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Peter Matić: „Also mich macht der Glaube glücklich“

Schauspieler Peter Matic über seinen Beruf und seinen Begriff von Glaube und Religion.
Schauspieler Peter Matic über seinen Beruf und seinen Begriff von Glaube und Religion.(c) Ernst Kainerstorfer / picturedesk.com (Ernst Kainerstorfer)
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Schauspieler Peter Matić ist dankbar für seine religiöse Erziehung und die Bibel, sein „Buch der Bücher“. Er gab dem Journalisten Johannes Kaup Antworten auf die Frage „Was glauben Sie?“. Wir bringen Auszüge aus drei Gesprächen, die kürzlich in Buchform erschienen sind.

Peter Matić, Ihre Familiengeschichte reicht weit in die österreichisch-ungarische Monarchie zurück. Sie stammen aus einer Offiziersfamilie. Der Urgroßvater, der wie Sie Peter Matić hieß, war Oberst der k. u. k Armee. Ihr Großvater war dann Feldmarschall-Leutnant und Ihr Vater Oberst, der in drei unterschiedlichen Regimen gedient hat: unter den Habsburgern, im österreichischen Bundesheer und am Ende in der deutschen Wehrmacht, wo er in der Kavallerie tätig war. Wie hat Sie denn dieses Erbe in Ihrer eigenen Persönlichkeit geprägt?

Ich hoffe und glaube eigentlich auch, dass ich eine ganze Menge von guten Eigenschaften geerbt oder bei meinem Vater beobachtet habe.

 

Was war das zum Beispiel?

Zum Beispiel Disziplin, gute Manieren und nicht zuletzt die Religiosität. Mein Vater und meine Mutter waren sehr gläubige Menschen. Ich bin ganz in diesem Bewusstsein aufgewachsen, es war für uns selbstverständlich, am Sonntag in die Kirche zu gehen und dann später die Sakramente zu empfangen. Ich bin sehr dankbar dafür, und ich weiß gar nicht, wenn ich in anderen Umständen aufgewachsen wäre, ob ich so ohne Weiteres und ohne Suchen zum Glauben gekommen wäre.

Ihr Vater war zwar Wehrmachtsoberst, aber trotzdem ein Gegner der Hitler'schen Politik. Wie haben Ihr Vater, Ihre Mutter, Ihre Schwester und Sie damals diese Spannung erlebt und überlebt?

Ich muss sagen, dass meine Schwester und ich bzw. auch unsere Mutter während des Kriegs unseren Vater wenig gesehen haben, weil er an Orten stationiert war, wo wir nicht mehr hingekommen sind. Dadurch haben wir von Vaters Seite nie irgendwelche Kommentare zum Regime gehört. Sehr wohl von unserer Mutter, die auch immer Fremdsender gehört hat, die damals als Feindsender bezeichnet wurden. Ich kann mich sehr gut erinnern: Die BBC hat nach Deutschland gesendet, und da sage ich immer, das war mein erster Beethoven, weil „Tamm, Tamm, Tamm, Tamm“ war das Zeichen der BBC. Mein Vater war, wie sehr viele Offiziere, absoluter Antinazi – und es ist ja auch aus Offizierskreisen damals zu diesem gescheiterten Attentat gekommen.

Hat Ihr Vater da sympathisiert?

Ich habe nie konkret danach gefragt, aber ich hatte den Eindruck, dass er entschieden auf der Seite der Attentäter gewesen ist. Wobei ich bezweifle, dass mein Vater da konkret an eine Tötung des Diktators gedacht hat – weil das eigentlich seiner Natur widersprochen hat.

Sie sind, was die familiäre Offizierslinie betrifft, gehörig aus der Reihe getanzt. Sie wurden Schauspieler und haben mit Ikonen der Theater- und Filmwelt zusammengearbeitet. Welche Persönlichkeit hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Für meine Person war der wichtigste Regisseur Hans Hollmann. Der hat mich zu vielen Dingen gebracht, auf die ich nicht so ohne Weiteres gekommen wäre.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in der Behandlung von Texten von Peter Handke: Er hat damals im Theater in der Josefstadt, was sehr untypisch für das Haus war, durchgesetzt, dass wir die „Publikumsbeschimpfung“ gespielt haben. Und das war gegen die Direktion gar nicht so leicht durchzusetzen! Aber es war Gott sei Dank ein großer Erfolg. Die Leute waren begeistert und haben sich gern beschimpfen lassen in der Art, wie wir es gemacht haben. Dann ist damals das Stück „Kaspar“ von Peter Handke herausgekommen. Da haben Hollmann und ich uns sehr bemüht, Direktor Stoß einzureden, dass wir das auch noch machen. Ich habe den Kaspar gespielt, und es war eine ganz wichtige Station für mich auf dem Weg nach oben, wie man so schön sagt.

