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Teneriffa, 27. März 1977: Der blutige Tiefpunkt der Fliegerei

In der brennenden Boeing 747 der KLM starben alle 248 Insassen.
In der brennenden Boeing 747 der KLM starben alle 248 Insassen.(c) Archiv
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Vor 40 Jahren gab es auf der spanischen Kanareninsel das größte nicht terroristische Unglück der Zivilluftfahrt: 583 Menschen starben.

Santa Cruz de Tenerife. Es war ein Zusammenprall zweier Riesen der Lüfte am Boden und ein Flammenmeer, dessen Bilder sich TV-Zuschauern und Zeitungslesern von damals bis heute eingebrannt haben: Heute jährt sich zum 40. Mal das bisher schlimmste Unglück der Zivilluftfahrt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York: Am 27. März 1977 starben auf dem Flughafen Los Rodeos der spanischen Atlantikinsel Teneriffa 583 Menschen, als zwei Boeings 747 der holländischen KLM und der Pan Am (USA) kollidierten.

Ursache war eine Mischung aus Missverständnissen, dichtem Nebel sowie hoher Verkehrsdichte nach einer Bombendrohung in Gran Canaria auf der gleichnamigen Nachbarinsel. Die Drohung hatte zur Umleitung von Verkehrsströmen von dort geführt und den kleineren Flughafen Teneriffas unüblich stark belastet. Trotz Nebels wollten alle möglichst schnell abfliegen, die bloßen Anweisungen für die Abflugroute nach dem Start – dem Take-off – interpretierte der niederländische Pilot trotz Einwänden des Bordingenieurs als Startgenehmigung. Er beschleunigte und krachte gegen den US-Jumbo, der auf Befehl des Towers hin ein Stück weit auf der Startbahn in die Gegenrichtung gerollt war, um auf der Rollbahn daneben wartende Flugzeuge zu überholen und sich zur Startposition zu begeben. Allerdings hatte er im Nebel die Abzweigung nach links von der Startbahn zur Rollbahn übersehen.

 

Der Jumbo stand im Nebel

Eine Überlagerung im Funk sowie fehlendes Bodenradar der Spanier taten ein Übriges: Die Niederländer wollten noch hochziehen, als sich der andere Jumbo aus dem Nebel schälte, und Letzterer wollte noch links ausbrechen, doch zu spät: Das Heck des KLM-Jumbos schlug auf den Boden, der Flieger gewann an Höhe, doch es reichte nicht: Seine Unterseite und ein Triebwerk rechts durchschlugen die US-Boeing mittig. 150 Meter danach krachte der Jet zu Boden, rutschte 300 Meter weit und explodierte. Alle 248 Insassen starben. Von den 396 Menschen im Pan-Am-Jumbo überlebten 61.

„Teneriffa war ein Paradebeispiel für die Verkettung unglücklicher Faktoren, von denen einer allein nie ein solches Unglück erzeugt hätte“, sagt der Flugunfallforscher Jan-Arwed Richter. Es sei zwar weiter möglich, dass mehrere Risikofaktoren gleichzeitig aufträten, doch sei heute die Möglichkeit eines solchen Unglücks weit geringer als vor 40 Jahren. Die Luftfahrt hat Konsequenzen aus dem Unglück gezogen. Experten aus Spanien, den USA und den Niederlanden untersuchten die Verkettung von Umständen, die empfohlenen Änderungen prägen die Fliegerei bis heute. So wurden etwa missverständliche Formeln im Funkverkehr gestrichen. Heute gibt es globale Sprachregeln, welche Wörter erlaubt sind, um einem Flugzeug Startgenehmigung zu erteilen, nämlich „Cleared for Take-off“: Solange der Pilot nicht exakt das hört, darf er nicht starten.

 

Radfahren ist gefährlicher

Das Ergebnis insgesamt: Die zivile Luftfahrt wurde immer sicherer. 2016 trübten zwar erneut spektakuläre Unfälle die Sicherheitsbilanz, doch gilt das Jahr als eines der sichersten der Branchengeschichte. Die Zahl der tödlichen Unfälle nimmt nach Erkenntnissen internationaler Flugunfallbüros tatsächlich stetig ab. In Europa oder den USA ist die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls beim Radfahren mittlerweile sehr viel höher als beim Fliegen. (DPA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2017)