Sudetendeutsche: „Der Tscheche hat alles beansprucht“

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Betroffene klagt an: Die EU verrate die Sudetendeutschen.

WIEN. „Die Glühwürmchen flogen, aber wir dachten, da kommt einer mit einer Zigarette und erwischt uns.“ Für Irmgard Felsinger, 76, ist die Erinnerung noch taufrisch. Die Nacht von Peter und Paul war es, am 29. Juni 1945, als die damals Zwölfjährige, ihre beiden kleineren Geschwister und ihre Mutter Theresia nach Österreich flüchteten. Sonst wären sie ins Land hinein verfrachtet worden, die Kinder in fremde Betreuung geraten. Jahrzehntelang hatte die Familie Seethaler in Proßmeritz in Südmähren gelebt. Mit einem Schlag war alles aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren zuerst die Russen da. „Dann ist der Tscheche gekommen und hat alles in Anspruch genommen.“

Die Eltern mussten ihre Fleischerei abgeben, die Kinder ihre Instrumente, erinnert sich Seethaler, verheiratete Felsinger. Hunderte Sudetendeutsche wurden enteignet und vertrieben. Vater Seethaler war in Wien als Koch stationiert gewesen und schlug sich nach Proßmeritz durch, als er von den Vorgängen zu Hause erfuhr. Er wollte sich im nahen Znaim amtlich bestätigen lassen, dass seine Familie flüchten und alles zurücklassen sollte. „Eine Illusion“, wie die Mutter warnte. Stattdessen wurde Vater Clemens, wie viele andere, monatelang in Znaim festgehalten. Seine Familie schaffte es über die Grenze, später bis Esslingen, 1949 waren alle wieder in Österreich vereint.

„Gerne wären wir zurückgegangen“, sagt Felsinger. Die Mutter habe bis zum Tod auf eine Rückkehr und Wiedergutmachung gehofft. Sie selbst habe wenig Hoffnung, wolle aber nicht aufgeben. Dass die tschechische Regierung an den „Bene?-Dekreten“ festhält, bereite ihr „Herzweh“. Diese regeln die Enteignung von Angehörigen der deutschen Minderheit und gehen von einer Kollektivschuld der Deutschen an NS-Verbrechen aus.

 

„Kniefall vor Klaus“

Unverständlich sei es nun, so Felsinger, dass die 26 anderen EU-Staaten nicht darauf beharrt haben, dass die Grundrechtscharta zum neuen EU-Vertrag auch in Tschechien gilt. Auch Österreich, wo noch tausende Betroffene leben, habe sich somit von den Sudetendeutschen und ihren Rechten abgewendet. „Man macht einen Kniefall vor Präsident Václav Klaus. Die EU lässt sich von dem Halunken erpressen“, klagt Felsinger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)


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