Seit dem Film „Gandhi“ sind Sie die deutsche Synchronstimme für den britischen Charakterdarsteller Ben Kingsley. Mich interessiert nicht Kingsley selbst, sondern Gandhi, den er verkörpert hat und dem Sie Ihre Stimme geliehen haben. Bereits im Jahr 1925 benannte Mahatma Gandhi die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft: Politik ohne Prinzipien, Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit und Religion ohne Opfer. Man müsste diese Begriffe natürlich im Einzelnen erklären, speziell letzteren, das Opfer ist in Zeiten von islamistischen Selbstmordanschlägen missverständlich. Aber dennoch: Was von dem, was Gandhi damals formulierte, zählt für Sie zu den vordringlichsten Problemen unserer Zeit?

Ich würde es zusammenfassen unter Menschlichkeit. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass man zu seinen Lebzeiten – ich habe das ja durchaus noch erlebt – gehört hat: Jetzt ist er wieder für seine Ideen in Hungerstreik getreten. Da war er eine absolute Ikone für uns, die wir erst nach dem Krieg so richtig mitbekommen haben. Was besonders heute ein gefährliches Thema ist: Die Religiosität im fundamentalistischen Sinn kann sehr großen Schaden anrichten. Das müssen wir auch in der überspitzten Form dieses Islamismus, der uns täglich bedroht, ganz eindeutig erkennen. Aber ich will das gar nicht auf den Islam beschränken, in jeder Religion gibt es das. In unserer katholischen Konfession findet das auch statt – hat vor allem stattgefunden – und ich bin ziemlich erschüttert darüber, dass jetzt in unserer katholischen Kirche wieder einmal eine Spaltung droht.

Wo sehen Sie die?

In den Widerständen, die Papst Franziskus im Vatikan entgegengehalten werden. Ich finde es sehr bedauerlich, dass es offenbar immer noch fundamentalistische Kardinäle gibt, die den Papst umzustimmen versuchen in seiner, wie ich meine, sehr menschlichen Auslegung der katholischen Lehre. Man kann an Glaubenslehren nichts ändern, soll nichts ändern, aber man kann die natürlich sehr unterschiedlich auslegen, wie zum Beispiel bei der Zulassung Wiederverheirateter zu den Sakramenten. Ich meine, dass eine gewisse Großzügigkeit, wenn sie von oberster Stelle verfügt oder angeregt wird, doch etwas sehr Positives ist.

Im Zuge der Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich im „Standard“ folgende Aussage von Ihnen gefunden: „Literatur und Theater können sehr zu Erkenntnissen führen, aber keineswegs zu Veränderungen. [. . .] Ein Buch möchte ich hoffnungsvoll ausnehmen: die Heilige Schrift. Es würde mich freuen, wenn sie etwas verändern kann.“ Was könnte bzw. sollte denn Ihrer Ansicht nach das Evangelium verändern?

Es sollte vor allem zu einer großen Toleranz führen, dass man nicht den Blick starr auf die christliche Religion gerichtet hält, sondern interessiert beobachtet, was in anderen Religionen passiert. Die Frohe Botschaft kann nur dann etwas verändern, wenn Menschen guten Willens sind. Das Ganze beruht auf dem Glauben, dass es einen Gott gibt. Dieser Glaube ist eine Gnade, möchte ich sagen. Denn nicht jeder hat die Möglichkeit, zum Glauben zu kommen. Und ich glaube, wir müssen sehr viel Verständnis haben für Menschen, die keinen Glauben haben. Ich kenne viele, die keinen Glauben haben und die ich durchaus als anständige Menschen betrachten würde.

Religion ist ja nicht Moral, ist nicht auf Moral reduzierbar . . .

Nein, nein, durchaus nicht. Immer wieder fällt mir der Satz von Nathan dem Weisen in diesem Stück von Lessing ein: „Und doch ist Gott!“ Denn wenn wir beobachten, was in der Welt alles an Furchtbarem passiert, dann kann man wirklich Zweifel anmelden an der Existenz Gottes. Und für mich ist diese Aussage von Nathan, der schwerste Schicksalsschläge hinter sich hat – er hat seine ganze Familie verloren, die von Christen ermordet wurde – und der eben auch eine Weile zweifelt und dann den Satz spricht: „Und doch ist Gott!“, die stärkste Glaubensäußerung, die man machen kann.

