„Videorama“ ist eine mutige, experimentelle Ausstellungsform bewegter Bilder. Sie soll österreichische Videokunst international promoten.
Blasse Hardcore-Cineasten werden kreischend auf den MQ-Hof flüchten und sich vors nächste Viennale-Plakat werfen. Mitglieder der Neigungsgruppe Videokunst sich „Videorama“ dagegen genüsslich reinziehen wie das Computerlaufwerk eine CD-ROM. Kuratorin Angelika Stief hat in der halbdunklen Kunsthalle nicht so sehr dem einzelnen Werk gehuldigt, in nachtschwarzen Boxen, schalldicht abgeschlossen, sondern rund 50 Kurzfilme österreichischer Künstler aus den vergangenen zehn Jahren zur panoramaartigen Gesamtinstallation gemixt.
In „Videorama“ überschneiden sich bewusst Tonspuren, wechseln sich wie in einer Lightshow die Projektionen ab – „Erlebnisräume“ nennt Stief das. Der eindrucksvollste funktioniert wie die Passage einer Geisterbahn: Links fetzen stroboskopartig Wiener U-Bahn-Stationen vorbei, während rechts ein Mann rasend den Kopf schüttelt, Arbeiten von Dariusz Kowalski und Nicolas Jasmin. Dazu schreit auf einem Bildschirm Zobernigs Baby. Im nächsten Moment lässt Sabine Maier zwei Synchrontänzerinnen die kommunistische „Spartakiade“ nachstellen, und schon bestimmen das Sichtfeld Schinwalds hysterische Körper, die langsam die Kontrolle verlieren, zucken, schwitzen, fallen.
Eine sehnsüchtig erwartete, jetzt von der Kunsthalle entwickelte Innovation erleichtert den Konsum längerer Videoarbeiten enorm – auf kleinen Bildschirmen zeigt ein Zeitbalken an, ob man gegen Ende oder Anfang eingestiegen ist. Insgesamt, schätzt Stief, braucht man eineinhalb Stunden, um alle „Kunstclips“ durchgesehen zu haben. Manchmal reicht dafür ein Blick – wie beim Bild des rot leuchtenden Schalters, der das Thema des nächsten Raums ankündigt.
Von Cronenberg bis Grissemann
Es ist der Schalter der Teleportationskammer in David Cronenbergs Film „Die Fliege“, Nicolas Jasmin hat ihn herausgefiltert, die Verwandlung kann also beginnen. Auch wenn sie in diesem Fall eine malerische ist, wie in Renate Bertlmanns Mutationen, oder eine surreale der Gruppe „BitteBitteJaJa“, die per Video das berühmte Dada-Faltspiel spielt – einer beginnt mit dem Kopf, der nächste steuert den Körper, der letzte die Landschaft bei.
So fließen die Räume weiter, wechseln locker das Tempo, das Thema. Stermann/Grissemann-Satiren haben genauso Platz wie Susi Jirkuffs animierter Bonnie-Tyler-Fan-Chor und Anna Jermolaewas gleichnishafter, übervoller Rattenkäfig auf einem Tiermarkt in Mexico City. Von hypnotisierenden 24 verschiedenen Bildern pro Sekunde in Thomas Draschans mobilisiertem Flohmarktbildarchiv bis zum meditativen Referenzbild der sachte flackernden Kerze von Franz Schubert, der damit auf Gerhard Richter und das Sonic-Youth-Album „Daydream Nation“ anspielt. „Nichts was du in der Umwelt wahrnimmst, zeigt dir je sein wahres Gesicht“, sagt schon Käpt'n Ahab in „Moby Dick“, gleich am Beginn videozitiert. So zeigt auch die Ausstellung kein spezifisch österreichisches „Gesicht“, zu vielfältig ist die Auswahl, zu unterschiedlich sind die Künstler, ihre Hintergründe, ihre Techniken. Trotzdem wird diese Schau in den nächsten Jahren österreichische Videokunst auf der ganzen Welt promoten, von New York, Hongkong bis ins Kraichtal. Eine tüchtigere Botschafterin wird sie zur Zeit schwer bekommen.
ZUR AUSSTELLUNG
■Videorama ist eine Ausstellung des Ursula-Blickle-Videoarchivs, das in der Kunsthalle Wien angesiedelt ist. Die Videos wurden von Kuratorin Angela Stief mit einer internationalen Jury ausgesucht. Elf Stationen der Ausstellungen sind geplant. In Wien ist sie von 4.November bis 10.Jänner zu sehen, täglich 10–19h, Do 10–22h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)