere, freundlich formuliert, misstrauisch. „Der Neid damals. Sie verstehen?“
Durchaus. Doch dass die Bewohner des Belvedere im Gerede sind, hat nicht mit Missgunst, sondern einem Gutachten zu tun. Wie erst im Zuge der Debatte um den lecken Albertina-Tiefspeicher bekannt wurde, hatte der deutsche Sicherheitsspezialist Klaus-Detlef Okorn im Auftrag der Galerie Belvedere 2008 das Areal überprüft. Das zusammenfassende Schreibenliegt der „Presse am Sonntag“ vor (s. Faksimile). Okorn kritisiert die Privatnutzung von Räumen „in unmittelbarer Nähe bzw. angrenzend an die Ausstellungs- und Depoträume“ als „sehr leichtsinnig“. Er wertet es als „Glücksfall“, dass es noch nicht zu einem Schaden gekommen sei – durch Feuer, überlaufende Badewannen, Gasexplosion oder Einbrüche, weil die Überwachung eines gemischt genutzten Geländes als schwierig gilt. Zwar gab es immer wieder Vorfälle, doch die gingen glimpflich aus: 2007 löste eine lecke Gasleitung einen Feuerwehrgroßeinsatz aus; 2008 wurde das Großbilddepot nach einem Wassereintritt durch ein schadhaftes Rohr ausgelagert. Die Folge: drei beschädigte Bilder.
Eher älter, eher einflussreich. Wobei die Direktorin der Galerie, Agnes Husslein, zugibt, dass die Einrichtung des Depots direkt unter den Mietwohnungen eine „Fehlentscheidung“ war. Dieses schwierige Nebeneinander von Kunst und Wohnen – im Belvedere ist es jahrhundertealte Tradition. Derzeit gibt es auf dem Gelände zirka 30 Privatwohnungen, schätzt Burghauptmann Wolfgang Beer, der für die Verwaltung und Vermietung der Gebäude im Eigentum der Republik zuständig ist. Wohnungen im Belvedere sind theoretisch für jeden zu haben, praktisch jedoch nur für einige – jene, die davon wissen. Darunter: viele Exbeamte und Leute, die Einfluss haben, oder besser, hatten. Der Altersdurchschnitt ist nämlich eher hoch.
Mehr Sicherheit, mehr Platz. Husslein will nun, dass die Mieter der direkt ans Museum grenzenden „Risikowohnungen“ auf dem Gelände umgesiedelt werden bzw. dass gewisse frei werdende Wohnungen an die Galerie gehen. Allein: Beides passiert nicht im gewünschten Ausmaß.
Warum? Weil, sagt Husslein, „Beer eine Partouthaltung einnimmt. Er setzt sich nur für die anderen Mieter ein. Uns aber, seine größten Mieter, betrachtet er als Ärgernis.“ Beer kontert mit einem Gleichnis: „Frau Husslein verhält sich wie Leute, die neben der Autobahn ein Haus bauen und sich dann beschweren, dass es laut ist. Sie hat bei ihrem Antritt gewusst, dass es hier Privatmieter gibt.“ Und zum Thema Sicherheitsrisiko: „Da muss die Galerie selbst Vorkehrungen treffen. Wenn sie Angst um die Kunstwerke hat, darf sie sie in den angrenzenden Räumen nicht aufhängen.“ Und, überhaupt, ein Mietrecht gebe es schließlich auch.
Apropos: Was sagen die Mieter zur Qualifizierung als „Gefahr“? Als einer der wenigen ist Michael Quiqueran zur Antwort bereit. Vielleicht, weil seine Familie seit 1946 hier – „im Stadtparadies“, wie ihre Freunde sagen – wohnt. Der Großvater war nach dem Zweiten Weltkrieg erster Präsident des Bundesdenkmalamts, so kam man auch zur Wohnung. Als „Risiko“ fühlt sich Quiqueran jedenfalls nicht. Die Wohnungen in den Seitentrakten des Unteren Belvedere hätten eigene Ein- und Aufgänge, lägen nicht über den Ausstellungsräumen. Das Problem sieht er eher beim fehlenden Gesamtkonzept von Museum und Burghauptmannschaft. Und: „Das ist weniger eine Diskussion um die Sicherheit als um den Platzbedarf.“
Dass es darum auch geht, daraus macht Husslein kein Geheimnis. Unter ihrer 2007 startenden Ägide wurde das Untere Belvedere zum neuen Galerieentrée ausgebaut. Es gibt mehr Events und, so beschweren sich Anrainer, mehr Lärm: „Ich verstehe den Ärger derer, die die letzten 40 Jahre ihre Ruhe hatten, aber das Belvedere gehört der Republik. Uns allen“, sagt Husslein. Und, ja, die Galerie brauche zusätzliche Büros, und ja, die Wohnung der Hausmeisterin im Unteren Belvedere sei auch nötig, um den Eingang zu vergrößern.
Die Lösung für den zähen Kleinkrieg? Husslein spricht es nicht aus, aber klar ist: Beer steht bald vor der Pension. Und dann? Angst vor der großen Absiedlung, sagt Husslein, sei nicht nötig. Zumal das auch nicht sinnvoll ist, wie das Beispiel Schloss Schönbrunn zeigt. Dort wurden zwar wegen des Risikos die Wohnungen über den Prunkräumen aufgelassen. Aber Überlegungen, wie es sie 1992 gab, Privatmieter gänzlich abzusiedeln, sind passé, wie Schönbrunn-Geschäftsführer Franz Sattlecker erklärt. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Versicherungsprämie ohne Mieter massiv steigen würde – unter anderem, weil Schäden und Gefahren auf dem riesigen Areal ohne Anrainer erst viel später bemerkt würden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2009)