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Kalaschnikow: Das Instrument des einfachen Tötens

Mikhail Kalashnikov
(c) AP (JENS MEYER)
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Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, Erfinder des berühmten Sturmgewehrs AK-47, feiert kommenden Dienstag seinen 90.Geburtstag. Der greise Konstrukteur sieht sich selbst als Mann des Friedens und der Freundschaft.

Der gefürchtete „Vorführeffekt“ schlug erbarmungslos zu. Da hatten die Waffenproduzenten aus dem Ural und die Exportmonopolisten aus Moskau extra zu einer Vorführung auf ein Übungsgelände geladen, um die Vorzüge der legendären „Kalaschnikow“ zu demonstrieren, und nun das – Stromausfall! Die Videoübertragung von den Vergleichstests mit dem Nato-Gewehr M16 musste erst einmal warten. „Stromausfälle haben wir hier öfter“, meinte ein Mitarbeiter des Geländes in Klimowsk, 40 Kilometer vom Moskauer Stadtrand entfernt.

Zum Glück gab es im Saal Strom, und so konnte die Videobotschaft des abwesenden Haupthelden über die Bildschirme flimmern. Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, der am 10. November 90 Jahre alt wird, grüßte mit brüchiger Stimme aus dem heimatlichen Ischewsk. Leider sei er unabkömmlich, es gebe viel zu tun, bedauerte er, der noch immer den Titel eines Chefkonstrukteurs im staatlich kontrollierten Ischmasch-Konzern trägt.

Der alte Mann strickt an seiner Legende. Vor allem, so versicherte er mit zittriger, schwer verständlicher Fistelstimme, sei er ein Mann des Friedens und der Freundschaft zwischen den Völkern. Irgendwie müsse man auch seine Erfindung in diesem Sinne verstehen: das Sturmgewehr AK-47, das unter dem Namen seines Schöpfers in die Geschichte eingegangen ist – und blutige Geschichte geschrieben hat.

Kindersoldaten und Taliban. Etwa damals, als der ägyptische Premier Sadat mit einer solchen Waffe erschossen wurde. Dabei habe er sie lediglich zur Verteidigung der bedrängten Heimat ersonnen, versicherte Michail Timofejewitsch, während sein Blick stolz über die Exponate eines Waffenmuseums schweifte. Dutzende „Kalaschnikows“ in verschiedensten Ausführungen blinkten in den Vitrinen.

In einer Auflage von vermutlich 100 Millionen Exemplaren hergestellt, kam die AK-47, der „Awtomat Kalaschnikowa“ aus dem Jahre 1947, in 82 Armeen zum Einsatz. Ausdruck auch des sowjetischen Expansionsstrebens, denn wo die „Kalaschnikow“ war, da hatte das Imperium meist seinen Fuß in der Tür. Dieser Waffe fielen mehr Menschen zum Opfer als der US-Atombombe von Hiroshima. Sie ist das Bindeglied zwischen afrikanischen Kindersoldaten, palästinensischen Hamas-Kämpfern, den Taliban in Afghanistan und irakischen Terroristen. Sie alle schätzen die „Kalaschnikow“ als Instrument des einfachen Tötens.

„Nie“, so wunderte sich der ordengeschmückte Erfinder voller Naivität, „hätte ich gedacht, dass sie in internationalen Konflikten angewendet werden würde.“ Dass es trotzdem massenweise geschieht, bedrückt den Greis hin und wieder schon. Das Wissen darum verglich er mit einem Granatsplitter, der ins Gewebe eingewachsen und fast vergessen ist, der aber dann urplötzlich bei einer unerwarteten Bewegung wieder schmerze.

Vielleicht wäre ja alles ganz anders gekommen, wenn der Krieg nicht gewesen wäre, sinnierte Michail Kalaschnikow. Eigentlich habe er Technik zur Erleichterung der schweren Arbeit in der Landwirtschaft entwickeln wollen, aber der von Hitler-Deutschland entfesselte Krieg „veränderte mein Schicksal“, erinnert er sich.

Das hatten freilich zuvor schon die Stalin'schen Repressionen besorgt. 1930 deportierte das NKWD, das berüchtigte Volkskommissariat für Inneres, die Familie Kalaschnikow nach Sibirien, mit der Begründung, sie seien Kulaken, also reiche Bauern. Zweimal gelang dem jungen Michail die Flucht. In dieser Zeit habe er stets eine Pistole bei sich gehabt. „Ich glaube, dass hier der Ursprung meiner Waffenleidenschaft liegt. Lange vor dem Krieg fühlte ich mich dieser Pistole so verbunden wie einem Bruder“, schrieb er in seiner Autobiografie „Mein Leben“.

Ein unglaublicher Vorgang: Kalaschnikow entging nicht nur dem Tode, es gelang ihm auch, sich mit gefälschten Papieren in einen unbescholtenen Sowjetbürger zu verwandeln. 1938 wurde er in die Rote Armee einberufen. Nach einer Verwundung im Krieg landete er im Lazarett, wo er erste Skizzen für eine automatische Waffe entwarf. Er hatte mit ansehen müssen, wie seine Landsleute mit meist veralteten Karabinern gegen einen technisch weit überlegenen Feind zogen: „Die deutschen Soldaten hatten Automatikwaffen, wir nur unzuverlässige Flinten.“ Der Besitz von Maschinenpistolen war weitgehend ein Privileg der berüchtigten NKWD-Truppen, die damit die eigenen Leute niederschossen, wenn sie zurückwichen.

