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Studentenleben: "Man muss um jeden Platz kämpfen"

Studenten
(c) Clemens Fabry
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Von wegen lustiges Studentenleben – an den heimischen Unis regiert der Frust über mangelnde Plätze, schlechte Betreuung und unverschuldet verlorene Semester.

Es ist kurz vor acht Uhr früh. Anna ist auf der Suche nach einem Sitzplatz, von dem aus sie die Ausführungen ihres Professors verfolgen kann. Doch daraus wird – wie so oft – nichts. Die 18-Jährige wird der Vorlesung im Stehen zuhören. Gerade auf den Boden könnte sie noch ausweichen. Der Hörsaal ist heillos überfüllt. Um bei einer Juseinführungsvorlesung zu einem Sitzplatz zu kommen, muss man früher aufstehen. Sehr viel früher.

„Am Anfang des Semesters war es wirklich schlimm. Mittlerweile gehen schon weniger Leute in die Vorlesungen, jetzt ist es leichter, einen Platz zu bekommen“, sagt Anna, die zum Studieren vom oberösterreichischen Weyer nach Wien gezogen ist. Sie erzählt von Studenten, die schon um sieben Uhr früh, eine Stunde vor Vorlesungsbeginn, die Plätze mit Jacken belegen. „Dann gehen sie frühstücken und kommen um acht wieder.“

Nicht einmal die 800 Plätze im Audimax der Uni Wien, dem größten Hörsaal Österreichs, reichen aus für die rund 1500 Studenten, die jedes Jahr in Wien ihr Jusstudium beginnen. Gegen Zustände wie diese richtet sich auch der Protest jener, die das Audimax seit mehr als zwei Wochen besetzen. Und gegen das schlechte Betreuungsverhältnis bei Lehrveranstaltungen, die den Charakter von Massenabfertigung haben: „Es kommt keine Diskussion zustande“, meint Anna, „und man kann nicht in die Tiefe gehen, wenn da noch 800 andere sitzen“.


Zuhören auf den Stufen. Kein Wunder, dass am Ende des Tages oft Fragen offenbleiben – aber niemand da ist, der sie beantworten kann, wie Anna erzählt: „Die Professoren kennen einen nicht.“ Auch in den Übungen, die eigentlich dazu da wären, den Vorlesungsstoff zu vertiefen, sei das kaum besser. Einmal habe ein Kollege den Vortragenden gebeten, lauter zu sprechen. Seine Reaktion: „Setzen Sie sich vorne auf die Stufen, dann verstehen Sie mich.“ „Das sind so Sachen, über die man sich ärgert.“

Dabei gilt das Juridicum noch als eines der am besten organisierten Institute an der Wiener Universität. Nicht so wie die Publizistik, die längst synonym mit dem Begriff „Massenstudium“ verwendet wird. Schlechte Betreuungsverhältnisse, überfüllte Hörsäle – viele Publizistikstudenten können ein Lied davon singen.

Eine von ihnen ist die 20-jährige Sonja: „Ich habe von dreimal einmal einen Sitzplatz bekommen. Durch diese Masse an Menschen sind die Vorlesungen mühsam, man kann nicht wirklich mitarbeiten, wenn es furchtbar heiß und kein Sauerstoff im Hörsaal ist.“

Das Publizistikinstitut hat auf den studentischen Zulauf reagiert und stellt die am stärksten besuchten Lehrveranstaltungen ins Internet. Immerhin, so kann man die Vorlesung in Ruhe vom Schreibtischsessel aus verfolgen – Fragen und Diskussionen sind so aber nicht möglich. Bei der wachsenden Studierendenzahl wird persönlicher Kontakt aber ohnehin immer mehr zur Wunschvorstellung: Allein heuer haben sich schon rund 1500 Studenten für das Bachelorstudium Publizistik eingeschrieben. Dabei ist die Zulassungsfrist noch gar nicht zu Ende.

In anderen Studienrichtungen ist die Lage ähnlich. Als Hamed Samuel merkte, dass die Hörsäle so voll waren, „dass es keinen Sinn hat, reinzugehen“, machte er kurzen Prozess und brach sein Biologiestudium ab. Der 26-jährige Salzburger konnte bereits eine abgeschlossene Lehre zum Molkerei- und Käsereifachmann vorweisen, als er sich vor zwei Jahren als außerordentlicher Hörer an der Universität Wien einschrieb.

Am Wochenende arbeitete er in einem Callcenter, abends belegte er Kurse, die ihn zum Meister ausbilden sollten. Daneben besuchte er die Uni. „Ich wollte einen konkreten Unterricht, aber das ist nicht möglich, wenn so viele Leute da sind. Da entsteht weder eine Diskussion, noch hat der Professor die Möglichkeit, auf die Studenten einzugehen. Und wenn man jedes Mal eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn da sein muss, verliert man viel Zeit.“

Verlorene Zeit. Ginge es nach jenen Studierenden, die erst am Donnerstag wieder gegen schlechte Studienbedingungen und für mehr Geld durch die Straßen zogen, würden solche Probleme längst der Vergangenheit angehören. Für Studentinnen wie Jacqueline gehören sie zum Alltag. „Ich habe mich für fünf Seminare angemeldet und bin in eines reingekommen“, sagt die 20-Jährige, die im dritten Semester Internationale Entwicklung studiert. „Dadurch werde ich bestimmt ein halbes Jahr verlieren.“ Viele Lehrveranstaltungen würden auf anderen aufbauen. In der Mindestdauer zu studieren sei dadurch fast unmöglich.

