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„Es soll viel Feier- und Genusszeit geben“

Désirée Amschl-Strablegg und Gerold Muhri leiten das neue Hospiz für Obdachlose in Graz.
Désirée Amschl-Strablegg und Gerold Muhri leiten das neue Hospiz für Obdachlose in Graz.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Ein Hospiz für Obdachlose stellt die Betreuer vor andere Herausforderungen als ein reguläres Hospiz. Man brauche hier auch eine höhere Toleranzgrenze, sagen die Leiter Désirée Amschl-Strablegg und Gerold Muhri.

Wird der Arbeitsalltag im Vinzidorf-Hospiz anders sein als in anderen Hospizen?

Gerold Muhri: Ich glaube, es wird sich sehr von der Palliativstation unterscheiden, die wir sonst betreuen. Es sind hier völlig andere Menschen zu betreuen, denen wir uns als Profis anders nähern müssen.

Aus medizinischer Sicht oder aus pflegerischer?

Muhri: Aus medizinischer Sicht ist die Herausforderung sehr vergleichbar. Aber eine gute Ebene mit den Betreuten herzustellen wird die Herausforderung auch auf medizinisch-ärztlicher Ebene.

Haben Sie schon Erfahrungen mit Obdachlosen in einem Hospiz gemacht?

Désirée Amschl-Strablegg: Auf unserer Station gab es vor meiner Zeit schon Betreuung von Obdachlosen. Ich habe von einem Fall von jemandem gehört, der gern zum Sterben im Vinzidorf geblieben wäre. Das wäre jetzt gelöst.

Menschen im Vinzidorf haben einen anderen Tagesablauf und gewisse Eigenheiten. Wo liegen da die Herausforderungen?

Amschl-Strablegg: Im Krankenhaus ist man auch auf einer Palliativstation an den Krankenhausalltag gebunden. In Hospizen können wir noch mehr auf den Tagesrhythmus des Patienten eingehen. Spannend werden im Vinzidorf-Hospiz die anderen Schwerpunkte, weil die Bedürfnisse grundlegend anders sind.

Welche?

Amschl-Strablegg: Zum Beispiel, dass ausreichend Zigaretten da sind, dass Leute da sind, mit denen man sich gut unterhalten kann und dass man auch ein Bier trinken kann.

Es wird alles erlaubt sein?

Muhri: Es wird natürlich Hausregeln geben, aber es geht um das Wohl des Menschen.

Amschl-Strablegg: Es ist nicht so, dass es Alkoholverbot gibt oder ein Diabetiker nichts Süßes mehr essen darf. Da widersprechen wir nicht.

Muhri: Es ist uns eine Freude, wenn ein Mensch genießen kann.

Palliativstationen zeichnen sich auch dadurch aus, dass man ständig Besuch haben kann. Kann das halbe Vinzidorf nachts hier feiern?

Amschl-Strablegg: Das halbe Vinzidorf ist ein bisschen viel, und feiern ist auch übertrieben. Aber wir legen Wert auf Beisammensein in einer Atmosphäre, die einer Feier gleichkommt.

Muhri: Es soll viel Feier- und Genusszeiten geben. Aber zum Schutz der Bewohner wird es Ruhezeiten geben. Es gib in Maßen Alkohol. Wenn jemand gern raucht, finden wir Wege, dass er das tun kann.

Welche Erfahrungen müssen Mitarbeiter mitbringen?

Amschl-Strablegg: Wer Erfahrungen mit Menschen aus dem Vinzidorf hat, hat bereits die richtige Haltung, um auf jeder Palliativstation bestehen zu können. Das pflegerische Fachwissen dazu ist leicht zu erlernen.

Muhri: Freude an der Berührung mit dem Menschen. Ohne Urteil und ohne Angst. Das Offen-zugehen-Können auf den Menschen, seine Würde sehen.

Welche Ausbildung braucht man dafür?

Amschl-Strablegg: Entweder Arzt oder diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson. Die Zusatzausbildung Palliative Care ist nicht von Anfang an erforderlich. Ich schaue auf jeden Fall auf die Haltung. Pflegerisch kommen die Mitarbeiter aus meinem Team, da haben sich zwei, drei besonders interessiert.

Muhri: Ärztlich gibt es einige, die mitarbeiten werden, aber die Liste ist noch nicht voll. Für die notwendigen ehrenamtlichen Rufbereitschaften ist es schwierig, menschlich und fachlich kompetente Ärzte zu finden.

Was waren Ihre Gedanken, als Sie von dem Projekt erfahren haben?

Amschl-Strablegg: Mich hat es gefreut, weil es die beiden Disziplinen kombiniert, dich ich gelernt habe. Ich habe lang mit chronisch Alkoholkranken gearbeitet und bin jetzt auf einer Palliativstation.

Muhri: Meine Geschichte geht von der Ordensleitung aus. Wo sind Menschen, die allein sind? Die keine Möglichkeit haben, sich professionelle Hilfe zu kaufen, die am Ende ihres Lebens mit der Rettung in irgendeine Ambulanz gekarrt werden und dort beim Suchen nach einem Bett am Gang allein sterben müssen? Zu ermöglichen, dass sie in Würde in ihrer Umgebung professionell begleitet gehen können, finde ich eine sensationelle Idee.

Menschen, die im Palliativbereich arbeiten, wirken oft sehr ausgeglichen und zufrieden. Was steckt da dahinter?

Amschl-Strablegg: Nicht jeder ist mutig genug, sich dem Thema zu stellen, weil man zwangsläufig mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert wird. Aber die Arbeit ist extrem bereichernd, weil so viel Ehrlichkeit da ist im Umgang miteinander. Man ist nicht mehr an der Oberfläche. Es wird einem oft gezeigt, worum es im Leben eigentlich geht.

Muhri: Das ist eher eine Gefühlsantwort – die Arbeit auf der Palliativstation bezeichne ich gern als Luxus. Für alle betreuten Menschen, aber auch für alle, die auf einer solchen Station arbeiten dürfen. Weil wir fernab von Krankenhaushektik die Möglichkeit haben, uns mit unserer Professionalität und Menschlichkeit dem Menschen mit all seinen Problemen zuzuwenden.

Wird das hier dann noch intensiver?

Muhri: Ich glaube, dass es noch intensiver werden kann, weil neue, eigene Ängste da sind. Ich erinnere mich an einen Patienten in der Ambulanz, der nicht sehr gepflegt ausgeschaut und gerochen hat. Da war der erste Gedanke, schnell behandeln und ab die Post. Und doch setzt man sich dann ganz bewusst trotz des bisschen Ekelgefühls hin, nimmt seine Hand und redet. Das hat mich Überwindung gekostet – aber es war dann für beide Seiten gut.

Amschl-Strablegg: Man braucht am Anfang wohl eine höhere Toleranzgrenze. Aber ich freue mich darauf. Jetzt ist das Hospiz noch eine leere Hülle – es wird belebt durch die ersten Bewohner.

Steckbrief

Désirée Amschl-Strablegg ist diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester – sie übernimmt die pflegerische Leitung des Hospiz im Vinzidorf gemeinsam mit Gerold Muhri, der für die ärztliche Leitung zuständig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2017)