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Wurm, Spitzweg und die trügerische Idylle

Der „Landadel“ in fast schon liebenswert ironischer Pose, fotografiert von Erwin Wurm 2008.
Der „Landadel“ in fast schon liebenswert ironischer Pose, fotografiert von Erwin Wurm 2008.(c) Studio Erwin Wurm
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Carl Spitzwegs erste Wiener Ausstellung wird durch die Begleitung von Erwin Wurm zum Erlebnis.

Man glaubt es kaum, so verinnerlicht hat jeder die Sujets des Münchner Biedermeier-Malers Carl Spitzweg, den „Armen Poeten“ in der Dachstube, den „Schmetterlingsfänger“, den „Bücherwurm“– aber es gab nie eine Spitzweg-Ausstellung in Österreich. Bisher, denn nun hat Leopold-Direktor Hans Peter Wipplinger einen Coup gelandet. Nicht nur konnte er das Georg-Schäfer-Museum in Schweinfurt erstmals dazu überreden, eine von der Zahl her wesentliche Leihgabe aus Spitzwegs Hauptwerk auf die Reise zu schicken. Wipplinger macht die heutige Relevanz dieses „deutschen Waldmüller“ durch den Paarlauf mit Österreichs zurzeit prominentestem Künstler, Erwin Wurm, auf geniale Weise spürbar.

„Köstlich! Köstlich?“ ist der Untertitel, der das Spiel mit dem Betrachter beschreibt, das beide Künstler auf in ihrer jeweiligen Zeit grandiose Weise beherrschen: Die Verlockung mit einem ersten, wohligen Blick, der auf einem augenscheinlich einfach zu konsumierenden, schönen, lustigen bzw. idyllischen Motiv zu liegen kommt. Um dann beim zweiten Gedanken, der einem zweiten, skeptischen Blick folgt, die dahinter verborgene Gesellschaftskritik langsam sickern zu lassen.

Bei Spitzweg ist das die Kritik am Metternich'schen Überwachungsstaat, an Zensur und Spitzelwesen, die das sich formierende bürgerliche Idyll Anfang des 19. Jahrhunderts schal werden ließ. Man muss oft nur die Blickachsen aller in einer Szene Anwesenden verfolgen – etwa wenn ein Galan einer Schönen ein Blumenbouquet überreicht –, um zu verstehen, wie soziale Kontrolle funktioniert, wie politisch das Private immer war und ist. Dieses Gefühl der alles abschnürenden, unausweichlichen bürgerlichen Enge überwältigt einen in voller Wucht schon beim Betreten der Ausstellung: Wenn man im Untergeschoß des Leopold-Museums plötzlich vor einem raumfüllenden Einfamilienhaus steht, Wurms Elternhaus aus Bruck an der Mur, in voller Länge, 16 Meter, inklusive Geranien-Blumenkisterln. Und in absurder Enge, gequetscht auf 1,50 Meter. Man darf eintreten. Nicht stecken bleiben!

 

Die Philosophie zwischen den Beinen

In diesem gewitzten Dialogformat geht es weiter – nimmt Spitzweg die Doppelmoral der Eremiten und Mönche aufs Korn in seinen Kleinformaten, assoziiert man dazu Wurms Fotoserie aus dem Stift Admont bzw. ihn selbst anbetend kniend mit einer Zitrone im Mund. Eine von Wurms One-Minute-Sculptures, mit denen er u. a. auch bei der Biennale Venedig im Österreich-Pavillon in wenigen Wochen für Aufsehen sorgen wird. Eines dieser bis auf die Requisiten leeren, weißen Podien zur mehr oder weniger peinlichen Selbstdarstellung für befehlstreue Mitmach-Künstler hat er auch im Leopold Museum aufgestellt, wo man die Bücher seiner „liebsten Philosophen“ zwischen Arme und Beine spannen soll. Nahezu ident korrespondierend mit Spitzwegs „Bücherwurm“ von 1850, diesem zerzausten Privatgelehrten auf seiner Leiter in seiner Bibliothek, völlig enthoben der Realität, wie Spitzweg viele Wissenschaftler in ihren bunten Parallelwelten dargestellt hat, liebevoll ironisch, könnte man sagen, bitterböse eigentlich. So wie er die Bürgerlichen auch in der pseudo-adeligen Pose der Jäger zeigt, weil die Jagd damals erstmals für alle freigegeben wurde. Während Wurm einen landadeligen Jäger plötzlich auf einen Tisch steigen lässt, um ihn dort wie eine Trophäe oder einen Einrichtungsgegenstand zu fotografieren.

So geht das 110 Spitzweg-Bilder und 15 Wurm-Kommentare bzw. Wurm-Interventionen weiter. Fast schon zu idyllisch in ihrer Harmonie, was, wir haben von ihnen ja gelernt, einen fast schon wieder skeptisch machen könnte.

ZUR PERSON

Carl Spitzweg (1808–1885) war Autodidakt,veröffentlichte Karikaturen in den Münchner „Humoristischen Blättern“, malte erst eher zeichnerisch, später fast impressionistisch. Er galt als ein Lieblingsmaler Hitlers, „was besagt, dass dieser ihn nicht verstanden hat“ (Kurator Wipplinger). [ German. Nationalmuseum, Nürnberg]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2017)