In manchen Ländern wie der Ukraine gibt es schon hunderttausende Infizierte, in Österreich ist eine Elfjährige gestorben. Ob jeder geimpft werden soll, ist unklar – wer die Risikogruppen sind, hingegen nicht.
Mehr als 6800 Todesopfer weltweit, Berichte über Massenpanik in der Ukraine – und auch in Österreich gibt es seit einigen Tagen die ersten schweren Fälle der Neuen Grippe (auch: Schweinegrippe), die in der Intensivstation behandelt werden müssen. Eine elfjährigen Südtirolerin ist in der Innsbrucker Klinik gestorben, eine schwangere Wiener Patientin ist nach wie vor in kritischem Zustand. Immerhin, einem Patienten aus Bayern geht es langsam wieder besser.
In der Öffentlichkeit herrscht vor allem eines: Unsicherheit. Ist eine Impfung sinnvoll? Und wer gehört zu den Risikogruppen? Und müssen wir mit ähnlichen Problemen wie in der Ukraine rechnen?
1. Muss man sich impfen lassen oder nicht?
Diese Frage ist weiterhin umstritten. Manche Mediziner, wie der Internist Wolfgang Graninger, empfehlen zwar die Impfung für Risikopatienten, sind ansonsten aber eher skeptisch. Dem widerspricht der Virologe Franz Xaver Heinz: Eine Impfung mache für jeden Sinn, der nicht ein paar Tage im Bett liegen wolle.
2. Wer ist denn nun wirklich besonders gefährdet?
„Gar so überrascht brauchen wir nicht sein, dass wir jetzt drei in der Intensivstation haben“, sagt Virologe Franz Xaver Heinz. Dass es vereinzelte schwere Fälle geben kann, habe man bereits in der südlichen Hemisphäre beobachtet – vor allem bei Risikogruppen: chronisch Kranke, Schwangere und vor allem auch junge, gesunde Patienten ohne Vorerkrankungen. 40 Prozent der Todesopfer bei H1N1 stammen aus letzterer Gruppe. Dass gerade sie in der jetzigen Phase noch nicht dezidiert zur Impfung aufgefordert wurden, sei eine international akkordierte politische Entscheidung, sagt Christoph Wenisch, Infektiologe am Kaiser-Franz-Josef-Spital.
Bei einem schweren Krankheitsverlauf kann die Neue Grippe lebensbedrohlich werden. Abgesehen von den wenigen schweren Fällen verläuft sie aber zumeist mild. In einigen Fällen treten bei einer Infektion nicht einmal Symptome auf. Laut Schätzungen könnte das zehn bis 15 Prozent der Infizierten betreffen – sie zeigen keine Krankheitsanzeichen, verbreiten das Virus aber weiter.
3. Wie schnell wird sich die Neue Grippe ausbreiten?
„Das Virus gibt es in allen europäischen Ländern. Die Schotten dichtzumachen hat keinen Sinn.“ Weitgehende Quarantänemaßnahmen oder Flugbeschränkungen hält der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, Hubert Hrabcik, deshalb nicht für notwendig.
Eine Ausbreitung ließe sich ohnehin nicht völlig verhindern. Gab es im Sommer in Europa nur importierte Fälle, ist die aktuelle Grippewelle hausgemacht – und dürfte sich ähnlich ausbreiten wie die saisonale Grippe. So ist es zumindest in der südlichen Hemisphäre geschehen, wo die Neue Grippe die saisonalen Influenzaviren großteils verdrängt hat.
Betroffen waren nur rund zehn Prozent der Bevölkerung. „Bei uns können es auch mehr sein“, warnt Franz Xaver Heinz, Vorstand des Klinischen Instituts für Virologie, „wir müssen jetzt ein, zwei Wochen abwarten.“ Eines ist allerdings schon klar: Die Fälle werden mehr. In den letzten drei Wochen ist die Zahl der Neuinfektionen stark angestiegen, allein zwischen 23. und 30. Oktober gab es 72 Neuerkrankungen.
4. Gibt es Mutationen des Virus, gegen die keine Impfung hilft?
Virologe Franz Xaver Heinz beruhigt: Es gibt keine Hinweise, dass Mutationen sich verbreiten, die gegen die derzeit vorhandenen Wirkstoffe resistent sind. Ist die Bevölkerung gegen den jetzigen Stamm immun, wird sich H1N1 aber „verhalten wie jedes andere Virus auch“ – und laufend werden sich dann Mutationen vermehren.
5. Drohen in Österreich ähnliche Zustände wie in der Ukraine?
Nein. Das ukrainische Gesundheitswesen und die dortigen Vorbereitungen seien mit Österreich nicht vergleichbar, sagt Infektiologe Christoph Wenisch. Dennoch sei die Situation in der Ukraine Anlass, sich Gedanken zu machen, so Wenisch. „Wir sind zwar gut vorbereitet, aber dieses Angebot muss man auch nützen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)