Gaskrise? EU ist technisch vorbereitet – politisch nicht

(c) AP (Sergei Chuzavkov)
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Engpässe könnte es wieder in Südosteuropa geben.

Wien/Brüssel (jaz/go). Wirklich überraschend kam die Ankündigung des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, dass es aufgrund des Streits mit der Ukraine auch heuer wieder eine eingeschränkte Gaslieferung nach Westeuropa geben könnte, nicht. Bereits 2006 und Anfang dieses Jahres mussten die Europäer zur kältesten Zeit des Jahres hilflos zusehen, wie der Druck in den Gaspipelines stetig abnahm. Im vergangenen Jänner kam zwei Wochen lang sogar überhaupt kein russisches Gas mehr nach Europa.

„Aus dieser Krise haben wir viel gelernt. Wir sind heuer wesentlich besser vorbereitet“, meinte zuletzt Walter Boltz, Chef der heimischen E-Control, zur „Presse“.

Speicher sind voll

Vor allem die Abläufe im Falle einer Krise wurden über den Sommer verbessert. Energieversorger und andere Großabnehmer müssen nun detailliertere Informationen an die Behörden abliefern. Dadurch soll bei einem Druckabfall im Gasnetz schneller und zielgerichteter reagiert werden. Essenzieller Faktor bei der Krisenvorsorge sind aber erneut die heimischen Gasspeicher. In Summe sind unter heimischem Boden 4,4Mrd. Kubikmeter Gas gespeichert– rund die Hälfte des jährlichen Verbrauchs. Sofern die Krise nicht von November bis April dauert, reicht dies, meint Boltz.

Zudem könnte das heimische Gas auch Nachbarländern mit weniger Speichern zur Verfügung gestellt werden. So werden seit diesem Frühjahr in ganz Europa die Pipelines umgebaut, damit Gas auch von West nach Ost transportiert werden kann. Teilweise sollte das diesen Winter schon möglich sein. In Westeuropa ist Gas aufgrund des gefallenen Bedarfs infolge der Krise und des globalen Überangebots an Flüssiggas nämlich reichlich vorhanden. Probleme dürfte es bei einem Lieferstopp vor allem in Südosteuropa geben. Die dortigen Länder hängen stark von russischem Gas ab und haben nur geringe Speicherkapazitäten. Auch im vergangenen Winter waren die Balkanstaaten von der Krise am heftigsten betroffen.

Politische Führung fehlt

Technisch dürfte die EU somit relativ gut auf eine neuerliche Krise vorbereitet sein. Anders sieht das auf politischer Ebene aus. Denn Putin hat seine Warnung zu einem Zeitpunkt äußerster politischer Orientierungslosigkeit in Europa ausgesprochen. Die gegenwärtige Europäische Kommission führt seit vergangenem Freitag nur mehr die laufenden Geschäfte, ihre Nachfolgerin wird frühestens Anfang Dezember, aber wahrscheinlich erst mit 1. Jänner zu arbeiten beginnen.

Dieser Zeitplan gilt auch für die beiden neuen Ämter, die der Lissabon-Vertrag schafft. Der EU-Ratspräsident (er amtiert für zumindest zweieinhalb Jahre) und der Hohe Vertreter der Union für die Außen- und Sicherheitspolitik (vulgo „EU-Außenminister“) sollen künftig die Europäische Union nach außen vertreten. Wie ihre Arbeitsteilung aussieht, ist unklar – genauso wie die Antwort auf die Frage, wer Russland und die Ukraine in die Pflicht nimmt, wenn zu Neujahr wieder das russische Gas versiegt.

Zahlen & Fakten

Russisches Gas deckt rund 40Prozent aller Gasimporte in die EU und ein Viertel des gesamten Gasverbrauchs. Je weiter östlich ein Staat liegt, desto höher ist der Anteil des russischen Gases. Österreich bezieht sein Gas zu 51Prozent aus Russland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)

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