Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Viele schlechte Leser in den Mittelschulen

(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Jeder sechste Jugendliche scheitert an einfachen Texten. Besonders betroffen: Schüler an Neuen Mittelschulen, Migrantenkinder und Kinder aus bildungsfernen Familien. Die Ministerin startet jetzt ein Spezialprogramm.

Wien. Österreichs Schüler überschätzen ihre Lesekompetenz: Neun von zehn glauben, gut oder eher gut zu lesen – tatsächlich trifft das aber nur auf mehr als die Hälfte der 14-Jährigen zu. Jeder Sechste hat nach acht Jahren Schule sogar Probleme beim Lesen einfacher Texte. Das zeigen die Resultate der Bildungsstandardtests der achten Schulstufe in Deutsch – für Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) eine „akute Handlungsaufforderung“. Die wichtigsten Ergebnisse und Erklärungen.

1 12.700 Jugendliche lesen schlecht. Ein Viertel ist schwach in Deutsch.

Bei den Deutschtests vergangenen Frühling haben 49 Prozent der insgesamt 73.000 Schüler der achten Schulstufe die vorgegebenen Standards beim Lesen erreicht, sieben Prozent haben sie übertroffen. 28 Prozent der 14-Jährigen haben sie nur teilweise erreicht. Sie verstehen nur kurze und wenig komplexe Texte. 17 Prozent sind daran gescheitert. Diese 12.700 Jugendlichen sind laut Bifie-Chefin Claudia Schreiner in ihrer weiteren Entwicklung ernsthaft gefährdet. Insgesamt haben 45 Prozent in allen vier Testbereichen – Lesen, Schreiben, Sprachbewusstsein, Zuhören – die Standards erreicht. Ein Viertel der Schüler hat in mehreren Bereichen Probleme. Sie sind also generell schwach in Deutsch.

2 Die Stichprobe war schlechter. Der Vergleich ist aber schwierig.

Die Deutschstandards für die achte Schulstufe sind zum ersten Mal flächendeckend durchgeführt worden – messen kann man sie daher nur an der Stichprobe aus dem Jahr 2009. Im wichtigsten Testbereich Lesen haben sich die Schüler im Vergleich dazu im Schnitt um 37 Punkte – etwa ein Schuljahr – verbessert. Allerdings sind laut Bifie bisher alle echten Tests besser ausgefallen als die Stichprobe.

3 Schwache Leser sitzen vor allem in den Neuen Mittelschulen.

In den Gymnasien gibt es wenige schlechte Leser – an den Hauptschulen und Neuen Mittelschulen dafür umso mehr: Nur zwei Prozent der Viertklässler erreichen die Lesestandards in der AHS nicht. An NMS oder Hauptschule scheitert dafür jeder Vierte beim Lesen. Das spiegelt aber im Wesentlichen die unterschiedlichen Eingangsvoraussetzungen wider. Denn die Kluft besteht schon vorher: Jeder fünfte Volksschüler, der in eine NMS geht, hat schon mit zehn Jahren Leseprobleme. Bei den AHS-Anwärtern sind es drei Prozent.

4 Jeder dritte Schüler mit Migrationshintergrund liest schlecht.

Der Anteil der schlechten Leser ist unter Schülern mit Migrationshintergrund drei Mal so hoch wie unter anderen Schülern. Mehr als jeder dritte Jugendliche mit ausländischen Wurzeln ist Risikoleser. Im Schnitt liegen sie 75 Punkte hinten, das entspricht etwa zwei Lernjahren. Allerdings kann man nicht alles direkt auf den Migrationshintergrund zurückführen: Ein Drittel der Unterschiede kann man durch den sozialen Hintergrund erklären.

5 Akademikerkinder liegen drei Lernjahre vor anderen.

Ein Uni-Abschluss der Eltern ist das beste Rezept gegen Leseprobleme. Akademikerkinder liegen im Schnitt 113 Punkte – also ungefähr drei Lernjahre – vor Schülern, deren Eltern höchstens die Pflichtschule abgeschlossen haben. Von den Schülern mit Pflichtschuleltern erreichen 38 Prozent die Lesestandards nicht. Bei Eltern mit Berufsausbildung sind es 19 Prozent, bei jenen mit Matura 14 und bei Eltern mit Uni-Abschluss neun.

6 Wiener Schüler lesen schlechter, aber nur im Durchschnitt.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern entsprechen mit bis zu 23 Punkten weniger als einem Schuljahr. Wien ist beim Lesen Schlusslicht: Ein Viertel der Schüler in der Hauptstadt erreicht die Lesestandards nicht. Das liegt laut Bifie an der Zusammensetzung der Schüler: Die verschiedenen Gruppen – Migranten, Arbeiterkinder, Akademikerkinder etc. – liefern demnach ähnliche Ergebnisse wie in anderen Bundesländern. Es gibt aber in Wien deutlich mehr Schüler mit Migrationshintergrund und aus wenig gebildeten Familien. Die wenigsten Risikoschüler gibt es in Niederösterreich, Salzburg und der Steiermark: je 14 Prozent.

7 Mädchen liegen beim Lesen wie immer weit vor den Burschen.

Wie beim PISA-Test zeigt sich auch bei den Bildungsstandards, dass Mädchen beim Lesen besser abschneiden als Buben. Mit 33 Punkten sind sie im Schnitt knapp ein Schuljahr vorne. Noch größer sind die Unterschiede etwa beim Rechtschreiben: Hier sind Mädchen um 52 Punkte – eineinhalb Schuljahre – vor Buben. Der Anteil schwacher Schüler ist unter den Mädchen deutlich geringer als unter den Buben. In absoluten Zahlen stehen 4800 Risikoleserinnen rund 7900 leseschwachen Buben gegenüber.

8 Die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen sind sehr groß.

Während die schwächsten Schulstandorte beim Lesen lediglich 350 Punkte erreichen, schaffen die besten Schulen 670 Punkte. Ein gewisser Teil dieser Schwankungen kann laut Bifie mit unterschiedlichen Bedingungen – also dem Hintergrund der Schüler – erklärt werden. Auch, wenn man die Bedingungen berücksichtigt, machen manche Schulen mehr, manche weniger aus sich: Die Unterschiede betragen dann bis zu 70 Punkte. Veröffentlicht werden diese Ergebnisse nicht: Sie gehen nur an die Schulaufsicht und die Schulen. Die Schüler und Lehrer erhalten ihre (Klassen-)Ergebnisse.

9 Die Bildungsministerin startet ein Spezialprogramm für Schulen.

Ministerin Hammerschmid startet jetzt ein Spezialprogramm für jene Schulen, die besonders schlecht abgeschnitten haben. Sie sollen von der Schulaufsicht und von Experten über mehrere Jahre unterstützt werden. Sie erwartet sich viel von Methodik und Didaktik. Es geht um Neuen Mittelschulen und Hauptschulen sowie Volksschulen mit besonders vielen Risikoschülern. Das soll aus dem bestehenden Budget gedeckt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2017)