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"Lorenzaccio": Kinderfasching bei den harten Männern

FOTOPROBE BURGTHEATER LORENZACCIO
(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
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Aus Postromantischem wird postmoderner Kitsch: Stefan Bachmann geht im Burgtheater gnadenlos mit "Lorenzaccio" um.

Jedermann weiß, dass Nicholas Ofczarek und Michael Maertens für gewöhnlich hervorragende Schauspieler sind. Deshalb sollten sich sadistische Zyniker nicht entgehen lassen, die beiden in Alfred de Mussets Historiendrama „Lorenzaccio“ in tragenden Rollen zu sehen. Sie erleben keine Tragödie, sondern ein Fiasko, selbst bei bester Besetzung. Regisseur Stefan Bachmann hat nicht nur einem fetten spätromantischen Schinken inszenatorisch den Todesstoß versetzt, sondern auch die Darsteller und vor allem sich selbst der Lächerlichkeit preisgegeben. Der dreieinhalb Stunden dauernde Schwank, der am Freitag im Burgtheater Premiere hatte, ist der bisherige Tiefpunkt der zuvor schon recht durchwachsenen Saison des neuen Direktors Matthias Hartmann.

Zehn Schauspieler irren in gut vier Dutzend Rollen durch die Fetzen des monumentalen Textes, den de Musset mit 24 Jahren nach enger Zusammenarbeit mit seiner Geliebten George Sand vollendet hat, noch unter dem Eindruck der verlorenen Illusionen der Revolution von 1830 und nach dem Bruch mit der Lebensgefährtin. Ergebnis: ein Dauerrausch. Tyrannenmord in der Geschichte der Stadt Florenz im Jahre 1537 wird zur Ersatzbefriedigung für den dekadenten Franzosen, der seinen bigotten Zeitgenossen den zügellosen Bastard eines Medici-Papstes als Spiegelbild vorhält; Alessandro (Ofczarek) ist ein Herrscher voller Grausamkeit, politischer Gleichgültigkeit und Lüsternheit. Sein ausgeflippter Vetter Lorenzo (Maertens) erweist sich als idealer Spießgeselle beim Frauenschänden und Männerstechen, hat es sich aber zum Lebensziel gemacht, den Herzog zu meucheln. Das richtige Sterben im falschen Leben; dieser frühe Dandy weiß um die Korruption der Macht, die Vergeblichkeit seines Opfers – und tut es trotzdem, ganz im Gegensatz zu den misshandelten großen Familien in Florenz, über die de Musset auch ausufernd schreibt.

Was aber macht Bachmann aus dem größenwahnsinnigen Projekt? Er betreibt postmoderne Spielchen auf einer symbolschweren Bühne (Johannes Schütz). Florenz ist ein goldener Guckkasten, auf Erde gebaut, mit einem langen Sofa, an dem Ofczarek als Herzog Kraftmeiereien ausüben darf, wenn er nicht gerade Frauen oder den blasierten Vetter Lorenzaccio beglückt. Später, wenn die Familien Strozzi, Cibo oder Pazzi intrigieren, steht im Zentrum ein langer Tisch, der an Leonardos Abendmahl erinnert. Es wird gevöllert, geknattert, gefochten (sogar nackt!), wie Statuen stehen schmucke Kardinäle dazwischen, manchmal galoppiert das halbe Ensemble adrett und spärlich bekleidet mit Pferdemasken vorbei. Das ständige Umziehen muss eine Herausforderung sein, es erfolgt oft in der ersten Reihe des Parketts. Sogar Logen werden zuweilen ins Geschehen eingebaut. Wie originell!

Ein Catwalk. Nehmen wir also an, die wirre Handlung voll dunkler Anspielungen auf alle Revolutionen bis 1989 ist gar nicht so raffiniert gemacht wie vorgespiegelt, gar nicht so fein ziseliert, sondern bloß die Kopie der Kopie eines Buberl-Drogenrausches, dann kommt es eigentlich gar nicht darauf an, was gespielt wird, sondern wie man aussieht. Wer also behauptet sich auf dem Catwalk? Dieses Blendwerk ist ganz auf das Powerduo Alessandro/Lorenzaccio zugeschnitten. Aber das Theatertier Ofczarek wirkt diesmal so harmlos tapsig wie bei den Pradler Ritterspielen, vor allem in der peinlichen Nacktszene, in der er wie ein Engerl in einem Poussin-Bild posiert. Selbst Maertens lässt nur phasenweise erahnen, wie gut ihm die Rolle des Hamlet stehen würde, meist aber gibt er es zu billig für einen wahren Dekadenten.

Martin Schwab wiederum hat den undankbaren Part des Spießers Strozzi – er kann einem wirklich leidtun. Jörg Ratjen, Sebastian Blomberg und Daniel Jesch sind als Geistliche oder Politiker konzis, Mavie Hörbiger und Melanie Kretschmann hingegen als Pferde, Gäste oder Opfer vernachlässigbar. Am besten kommen mit diesem faden Karneval, in dem Felix Huber und Andreas Radovan zumindest musikalische Akzente setzen, zwei Nebendarsteller zurecht: Silvia Fenz hat als Mutter, Totengräber, Gast et cetera eine unerschütterliche Würde. Gerrit Jansen brilliert mit der nötigen Übertreibung sowohl in Frauenkleidern als auch als Lampenschirmständer und als neuer, goldiger Herzog. Eine Entdeckung. Das aber rettet die Aufführung auch nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2009)