Auch die Theaterwissenschaft gilt als heillos überlaufen. „Ich habe einmal eineinhalb Jahre auf eine Note gewartet“, sagt Katharina. Immer wieder öffnete die 23-Jährige ihren Onlineaccount, um ihr Zeugnis einzusehen. Immer wieder wurde sie enttäuscht. Auch E-Mails und Besuche in Sprechstunden hätten nicht geholfen. Sie wurde vertröstet. Das Problem sei stets dasselbe: zu viele Studierende, zu wenig Angebot. Schon mehrmals konnte Katharina eine Vorlesung nicht besuchen, weil der Andrang zu groß war. Mit Prüfungen sei es nicht anders. „Schon dreimal konnte ich an einer Prüfung nicht teilnehmen. Dann muss man wieder warten, bis Vorlesungen und Prüfungen erneut angeboten werden.“

„Auf der Uni“, sagt Katharina, „verliert man so viel Zeit mit Herumlaufen und damit, sich zu bemühen, in Lehrveranstaltungen reinzukommen. Irgendwann geht die Motivation dann auch flöten.“

Pokern um die Kurse. Ein neues Anmeldesystem macht die Sache nicht unbedingt leichter. Das System reiht nicht mehr nach dem „First come, first served“-Prinzip. Stattdessen vergibt der Studierende Präferenzen und wird je nachdem, wie er die Lehrveranstaltungen gewichtet, zugeteilt. Am Juridicum wiederum vergibt man Punkte, um an einer Lehrveranstaltung teilnehmen zu können. Doch selbst wenn man alle Punkte auf eine Karte setzt, muss das noch keinen Fixplatz bedeuten. „Meistens kommt man gar nicht mehr in die Kurse rein, die einen am meisten interessieren, sondern in die, in denen ausreichend Platz zur Verfügung steht“, sagt Katharina. „Es ist unmöglich, sich in eine Richtung zu spezialisieren, weil man um jeden Platz kämpfen muss.“

Die 25-jährige Anja kennt das gut. Rund eineinhalb Jahre lang konnte sie sich nicht auf ihr Hauptfach Psychologie konzentrieren. Die Hauptschuld daran schreibt sie dem Anmeldesystem zu. Es räumt den Instituten Spielräume ein. Schafft man es nicht in ein Seminar, würden einem auch die nötigen Stunden fehlen, die man dann jedoch wieder für die Anmeldung im nächsten Semester braucht. Nötig seien dann oft persönliche Gespräche mit Professoren. Doch selbst die würden nicht immer helfen. So drehe sich das System im Kreis. Manchmal nimmt das Chaos auch überhand: „Einmal habe ich erst eine Stunde vor Beginn der Lehrveranstaltung erfahren, dass ich doch einen Platz habe. Das habe ich dann natürlich nicht mehr geschafft.“

Mittlerweile ist Anja im zweiten Abschnitt angelangt und muss sich mit anderen Problemen herumschlagen. Je mehr sich ihr Studium dem Ende zuneige, desto schwieriger sei es, einen Diplomarbeitsbetreuer zu finden. „Ich habe, anders als meine Kollegen, Glück gehabt, aber auch nur, weil ich mich für eine Fachrichtung entschieden habe, die unter den Psychologiestudenten weniger beliebt ist.“


Ein Jahr Zwangspause. Auch Christoph könnte man als Opfer des Systems bezeichnen. Der 20-Jährige war im Vorjahr einer von rund 3000 Bewerbern, die sich dem Eignungstest der Medizinischen Universität Wien stellten. Schon lange hatte er den Wunsch gehabt, Arzt zu werden. Die Ernüchterung kam dann jedoch schneller als gedacht. Auf der Liste der 740 Personen, die zum Medizinstudium zugelassen wurden, fand er sich nicht wieder. „Ein Punkt hat mir gefehlt“, sagt er heute. „Einige meiner Kollegen sind mit der gleichen Punkteanzahl trotzdem genommen worden.“

Christoph musste sich vorläufig also etwas anderes überlegen. Einen Plan B hatte er zwar irgendwie, dass dieser aber schlagend wurde, kam überraschend. „Dann habe ich natürlich darüber nachdenken müssen, wie es jetzt weitergeht. Das hat einige Zeit in Anspruch genommen.“

Im vergangenen Jahr hat er daher anstelle des menschlichen Körpers die heimische Rechtslage studiert. Und in der Mindestzeit den ersten Abschnitt absolviert. Immerhin, sein Jahr am Juridicum wertet er nicht als verlorene Zeit. Auch wenn er sich die Stunden für das Medizinstudium – Christoph schaffte den EMS-Test heuer im zweiten Anlauf– nicht anrechnen lassen kann.


Protest. Es sind Zustände wie diese, gegen die Studenten in ganz Österreich auf die Straße gehen und Hörsäle besetzen – unter anderem das Audimax der Uni Wien. So lange der Protest andauert, finden die dort angesetzten Vorlesungen im Austria Center statt. Auf dem Boden sitzen muss dort – der Saal D fasst 1400 Plätze – wohl niemand. Aber eine Lösung, da sind sich die Studenten einig, ist das noch lange nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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