...und von Erde leben wir

In vielen Weltregionen gibt es Menschen, die Erde essen. Die Gründe sind vielfältig: Teils ist es Ritual, teils purer Hunger. Meist tun es Frauen. Und oft ist's Ausdruck einer Geisteskrankheit.

Von der Erde kommen wir, zur Erde kehren wir zurück – solche Gedanken gehen einem zu Allerheiligen mit besonders verstörender Häufigkeit durch den Kopf.

Nicht minder verwirrte jüngst eine Meldung aus Mozambique: In dem Savannenland, in dem es seit dem Ende eines langen Bürgerkriegs Anfang der 90er zaghaft aufwärtsgeht und Hunger kein echtes Problem mehr ist, wird auf Märkten immer mehr Erde angeboten. Aber nicht etwa zum Anpflanzen von Gemüse, sondern zum Essen.

„Area delicioso!“, rufen die Händler. „Köstliche Erde!“ Die weißliche, rote, braune oder gelbliche Erde, die in Tassen oder sackweise (50 Kilo für 6,50 Euro, was hier ein Haufen Geld ist) abgefüllt ist und zwischen Mais und Fischen herumsteht, gilt tatsächlich als Delikatesse. „Sie verrottet nicht, man kann sie bis zum letzten Krümel verkaufen“, lacht Maria Cumbe (50), eine Gemüsehändlerin, die jetzt auch Erde verscherbelt. An manchen Tagen verdiene sie damit bis zu 13 Euro. Aber nicht nur sie profitiert von dem – boshaft gesagt – schmutzigen Geschäft: In ganz Mozambique ist eine Industrie um essbare Erde entstanden. Und ihre Kunden sind vor allem Frauen.

Hilfeschrei im Internet. Im Internet stößt man rasch auch auf „moderne“ europäische Frauen, die sich übers Erdessen austauschen; die sind aber unentspannter als ihre Genossinnen in Afrika: „Seit meiner Schwangerschaft habe ich Appetit auf Erde“, lamentiert „Nicole1978“ aus Wuppertal im Forum „gutefrage.net“. „Nichts anderes kann ihn stillen, aber ich kann doch nicht Erde essen!!! Wer kann mir helfen? Ich werde noch wahnsinnig!“, schreibt die Frau, deren Hilferuf sinnigerweise unter einem Werbelink für Grillrezepte steht.

Die Antworten sind vielfältig. Jemand schreibt, sie solle rote Rüben essen. „Raimund1“ meint, sie brauche eine Umarmung, denn ihre Empfindungen hätten „mystische Bedeutung“. Zwei Antworten sind konkreter: Es sei das Pica-Syndrom, eine Essstörung, so die eine. Es seien vor allem Hormone, die Schwangere zu „komischen Sachen“ trieben, so die andere. „Ich selbst wollte den ganzen Tag Benzin schnuppern.“

Damit kommen wir dem Rätsel des Erdessens schon nahe. Tatsächlich hat „Geophagie“, so der Fachausdruck, mehrere mögliche Ursachen, und nicht alle sind so lustig: Sie reichen von hormonbedingten Seltsamkeiten bis zum Essen von Erde aus purer Hungersnot.

Aufschlussreich ist die Arbeit des deutschen Internisten Alexander Woywodt und des Chirurgen Akos Kiss aus Südafrika über Geophagie, die 2002 im britischen „Journal of the Royal Society of Medicine“ erschien (JRSM Volume95, Nr. 3, S. 143–146). Dort wird etwa dargelegt, dass schon im Altertum Erde, Lehm und Ton als Speisen dienten.

„Wenn eine Schwangere Erde oder Holzkohle einnimmt, wird ihr Kind Zeichen davon tragen“, so der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460–377 v. Chr.) in der ältesten überlieferten Beschreibung. Im 6. Jahrhundert schrieb der Byzantiner Aetius von Amida, dass Schwangere oft nach Dingen wie Erde und Asche gierten. Und der Perser Ibn Sina (Avicenna, 980–1037) schlug zur Therapie von Geophagen vor, man solle sie einsperren und anständig ernähren.

Laub, Kreide, Kot. Seit dem 17. Jahrhundert gilt Erdessen auch als Folge einer Geisteskrankheit. Das Pica-Syndrom (lat. für „Elster“) – das Essen von Draht, Laub, Kreide oder Kot – tritt laut Psychiatern meist mit Schizophrenie, kognitiven Störungen oder Retardie als Folge extremer Verwahrlosung auf.

„Normale“ Menschen kann Hunger zu Erdessern machen: Alexander von Humboldt fand 1800 in Südamerika Stämme wie die Otomac, die Erde wuschen, trockneten und für Zeiten des Hungers lagerten. Im bettelarmen Haiti sind „Bonbons de terres“ verbreitet: keks- bis fladenförmige Erdstücke, mit Salz, Zucker oder Suppenpulver vermengt. Ihr Nährwert ist minimal.

In vielen tropischen Ländern isst man Erde zu kultischen Zwecken: Viele Völker sehen sie als Quell von Lebenskraft, während sie modernen Menschen als dreckig gilt. Und Frauen etwa in Südafrika, Indien und sogar im Süden der USA sagen, sie äßen Erde, weil es schon ihre Mütter und Omas getan hätten; sie versorge sie mit Mineralien. Dem stimmen Ärzte nur zum Teil zu, denn umgekehrt kann Erdessen dem Körper Mineralien und Spurenelemente entziehen.

Auch Steirer aßen Erde. Angeblich soll Erde manchen wirklich schmecken, und man muss dazu nicht bis Mozambique: Im 19. Jahrhundert und noch heute wird von Erdessern etwa in Portugal, Italien, Mitteldeutschland und der Steiermark berichtet. Esserden sind dort meist tonig oder lehmig, ähnlich wie „Halva“, die türkische Süßspeise aus gemahlenem Sesam. Bisweilen gibt man Gewürze zu. Ein Rat für Erdfeinspitze: Halten Sie sich zumindest von Roherde fern; in einem Esslöffel davon hausen nämlich mehr Bakterien, Pilze und Kleinstlebewesen, als es Menschen gibt. Und die sind selten gesund; vor allem nicht die netten Keime und Würmer, wenn Hund oder Katz drauf gemacht haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2009)

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