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Tschechien: Es müssen nicht immer Knedlíky sein

Zu Tisch mit Borgia, unterwegs bei Foodfestivals, Abstieg in den Untergrund: Die appetitlichsten Seiten der goldenen Stadt Prag summieren sich zu einem Genussmarathon.

Nahezu 100 Jahre ist es her, seit Franz Kafka den „Hungerkünstler“ schrieb. Dieser Kostverächter musste sich hilflos zu Tode hungern, weil keine einzige Speise Gnade vor seinem anspruchsvollen Gaumen fand. Undenkbar. Zumindest in Prag, wo die kulinarischen Termine mittlerweile dichter gedrängt sind als die Touristen auf der Karlsbrücke. Doch beruhigenderweise verlaufen die besten gastronomischen Pfade längst abseits von Schweinsbraten, Entenkeule und Knedlíky. Was nicht zuletzt an Pavel Maurer liegt, dem umtriebigen Gründer der Prager Gourmet-Festivals. Neben dem winterlichen Grand Restaurant Festival hat der renommierte Restaurantkritiker auch das sommerliche Prager Food Festival aus der Pfanne gehoben. Mit etwa 20.000 Gästen pro Jahr gilt die Veranstaltung unter freiem Himmel (heuer auf dem Gelände des frühmittelalterlichen Vyšehrad), als Mekka für Foodies. Das verspricht architektonische Ausblicke auf St. Martins Rotunde, Burggrabenhaus und St. Laurentius Basilika bei kulinarischen Einblicken bei Michelin Stern-Köchen wie Moreno Cedroni oder Roman Paulus. „Und das zu bodenständigen Preisen“ verspricht Maurer. Unter dem Motto „Barock auf dem Teller“ wird an 40 Ständen gekocht, es gibt Workshops und man kann sich an sportlichen Signature Dishes versuchen. Maurer liegt die Haute Cuisine ebenso am Herzen respektive Gaumen wie Großmutters traditionelle Gerichte. Immerhin zählt smažený sýr, das böhmische Käseschnitzel mit Pommes und Sauce Tartar, zu seinen Lieblingsspeisen. Und auf die Frage nach Geheimtipps weist Maurer nicht nur auf das elitäre V Zátiši hin, das seit über zehn Jahren zu den besten Restaurants der Stadt zählt, sondern auch auf das U Betlemské kaple, wo man für 100 CZK (3,9 Euro) gute Küche, große Portionen und tolle Atmosphäre genießt.

Auf einmal wirkt die deftige Knoblauchsuppe fast bedrohlich. Was aber nicht am intensiven Duft liegt, sondern an der Redseligkeit der Bedienung. Dank ihr wissen wir nun, an exakt jenem Tisch zu sitzen, an dem Lucrezia Borgia ihr Unwesen trieb. Zumindest in der „Borgia“-Verfilmung, die in den Barrandov Studios gedreht wurde. Mit vor Ort detailgetreu nachgebauten vatikanischen Gemächern, Petersplatz, sixtinischer Kapelle. Und kunstvollen Requisiten, von denen 260.000 im Barrandov Studio lagern und besichtigt werden können. Besonders schöne wie der Tisch der Borgia oder die Stellagen von Kaiserin Sisi, dienen hingegen als begeh- oder besitzbarer Blickfang im Film Café. Casino Royal, Mission Impossible, Les Misérables, die Chroniken von Narnia, Amadeus: Produktionen von Barrandov bringen es zu Weltruhm. Und wäre der frische Apfelstrudel im Café ein Film, würde selbst er einen Oscar verdienen.

Film und Food

Cinematographische Tafelfreuden bietet auch das „Culinary Cinema“, das im Rahmen des Prager Film Festivals-Febiofest jährlich zu Tisch bittet. Diesmal bestimmten Frank & Lola, Noma und Perfect Strangers die Menüfolge. Abgestimmt auf die Filme brachten die mehrfach ausgezeichneten Küchenchefs Ondřej Koráb und Matteo De Carli im Delight Restaurant des andel's by Vienne House eine Nachschau auf die Teller. Schräg gegenüber vom Pulverturm und nahe dem Rathaus liegt das Grand Hotel Bohemia. 1927 eröffnet, birgt es in seinen Tiefen ein Juwel, den Boccaccio Ballroom. Einst verborgener Treffpunkt heiratswilliger höherer Töchter, und, zu späterer Stunde, exklusiver Nachtclub, stand das güldene Etablissement lange im Ruf, nur „the sinful people of Prague“ willkommen zu heißen.

Selbst zu kommunistischen Zeiten liefen in diesem denkmalgeschützten Raum wildeste Partys und hinterließen nebst Schrammen auf dem Parkett auch Einschusslöcher in der Decke. Erst 1993 endete die dekadente Periode mit zerbrochenen Spiegeln und gefallenen Cupidos. Danach wurde der Boccaccio Ballroom restauriert, auf Hochglanz poliert und mit einer moralisch weißen Weste versehen. Wer heute in die Unterwelt des Bohemia absteigt, hat keine Hintergedanken. Was in der einzigen privaten Oper von Prag wenig verwundert: Während der Mozart-Dinner etwa geben Sangeskünstler Kostproben aus berühmten Opern zum Besten. Für die Musik sorgt das Amadeus Prague Ensemble, für das Mahl werden Speisen barocker Rezeptur aufgetragen. Und wenn da noch etwas sündig ist, sind das allein die Leberwerte, sollte man „Fin ch'han dal vino“ (Don Giovanni) zu wörtlich genommen haben.

PRAG KULINARISCH

Prag Food Festival: vom 26. bis 28. Mai, www.praguefoodfestival.cz

Febiofest Culinary Cinema, jährlich im März, www.febiofest.cz

Mozart Dinner, Grand Hotel Bohemia, www.grandhotelbohemia.cz

Essen: Restaurace U Betlémské kaple Betlémské nám. 251/2, 110 00 Praha-Staré Město, www.ubetlemskekaple.cz

V Zátiší Restaurant, Liliová 216/1, 110 00 Praha 1-Staré Město, www.vzatisi.cz

Film Café Barrandov Studio, Krizhe- neckeho namesti 322/5, 152 00 Praha, T +420 731 518 880

Schlafen: andel's by Vienna House Prague, Stroupežnického 21, 150 00 Praha 5-Anděl, http://andelsbyvienna-houseprague.h-rez.com

Infos: Tschechische Zentrale für Touris- mus, T 01/89 202 99, wien@czech- tourism.com, www.czechtourism.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2017)