Verschränkte Arme, skeptische Blicke – ein Papierknäuel prallt am Kopf des Rektors ab. Stephan Schmidt-Wulffen ignoriert die Attacke auf seine Würde. Viel mehr hat er auch nicht mehr zu verlieren. Am Donnerstag erklärte er Journalisten im Atelierhaus der Kunstakademie, er „folge dem Protest“ und verhandle mit dem Ministerium gerade darüber, den strittigen Passus „völlig zu streichen“. Die Einführung des Bachelor/Master-Systems bei den Kunstpädagogen scheint abgewehrt, der Rest der einstigen Bologna-Visionen des Rektors ist wohl bald auch nicht mehr – als ein Papierknäuel.
Doch selbst dieser Sieg kann die Mienen der Studierenden nicht aufhellen, auch die drei Mio. Euro mehr pro Jahr nicht, die der ungeliebte Chef dem Ministerium herausgerissen hat – eine dem Vernehmen nach prozentuell doppelt so hohe Budgeterhöhung, wie sie sein Kollege von der Angewandten erreicht haben soll. Doch Künstlern ging es ja noch nie ums Geld! Auch der Ruhm scheint nicht mehr reizvoll, mal was Neues – Namensschilder suchte man beim ersten Rundgang durch die gestern eröffnete „kuratierte Jahresausstellung“ vergeblich. Dafür fand man Gewissensbisse teilnehmender Protestierender – „Ich fühle mich total schizophren, dass ich hier mitmache.“ Verständlich!
Werden in vielen Werken die Hierarchien der Kunstwelt und der Kapitalismus angeprangert, und wurde doch partout eine respektable Person wie Sabine Breitwieser als Kuratorin engagiert, die für die Generali Versicherung eine tolle Sammlung aufgebaut hat und sich für die Hierarchiespitze des Mumok bewerben will. Das muss ja verstören! Dementsprechend vage holte sich Breitwieser beim Rundgang nur ein kritisches Flugblatt und ein gemurmeltes „Scheiße“ ab, keine Flugkörper. Konsequenzen? Mon dieu! Künstlerische Freiheit, daran sollte man sich in dem manchmal wahrlich schizophrenen Furor auch einmal erinnern, ist eine Konsequenz des westlichen Kapitalismus. Sonst würde hier an der Akademie heute nämlich nicht der Hamburger Ex-Hausbesetzer Daniel Richter unterrichten. Sondern Neo Rauch, Malermeister aus der DDR.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)