Deutsche Babys schreien anders als französische

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Das Schreien von Neugeborenen weist bereits die typische Melodik ihrer Muttersprache auf. Es zeigt sich, dass der Sprachlernprozess schon im Mutterleib beginnt.

Sprachen unterscheiden sich auch durch ihre typische Melodik voneinander. So fällt im Deutschen die Tonhöhe sowohl innerhalb eines Wortes als auch innerhalb eines Satzes ab, im Französischen ist es umgekehrt, die Tonhöhe steigt an: Das bewirkt, dass französische Sätze in deutschen (oder österreichischen) Ohren oft fragend klingen, auch wenn sie gar nicht so gemeint sind. Und jeder hört den Unterschied zwischen den französischen Papás und Mamáns und den deutschen Pápas und Mámas.

Dieser Unterschied ist gewiss nicht angeboren, sondern erlernt – in einem Lernprozess, der schon sehr früh beginnt. Sogar schon vor der Geburt, im Mutterleib: Das beschreibt ein deutsch-französisches Team in Current Biology (19,S.1). Per Mikrofon aufgenommen und per Computer analysiert wurde das Schreien von 60gesunden Neugeborenen (bis zu fünf Tage alt), zur Hälfte aus Deutsch, zur Hälfte aus Französisch sprechenden Familien. Das Ergebnis ist signifikant: Die französischen Babys schreien eher in ansteigender Melodik, die deutschen in fallender. Offenbar reproduzieren sie „die Melodiemuster, die sie in ihrem fötalen Leben, im letzten Drittel ihrer Zeit im Mutterleib gelernt haben“, sagt eine beteiligte Forscherin, Kathleen Wermke, Leiterin des Zentrums für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Universität Würzburg: „Entgegen orthodoxen Interpretationen sprechen diese Daten für die Wichtigkeit des Schreiens von Kindern für die Sprachentwicklung.“ Es sei keine schlicht reflexartige, monotone Lautäußerung: Babys variieren sowohl Rhythmus als auch Melodie ihres Schreiens; hier beginnt schon der Spracherwerb.

So zeigt diese Arbeit auch, dass man mit Recht von der „Muttersprache“ (respektive von der „langue maternelle“) spricht. Neugeborene ziehen die Stimme ihrer Mutter anderen Stimmen vor. Und sie sind „wohl hoch motiviert, das Verhalten ihrer Mutter nachzuahmen, um ihr zu gefallen und damit die Bindung zu verstärken“, schreiben die Forscher. Vom Sprechen der Mutter könnten sie eben zunächst nur die Melodieführung imitieren – und diese schon lernen, wenn sie sie noch von innen hören.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)