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Die Erfolgsgeschichte stockt

(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

In Kroatien lief lange alles gut – nun kämpft das Land mit ineffizienten Staatsbetrieben und Korruption.

Mit der kroatischen Wirtschaft hatte ein großer Teil der Österreicher schon unmittelbar zu tun – der Nachfolgestaat Jugoslawiens gehört hierzulande zu den beliebtesten Urlaubszielen. Kroatien lockt mit seiner rund 1800 Kilometer langen Küste und unzähligen Inseln, im Sommer scheint die Sonne auf das türkisfarbene Meer. Auch die Volkswirtschaft hat sich nach den militärischen Konflikten der Neunzigerjahre immer weiter verbessert.

Wie auch beim einstigen Bruderstaat Slowenien war der Transformationsprozess Kroatiens vom Sozialismus zur Marktwirtschaft lange eine Erfolgsgeschichte. Doch seit Ende 2008 hat hier die globale Wirtschaftskrise deutlich härter zugeschlagen als anderswo – und mit einem massiven Einbruch des Wachstums treten die ökonomischen Mängel und die Versäumnisse der Wirtschaftspolitik in ein grelles Licht.

 

Heikle ökonomische Gegenwart

Zwar hat sich der Rückgang des BIPs zuletzt etwas eingebremst: Ging das kroatische Wirtschaftsministerium noch im Sommer für das Gesamtjahr von einem Minus von mehr als sechs Prozent aus, prognostiziert die Bank Austria für 2009 einen Rückgang von 4,9 Prozent. 2010 soll dann ein leichtes Wachstum um die 0,5 Prozent folgen. Die Auslandsinvestitionen seien heuer bisher um ein Drittel eingebrochen, sagt Roman Rauch, Handelsdelegierter in Zagreb. Auch Investitionen im überdurchschnittlich großen Staatssektor seien 2009 so gering, dass sie de facto keine Gegenakzente zur Krise setzen könnten.

Einen Grund dafür sieht Rauch im Einbruch des privaten Konsums. Kroatische Haushalte verfügen über rund 40 bis 50 Prozent des österreichischen Haushaltseinkommens. Wegen der traditionell sehr hohen Konsumneigung sind die Verbraucher ein wichtiger Faktor der Volkswirtschaft. Rauch zufolge sind die oft kreditfinanzierten Ausgaben heuer um 9,5 bis zehn Prozent eingebrochen. Der Autoabsatz hat sich de facto halbiert. Die Mehrwertsteuer ging im ersten Halbjahr um 15Prozent zurück und hinterließ ein entsprechendes Riesenloch im Budget.

Bis zum Rücktritt des Ministerpräsidenten Ivo Sanader Anfang Juli waren die Antikrisenmaßnahmen äußerst bescheiden. Während andere Staaten kreditfinanzierte Konjunkturpakete schnüren, sind Kroatien aufgrund seiner Schulden die Hände gebunden. Ende 2008 betrug die Auslandsverschuldung 39,1 Mrd. Euro, das entspricht 82,6 Prozent des BIPs. Die kroatische Notenbank rechnet für heuer mit einem Anstieg auf bis zu 100 Prozent.

 

Sparkurs bei Beamten

Mehrmals wurden Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Staates laut. Zweimal holte Kroatien heuer Geld: eine eigene Staatsanleihe von 750 Mio. Euro im Mai. Ende Oktober lieh es sich von den USA knapp eine Mrd. Euro. Der Zinssatz ist mit 6,75 Prozent hoch – und zeugt davon, dass der Staat derzeit wenig Alternativen hat. 2010 wird nicht besser, weil dann alte Schulden in Höhe von zehn Mrd. Euro fällig werden.

Dies ist nur eine von vielen Schwierigkeiten, die auf die Regierungschefin Jadranka Kosor warten. Seit ihrem Amtsantritt weht ein anderer Wind. Zwar sind ihre Schritte gegen die Wirtschaftsmisere umstritten: Das Einkommen der Staatsbediensteten wurde heuer zweimal um jeweils sechs Prozent gesenkt. Eine Krisensteuer zieht gestaffelt zwei bzw. vier Prozent vom Nettoeinkommen ab und lähmt den Konsum zusätzlich, lässt jedoch den hohen Anteil der Schattenwirtschaft unbehelligt.

Doch bei der Bekämpfung der grassierenden Korruption unterscheidet sich Kosor stark von ihrem Vorgänger Sanader. Derzeit erschüttert eine Reihe von Skandalen um große staatsnahe Betriebe das Land: bei dem Nahrungsmittelhersteller Podravka, der Autobahngesellschaft HAC, der Eisenbahn HZ oder dem Stromversorger HEP. „Doch anders als Sanader fördert Kosor die Ermittlungen“, kommentiert Rauch. Auch hohe Funktionäre der Regierungspartei Kroatische Demokratische Union (HDZ) werden für Machenschaften belangt.

 

Riesiger Staatssektor

Den riesigen Staatssektor – ein Erbe des Sozialismus – zu privatisieren, bleibt eine weitere Mammutaufgabe für Kosor, wie das Beispiel des gescheiterten Verkaufs der Schiffswerften zeigt. Damit werden in ineffizienten Betrieben notgedrungen tausende Jobs verloren gehen. Derzeit ist die Arbeitslosigkeit auf 14,8 Prozent gestiegen – allerdings allein im Privatsektor, weil sich der staatliche bisher mit Kündigungen zurückgehalten hat.

Trotzdem sind die Aussichten in dem sonnenverwöhnten Land nicht überall so düster. Der Tourismus, mit 20 Prozent BIP-Anteil der wichtigste Sektor, verzeichnete 2008 mit 11,26Mio. Besuchern einen historischen Rekord. Auch wenn 2009 keine Steigerungen zu erwarten sind: Langsam spricht sich auch in Stuttgart oder Amsterdam herum, dass der Krieg in Kroatien vorbei ist – und das Meer nach wie vor türkisfarben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2009)

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