Haben Sie in Ihrem Leben gezweifelt?

Ich habe nie ernsthaft gezweifelt, das muss ich sagen. Aber ich habe auch nie bis zum heutigen Tag einen schweren Schicksalsschlag erlitten – wofür ich sehr dankbar bin.

Würde der Sie in den Zweifel treiben?

Das weiß ich nicht. Der würde mich hoffentlich dahin führen, dass ich vielleicht durch eine Phase des Zweifels gehe und dann beschließe: Ja, und doch ist Gott.

Seit dem frühen Tod von Dieter Dorner sind Sie eine Fixgröße des Lektorenteams in der Ö1-Religionssendung „Erfüllte Zeit“. Dort lesen Sie mit Ihrer markanten Stimme das Evangelium. Ich spüre, wenn ich Sie da höre, dass Sie diese Texte anders lesen als etwa „Die letzten Tage der Menschheit“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Welchen Platz nehmen die Bibel und der Glaube in Ihrem Leben ein?

Ich bin sehr bemüht – und jetzt spreche ich nicht nur davon, wenn ich aus der Bibel im Radio lese, sondern auch davon, wenn ich gelegentlich bei der heiligen Messe die Lesungen spreche –, es nicht als Vortrag zu betrachten. Denn ich habe so oft erlebt, dass Menschen nach einer solchen Gelegenheit gesagt haben: „Ah ja, das war schön, da merkt man gleich den Schauspieler.“ Und genau das lehne ich ab.

Sie wollen hinter den Text zurücktreten?

Ich will. Ja, ich will ihn nicht interpretieren. Ich will ihn schlicht vorlesen und möchte auch keinen Kommentar dazu hören, weil dann eine Theatralik dazukommt, die in der Kirche nichts verloren hat. Ich mag da die Schlichtheit.

Kommen wir noch einmal zurück auf die Rolle, die die Bibel in Ihrem Leben spielt.

Es ist für mich das Buch der Bücher. Ich lese das auch durchaus nicht unkritisch, weil für mich viele Fragen auftauchen, wie eine bestimmte Passage gemeint sein könnte. Aber es ist für mich ein wichtiges Buch. Im Übrigen hat das Alte Testament eine gewisse Theatralik. Das ist ein spannendes Buch, in dem auch ganz erstaunliche Passagen vorkommen, wo man sich nach einer Interpretation sehnen würde – weil vieles kann man auch ganz anders auslegen, wenn man eben nicht guten Willens ist.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie sehr viele Leute kennen, die nicht glauben. Was würden Sie denen denn sagen, wenn Sie gefragt würden, welchen Unterschied es macht, dass Sie an Gott glauben?

Also mich macht der Glaube glücklich. Aber es gibt durchaus auch andere Menschen, die, vor allem wenn sie nicht fühlen können, was ihnen entgeht, sehr glückliche Menschen sind. Es ist schwer zu formulieren, aber ich glaube daran, in die Hand Gottes geschrieben zu sein – und das erfüllt mich mit einer großen Beruhigung. Ich kann immer nur sagen, ich hoffe, dass ich nicht zu sehr auf die Barmherzigkeit Gottes spekuliere.

Gibt es einen spirituellen Denker oder eine Denkerin, die Sie besonders lieben, bei dem bzw. der Sie sagen: „Das berührt mich besonders, da lese ich immer wieder hinein!“?

Für mich spielt das Buch Hiob eine große Rolle. Dadurch, dass ich literarisch immer wieder mit dem Thema zu tun gehabt habe, bin ich näher eingedrungen und finde die Idee großartig, dass Hiob, der alles verloren hat und schwer krank ist, sein Vertrauen auf Gott nicht verliert. Das wäre wieder ein Schluss hin zu Lessing: „Und doch ist Gott.“


Das Interview wurde für den Abdruck in der „Presse am Sonntag“ gekürzt.

Das Buch

„Was glauben Sie?“  von Johannes Kaup Gespräche aus der Ö1-Logos-Reihe Styria Verlag, 208 Seiten.

Präsentation: Das Buch wird am Mittwoch, den 26. April, vorgestellt. Buchhandlung Herder, Wollzeile 33 (Wien 3), 19 Uhr. Anmeldung unter: gerhard.zach@herder.at.

Johannes Kaup wird mit Autor Peter Henisch sprechen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2017)