Ein Jahr nach seinem Wahlsieg hat die politische Realität in Washington den US-Präsidenten auf den Boden zurückgeholt. Die Bilanz fällt eher mager aus.
WASHINGTON. Fred Armisen, das Barack-Obama-Double der Satiresendung „Saturday Night Live“, saß an seinem Schreibtisch und machte nach neun Monaten Zwischenbilanz. Ratlos grinsend, aber schonungslos ehrlich führte er eine Stricherlliste seiner Erfolge und Misserfolge. „Schließung Guantánamos: Nein. Abzug aus dem Irak: Nein. Verbesserung der Lage in Afghanistan: Nein, sie hat sich sogar noch verschlechtert. Gesundheitsreform: Nein, verdammt nochmal.“
Vom Ende der Erderwärmung bis hin zur Öffnung der Armee für Homosexuelle – Armisen, alias Obama, gestand sein komplettes Versagen ein. Die Pointe saß, die Szene geriet zum Dauerbrenner in den Politshows. Die Fans des US-Präsidenten lächelten ironisch, seine Gegner brüllten vor Lachen – und als Obama kurz darauf als Draufgabe noch den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam, war ihm die Auszeichnung selbst schon ein wenig peinlich, sodass er seinen Superman-Status zurechtstutzte.
Die Bürde der Erwartungen
Ein Jahr nach dem grandiosen Triumph bei den Präsidentenwahlen und der gefühlsseligen Party im Grant Park in Chicago und überall im Lande ist Barack Obama in den Augen seiner Wähler und erst recht seiner Opponenten auf Normalmaß geschrumpft und zum Objekt der Satiriker und Witzemacher geworden. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Honeymoon vorüber und trotz allem Glamour der politische Alltag eingekehrt ist im Weißen Haus. „Er ist Präsident und nicht ein Actionheld Hollywoods“, notierte der Kolumnist Eugene Robinson in der „Washington Post“. Und nicht einmal Hollywood-Stars à la Ronald Reagan oder Arnold Schwarzenegger sind vor den Strickfallen des Polit-Betriebs gefeit.
Die großen Versprechen und die Erwartungen, die der Charismatiker und erste afroamerikanische Präsident heraufbeschworen hat, hallen nach und werden zunehmend zur Bürde. Nach den Höhenflügen zu Beginn seiner Amtszeit hat sich die Zustimmunsgrate bei 54Prozent eingependelt. Das war bei Bill Clinton und George W. Bush nicht anders, bei Obama ist die Fallhöhe aber ungleich größer.
Vergessen ist der Satz, den Obama in der Wahlnacht klugerweise hinzugefügt hat, um die Euphorie, die „Obamania“, zu dämpfen: „Der Wandel kommt nicht über Nacht und auch nicht nach einem Jahr, sondern womöglich erst nach vier Jahren.“ Und weitgehend vergessen ist auch das desaströse Erbe, das Obama angetreten hat: eine Inauguration inmitten von zwei Kriegen und den Turbulenzen der Wirtschaftskrise.
Vorgänger George W. Bush ist als Politrentner in seiner texanischen Heimat Dallas völlig von der Bildfläche verschwunden. Barack Obama stand von Anfang allein an vorderster Front, hin- und hergerissen zwischen dringend notwendigen innen- und wirtschaftspolitischen Sanierungsarbeiten und einer überfälligen außenpolitischen Kurskorrektur.
Im Alleingang hat er das Image der USA in der Welt wieder aufpoliert, in brillanten Ansprachen hat er überall zur internationalen Kooperation und zur Abrüstung aufgerufen und eine Aussöhnung mit der islamischen Welt eingeleitet – der Friedensnobelpreis ist letztlich die Anerkennung dafür. Um einen echten Wandel im Nahen Osten, im Iran oder in Afghanistan herbeizuführen, braucht es einen langen Atem, Härte und diplomatisches Geschick.
In Afghanistan steht Obama gerade vor der schwierigsten Entscheidung seiner Amtszeit. Eine Aufstockung der US-Truppen könnte Washington in ein Schlamassel à la Vietnam ziehen. Nach der Absage der Stichwahl in Kabul beschreiben US-Beobachter die politische Lage als aussichtslos.
Kampf um Gesundheitsreform
Mehr Glück ist dem Präsidenten in der Innenpolitik beschieden. Der erbitterte Kampf um die Gesundheitsreform ist noch nicht ausgestanden, doch im Kongress zeichnet sich ein Kompromiss ab. Die Blockadehaltung der Opposition und die politische Realität in Washington, die schnelle Reformen verhindert, forderten ihren Tribut.
Die wüsten Attacken der Republikaner haben Obama so zugesetzt, dass von Überparteilichkeit inzwischen keine Rede mehr ist. Die massive Nothilfe für die Wirtschaft beginnt allmählich Wirkung zu zeigen: Die Konjunktur ist angesprungen, die Arbeitslosigkeit indes längst nicht eingedämmt. Barack Obama hat die Probleme angepackt, rasch gehandelt, dabei jedoch an Glanz verloren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)