Zorn über Raubkopien. Für den Schwerverletzten ein Ansporn, seinen Kopf anzustrengen. Nach einem Fehlversuch gelang ihm dann der große Wurf. 1947 begann die Serienproduktion in Ischewsk. Nur jede zehnte Kalaschnikow kommt heute von „Ischmasch“. Der Rest der jährlich produzierten eine Million Exemplare stammt aus anderen Staaten, die zur Sowjetzeit die – mittlerweile abgelaufene – Lizenz erhielten. Selbst die USA statteten zuletzt irakische und afghanische Sicherheitskräfte mit Raubkopien der russischen Gewehre aus. Der Zorn der Russen über die Fälschungen ist groß: Sie schadeten der Marke, meinte Anatoli Isajkin, Chef der Exportfirma Rosoboronexport. Keines dieser Gewehre könne sich mit der russischen Produktion messen.

Das wurde in Klimowsk, nachdem es wieder Strom gab, stolz demonstriert. Während das M16 nach Stürzen, mit Wasser getränkt oder heftig verstaubt nach dem ersten Schuss versagte, feuerte die gleichermaßen traktierte Kalaschnikow ohne Aussetzer.

Die Krise macht freilich auch vor dem russischen Rüstungssektor nicht Halt. Im September hat es kurz danach ausgesehen, dass auch „Ischmasch“ wie der Hälfte der russischen Rüstungsbetriebe die Insolvenz droht. Ein Antrag eines Geschäftsmannes wegen ausständiger Zahlungen wurde aber alsbald zurückgezogen.

Bei Ischmasch heißt es, die Auftragsbücher seien gefüllt. Rosoboronexport sagt das auch über den gesamten russischen Waffensektor. 2008 hat die Firma eigenen Angaben zufolge Waffen im Wert von 6,7 Mrd. Dollar exportiert und liegt damit weltweit auf Platz zwei hinter den USA. Im neuen Jahrtausend hat sich der Waffenexport für Russland wieder zur wichtigsten Einnahmequelle neben den Rohstoffen entwickelt.

Kalaschnikow selbst ist durch seine Erfindung kein reicher Mann geworden. Von Lizenzgebühren oder Patenten war nie die Rede: „Das war bei uns nicht üblich, wir arbeiteten alle für den Staat, und ich war sehr gehorsam.“ Betrogen fühlt er sich dennoch nicht. Schließlich sei er zweimal als „Held der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet worden. Damit habe er sich das Recht auf eine Bronzebüste in seiner Heimatstadt erworben. Dort steht sie nun seit 1980, „anderthalb Mal größer als ich“. Kalaschnikow freut sich wie ein Kind: „Ist das etwa kein Reichtum? Wir Russen sind eben anders.“

Auch als Wodka beliebt. So selbstlos, wie Kalaschnikow sich darstellt, ist er nicht. Zwar gab er Anfang der Neunzigerjahre US-amerikanischen Zigaretten- und Bierherstellern einen Korb, als sie seinen populären Namen nutzen wollten. Aber seit ein paar Jahren darf die Herriger-Firmengruppe aus Solingen unter dem Namen Kalaschnikow Uhren, Taschenmesser und Regenschirme vermarkten.

Doch das bringe kaum etwas, beklagt sich Kalaschnikow-Tochter Jelena: „Wir wissen gar nicht, was da läuft.“ Ihr Sohn Igor betreue das Geschäft, das er ihrer Meinung nach so nicht hätte abschließen sollen. „Wir waren so unerfahren“, klagt sie. Als Leiterin der Kalaschnikow-Stiftung hätte sie sich etwas Würdigeres vorgestellt als Taschenmesser oder Regenschirme, mit denen nun der Name ihres Vaters verbunden ist. In Russland aber wird die Würde gewahrt. Dort erfreut sich der Kalaschnikow-Wodka großer Beliebtheit. Er wird in besonderen gläsernen Behältnissen angeboten– in der Form einer AK-47.

Die Waffe
Das AK-47 ist ein russisches Sturmgewehr. Es wurde 1944 von Michail Kalaschnikow entwickelt und wird seit 1947 von der Roten Armee eingesetzt.

Die Verbreitung
Zählt man die Exemplare ohne Seriennummer dazu, dürften an die 100 Millionen Kalaschnikows verkauft worden sein. Etwa 60 Staaten rüsten ihre Armeen damit aus.

Das Geheimnis
Die Zuverlässigkeit der Kalaschnikow ist legendär. Ihr beweglicher Verschlussmechanismus läuft auf schmalen Gleitbahnen und berührt das Gehäuse nur punktuell. Dadurch kann der Verschluss auch bei Schmutz, Sand, Nässe und extremen Temperaturen nicht blockieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)