Kürzlich ist wieder ein Schauspieler gestorben, mit dem ich quasi aufgewachsen bin.
Er hat in einer türkischen Filmserie mitgespielt, die in 1970ern und 80ern gedreht worden ist, und dessen Titel sich ungefähr mit „Die Chaotenklasse“ übersetzten lässt. Da geht es darum, dass die Schüler eines Internats ziemlich viel Unsinn im Kopf haben und lieber Streiche spielen, als zu lernen, was immer in einem Tohuwabohu gipfelt, bevor man die Sache schließlich aus der Welt räumen kann und der eigentlich gutmütige Schuldirektor nicht mehr arg sauer ist. Es ist diese Art von Filmen, die es nicht mehr gibt, weil sie simpler waren, ehrlicher und irgendwie menschlicher als das, was einem heute vorgespielt wird. Die Chaotentruppe war deswegen genial, weil die Szenerie wirklich jedem bekannt vorkommen musste. Die Klasse hatte einen Hübschen (genannt „Bräutigam“), einen eher Meschuggenen, einen Kindischen, einen Träumer, den kleinen, aber vifen Necmi und den Faulen, von dem ich jetzt gar nicht weiß, wie ich seinen Spitznamen übersetzen soll: Domdom Ali.
Dann gab noch den völlig durchgeknallten Sportlehrer, den inquisitorischen Schulrat und die Köchin, die alle Schüler wie ihre eigenen Kinder liebte. Wir sind ja in Prä-Netflix-Zeiten aufgewachsen, da hat man sich nicht schnell die nächste Folge reinziehen können, stattdessen hat man sich auf VHS-Kassetten denselben Film immer und immer wieder angeschaut oder eben handverlesene Szenen wiederholt, wie etwa die Sportstunde im Garten, als der Lehrer seinen Chaosschülern Kung-Fu beibringen will, es aber absolut nicht beherrscht und dann auch noch ständig Fung-Ku sagt. Kompliziert war der Humor jedenfalls nicht. Wir mochten die Chaosklasse aber auch wegen des Stils: Man trug Schlaghosen, bunte Hemden, lange Haare. Die Mama hat immer gesagt: „Ja, schau, so bin ich früher auch herumgelaufen.“ Tatsächlich gibt es Bilder, die sie mit schwindelerregend hohen Plateauschuhen zeigen. „Wie konntest du damit gehen?“, habe ich sie gefragt. „Die waren nicht fürs Gehen“, hat sie abgewinkt, „die haben wir nur im Fotostudio angezogen.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2017)