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Wiens Sensenmann im Café: Wie Mähen zum Morgensport wird

Die Adresse als „Wunder“: Klaus Kirchner dengelt ausgerechnet in der Sensengasse.
Die Adresse als „Wunder“: Klaus Kirchner dengelt ausgerechnet in der Sensengasse.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Urban Gardening, Urban Farming und nun Sensenmähen: Wie Mähen per Hand ein Trend wurde, und was Klaus Kirchner mit Sensen im Prückel macht.

Der Dengler in der Sensengasse. Klaus Kirchner lacht schon, als man die unvermeidliche Frage noch gar nicht fertig ausgesprochen hat. Ausgerechnet? Wie kommt's? Er beschäftige sich seit ein paar Jahren mit Sensen und Dengeln, da habe ihn die Wiener Sensengasse natürlich besonders interessiert. Sensen, Sensenmann, Sensengasse – passenderweise hat auch das Department für Gerichtsmedizin der Universität Wien seinen Sitz an dieser Adresse am Alsergrund.

Bei ihm, sagt er, war es dann eine Art Wunder, eine glückliche Fügung. Er sei aus Neugierde in die Sensengasse gekommen und habe zufällig „Die Werkstatt“ an der Hausnummer vier gefunden: Die Tischlerwerkstatt von Maria-Theresia Bretschneider, die diese teilweise untervermietet. So werkt hier heute etwa ein junger Holzbildhauer an der Inschrift auf einem Holzkreuz, daneben empfängt Kirchner seine Sensenmäher, dengelt alte Sensenblätter, vor der Werkstatt in der Gasse stehen Europaletten, in denen Blumen wachsen, eine Sitzbank und ein Transparent mit der Aufschrift „Schnitter“.

Der Schnitter – früher ein Wanderarbeiter, der mit Sense und Sichel durch die Lande zieht, bei der Getreideernte mithilft (im übertragenen Sinn bezeichnet man mit Schnitter auch den Sensenmann, den Tod). Ersteres, das Handwerk des Schnitters und des Denglers, belebt Kirchner in der Stadt wieder. Dengeln, das Verfahren zum Schärfen der Schneide einer Sense oder Sichel, bei dem der Stahl durch Hämmern zu einer dünnen, scharfen Schneide ausgetrieben wird, ist ein Handwerk, das man in Wien fast nicht mehr kannte – oder gebraucht hat.

Aber wie Gärtnern, Gemüseanbau, Urban Farming, Urban Gardening, oder wie auch immer man die Tendenz der Städter, naturnäher zu leben, alte Kulturtechniken wieder zu pflegen, nennen mag, kommt auch das Sensenmähen zurück in die Stadt. Immer mehr Leute mähen Gärten, Dachgärten, Grünflächen in Wohnanlagen oder die Wiesen im Botanischen Garten nun mit Sensen. In den vergangenen Jahren habe das stark zugenommen.

Wie das? Zum einen, sagt Kirchner, kann man mit einer Sense zu jeder Zeit mähen, stört keine Nachbarn, braucht kein Benzin – und für den, der mäht, sei es eine ruhige, meditative Arbeit. Besonders am frühen Morgen, wenn das Gras noch taufeucht ist und man beim Mähen die Vögel höre. Außerdem könne man per Sense besser regeln, welche Pflanzen stehen bleiben. Die Tendenz gehe schließlich bei vielen weg vom Golfrasen hin zu (teilweisen) Blumenwiesen. Und auch Schmetterlingsbestände schützt das Sensenmähen: Während ein Rasenmäher, der geschnittenes Gras häckselt, Eier und Brut, die dort abgelegt wurden, zerstört, kann man mit der Sense geschnittenes Gras trocknen, die Schmetterlinge überleben.

Und so ist er auch zum Mähen im Botanischen Garten der Universität gekommen. „Es hieß: Wir haben zu wenige Schmetterlinge in den Wiesen, wollt ihr nicht mähen?“ Nun veranstaltet Kirchner im Botanischen Garten oder auf einer Obstwiese in Rodaun Sensenkurse. Mitunter treffen sich auch Gruppen von Sensenmähern frühmorgens im Botanischen Garten, um vor der Arbeit Wiesen zu mähen. Quasi als gesunder Morgensport – schließlich gibt es auch fürs richtige, rückenschondende Mähen mittlerweile Kurse mit einer Physiotherapeutin.

Mähen als Teambuilding-Aktion

Kirchner selbst ist zum Mähen eher zufällig gekommen. Zwar hat er das als Kind im Sommer auf einem Bauernhof einst schon gelernt – und längst wieder verlernt. Aber nachdem seine Frau 2012 die Idee hatte, einen Kurs zu besuchen, wurden Sensen seine Passion.

Nun veranstaltet er selbst diverse Kurse – auch als Teambuilding-Aktivität. Schließlich ist Kirchner eigentlich Supervisor und Organisationsberater – Sensenmähen passe gut ins Programm. Mittlerweile betreibt er auch einen Blog zum Thema, und nun, zu Frühlingsbeginn, hat er überhaupt Hochsaison: So sammelt er etwa morgen, Mittwoch, wieder Sensenblätter im Café Prückel, die er dann auf dem Raritätenmarkt im Botanischen Garten frisch gedengelt zurückgibt (siehe Infobox).

Zur Person und Termine

Klaus Kirchner ist Trainer, Organisationsberater, Dengler und Sensenlehrer. Er veranstaltet Kurse, bei denen er richtiges und rückenschonendes Sensenmähen lehrt, zum Beispiel im Botanischen Garten in Wien. Wer eine alte Sense dengeln lassen will: Am Mittwoch, den 29. März, sitzt Klaus Kirchner von 17.30 bis 20 Uhr im Café Prückel am Stubenring und sammelt Sensenblätter. Frisch gedengelt werden die dann auf der Raritätenbörse im Botanischen Garten (7. bis 9. April) zurückgegeben. Details, Infos zu Kursen und Sensen-Blog: www.schnitter.in

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2017)