Das Osterkonzert der Symphoniker fand erstmals im Konzerthaus statt: Jean-Yves Thibaudet und Philippe Jordan servierten zündend Gershwin und Bernstein.
Wenn europäische Orchester amerikanische Musik spielen, dann sind kritische Musikfreunde gern mit guten Ratschlägen zur Hand. Es geht da ja tatsächlich um Zwischentöne, bei den Blue Notes wie bei den Rhythmen: Uns ist zumindest die rhythmische Frage vom Wiener Walzer vertraut – da gibt es für einen hierorts zuständigen Musikanten keine Diskussionen, wann genau ein Schlag erfolgt.
Für die Amerikaner verhält sich das ebenso mit Gershwin oder Bernstein – ein Wiener Musiker platziert in diesem Repertoire die Töne dort, wo er meint, dass zwischen den Zählzeiten der rechte Moment gekommen ist. Für den musikalischen US-Bürger gibt es da gar keine Zählzeiten, ebenso wenig wie für unsereinen in „Wiener Blut“ . . .
Wie auch immer, die Wiener Symphoniker und ihr Chefdirigent Philippe Jordan servierten heuer bei „Frühling in Wien“, erstmals im Konzerthaus, die „Candide“-Ouvertüre, die symphonischen Tänze aus der „West Side Story“, von Gershwin den „Amerikaner in Paris“ und – mit dem Franzosen Jean-Yves Thibaudet – das Klavier-Konzert; gerade letzteres taugt für einen mitteleuropäischen Versuch gut, denn der findige Meister von „Porgy and Bess“ versucht sich hier ja an der klassischen Form. Und für die sind wir Europäer – anders als fürs jazzoide Idiom – sozusagen hauptamtlich verantwortlich.
Melange aus Jazz und Klassik
Die Melange stimmte diesmal jedenfalls ganz und gar, denn Thibaudet steuerte vor allem in den Ecksätzen launige, kleinteiligst und sauber modellierte Aperçus bei, Fingerfertigkeit mit humoristischem Einschlag und einer spielerischen Qualität, wie sie schließlich auch für viele Momente in den raschen Sätzen von Mozarts Konzerten vonnöten sind. Außerdem steigerte man eines Sinnes die dramatische Fieberkurve des ausdrucksvollen Mittelsatzes – und der Symphoniker-Klang strömte in den weiten Melodiebögen, die Gershwin auch singen lässt, großzügig über alle Taktstriche hinweg.
Thibaudet verlor seine gute Laune und Treffsicherheit auch nicht im letzten Sprint, den er in ausgelassener Temposteigerung applaustreibend anheizte. Im Verein mit dem Maestro gab es, was den lauten Jubel noch steigerte, als Zugabe Duke Ellington vierhändig!
Gershwins Amerikaner nahm dann auf seine Paris-Reise nicht nur seine eigenen Hörgewohnheiten mit, sondern entdeckte auch ein gerüttelt Maß an französischem Impressionismus – unter Jordans Leitung sind unsere Symphoniker jedenfalls wirklich polyglott und, was die Klangqualität und Präzision anlangt, auch wieder international konkurrenzfähig geworden. Fein, dass „Frühling in Wien“ nach der Übersiedlung und einer unverständlichen Sendepause wieder fernsehtauglich geworden ist – den Mitschnitt von 2017 könnte man getrost auf DVD veröffentlichen; auch als Dokument für die erreichte orchestrale Qualität.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2017)