Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Afghanistan: „Das ist Krieg, Mann gegen Mann“

(c) AP (Peter Byrne)
  • Drucken

Bei einer Expertentagung in Bayern wird Klartext geredet über die prekäre Lage am Hindukusch. Das Taliban-Problem mit Luftangriffen zu lösen, sei „hirnverbrannt".

WILDBAD KREUTH. „In Teilen Afghanistans gibt es fraglos kriegsähnliche Zustände.“ Was jeder politisch interessierte Zeitungsleser oder TV-Nachrichtenkonsument längst weiß, hat diese Woche auch der neue deutsche Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg, in einem Interview offen ausgesprochen. Und damit, wie manche deutsche Blätter urteilten, einen Tabubruch begangen.

Denn zu Guttenbergs Vorgänger, Franz-Josef Jung, hat sich vier Jahre lang verrenkt, verkrampft und gewunden, um im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nur ja nicht das Wort Krieg in den Mund nehmen zu müssen.

 

„Hirnverbrannte Strategie“

Auch zu Guttenbergs CSU-Parteikollege, der Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl, hält die Zeit für gekommen, Klartext zu reden: „Unsere Soldaten sitzen in Kundus wie in einer Festung. Wenn sie hinausfahren, ist ihr Leben bedroht. Das ist ein richtiger Krieg, Mann gegen Mann.“ Bei einer Expertentagung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns Seidel Stiftung in Wildbad Kreuth zum Problemverbund Afghanistan-Pakistan wurde von den deutschen Referenten nichts mehr beschönigt, die Dinge geradezu brutal beim Namen genannt.

„Tatsache ist, dass in Afghanistan eine unglaubliche Korruption herrscht, dass es der größte Drogenanbaustaat der Welt ist und man dort nicht zur Kenntnis nehmen will, wie man das Wort Demokratie schreibt. Und für ein solches Land sollen deutsche Soldaten ihr Leben riskieren?“, sagte der Bundestagsabgeordnete Uhl. Zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, der sich mit massiven Wahlmanipulationen diese Woche gerade eine weitere Amtszeit gesichert hat, fiel ihm ein: „Der soll nur weiter Wahlen fälschen, aber unserer Verbündeter kann der nicht mehr sein.“

Auch General Klaus Reinhardt, der einst als Befehlshaber der Nato-Schutztruppe im Kosovo 50.000 Mann befehligt hat, sieht „eine massive Verschlechterung der Gesamtlage in Afghanistan“. Dass noch in der Bush-Ära versucht worden sei, das Taliban-Problem mit Luftangriffen zu lösen, nennt Reinhardt eine „hirnverbrannte Strategie“. Da sei „aus der Luft zerstört worden, was man am Boden hätte aufbauen sollen“.

Mit solchen Aktionen habe man die afghanische Bevölkerung, die ab Herbst 2001 die ausländischen Soldaten noch begeistert begrüßt hat, schrittweise von der Nato-Schutztruppe entfremdet. Nur, erklärt der General: „Wenn man die Bevölkerung nicht hinter sich hat, kann Aufstandsbekämpfung nicht funktionieren.“ Reinhardt meint auch: „Zu glauben, dass man die Taliban militärisch vernichten könne, ist eine absolute Illusion.“

Der indische Militäranalytiker Brigadier Vinond Anand brachte das Afghanistan-Dilemma auf die Formel: „Die Taliban können gewinnen, wenn sie nicht verlieren. Die Nato aber verliert, wenn sie nicht gewinnt.“ Und der Südasienkenner und langjährige Auslandschef des „Spiegels“, Olaf Ihlau, glaubt: „Der Westen wird in Afghanistan bestimmt verlieren, wenn er weiter eine militärische Lösung für möglich hält.“ Aber was tun? Mehrere Vortragende halten Verhandlungen mit den Taliban für „unumgänglich“. Thomas Ruttig, Ko-Direktor der viel gelobten Denkfabrik „Afghanistan Analysis Network“ und einer der intimsten deutschen Kenner des Landes, argumentiert: „Wenn es keine militärische Lösung des Problems gibt, muss man eine politische suchen. Dann muss man mit den gemäßigteren Taliban in Verhandlungen treten.“

 

Keine Alternative zu Karzai?

Aber gibt es die überhaupt? „Es gibt pragmatische, politisch denkende Taliban. Es gibt unter den Taliban Falken und Tauben.“ Ruttig plädiert für eine Gesamtstrategie, in der der Dialog mit den Taliban nur ein Element ist. Es gebe eine Tradition des Kampfes für demokratische Werte in Afghanistan, diese „Gegenkräfte“ gelte es zu fördern und zu stärken. Außerdem müsse auf gute Regierungsführung in Kabul geachtet werden.

Gute Regierungsführung mit einem vor aller Welt bloßgestellten Wahlfälscher Karzai? Ruttig kritisiert den Westen scharf, der der unverschämten Manipulation des Wahlprozesses durch Karzai ungerührt zugeschaut habe. „Jetzt wird Karzai wieder von uns legitimiert, und wir machen die ganze Sache nur noch schlimmer.“ Nur, sagt Olaf Ihlau: „Der Westen hat derzeit keinen anderen als Karzai. Wer soll ihn ersetzen?“

Auch Ihlau ist überzeugt: Ein Sofortabzug, wie ihn etwa die deutsche Linke fordert, führt mit großer Wahrscheinlichkeit schnurstracks in die Katastrophe. Er hält die Bildung einer gesamtafghanischen Regierung der nationalen Einheit für nötig. An einer solchen Regierung liege es dann, zu entscheiden, „wer im Land bleiben darf und wer raus muss“.

 

Abzug mit erhobenem Kopf

Für Abgeordneten Uhl ist klar: Die neue Afghanistan-Strategie von US-Präsident Barack Obama „ist zu dünn, eine Bundestagsmehrheit für zusätzliche Bundeswehrsoldaten wird es nicht geben“. Und: „Auf mehr Demokratie und weniger Korruption in Afghanistan zu hoffen, nützt nichts. Wir sollten uns auf die Terrorbekämpfung beschränken. Es sind die Terrorcamps im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, von denen die Bedrohung für uns ausgeht.“

Wie US-Vizepräsident Joe Biden glaubt Uhl, dass für die Terroristenbekämpfung Spezialeinheiten und verstärkte geheimdienstliche Operationen ausreichen und man nicht mehr „in ganz Afghanistan Nato-Truppen stationieren muss“. General Reinhardt wiederum hofft, dass man „einen Weg findet, um von dort mit erhobenem Kopf herauszukommen, ohne dass alles zusammenbricht, wenn man einmal weg ist“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)

Mehr erfahren