Österreich ist nicht zuletzt dank der Wende 1989 weltoffener und moderner geworden. Doch es gibt noch immer hinterwäldlerische Schattenreiche: Die politische Klasse bewegt sich unter Niveau des Landes.
Österreich und 1989, das ist, wie so vieles in diesem Land, eine ambivalente Geschichte. Erst weinten alle gerührt vor den Fernsehapparaten mit, als die Ossis in ihren Trabis durch die Berliner Mauer tuckerten, dann war vielen der in voller Größe wiedererstandene deutsche Riese anfangs doch nicht geheuer. Erst gab es freie Fahrt in Bus und Bim für hunderttausende tschechische Nachbarn, die auf einmal frei nach Wien reisen durften, dann kam das Antiausländervolksbegehren. Erst eroberten heimische Unternehmen die neuen Märkte im Osten und kurbelten damit auch das Wirtschaftswachstum in Österreich an, dann schotteten diverse Regierungen den österreichischen Arbeitsmarkt ab.
1989 und der Fall des Kommunismus machten für das neutrale Österreich den Weg frei in die Europäische Gemeinschaft, den die Sowjetunion zuvor jahrzehntelang blockiert hatte. Es rückte vom Rand ins Zentrum Europas. Das hat das Land spürbar durchlüftet, offener und moderner gemacht. Trotzdem hat die Europaskepsis in Österreich, dem Profiteur der Osterweiterung, eine Heimat gefunden. Nur 41 Prozent der Bevölkerung halten die Mitgliedschaft in der EU für eine gute Sache. Es gab und gibt eine Gegenreaktion zur Öffnung.
Geistiger Verlust. Die Weltoffenheit, zu der Österreich als kleines exportabhängiges Binnenland ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen geradezu gezwungen ist, hatte schon immer eine hinterwäldlerische Nachtseite. Das Lamento über den Provinzialismus gehört zu den seelischen Grundtonarten seit Bestehen der Republik, dieses geschrumpften Rests eines einstigen Großreichs. Wirklich dramatisch wurde der geistige Verlust, als die Nazis 1938 die jüdische Intelligenz vertrieben. Davon hat sich dieses Land nie erholt. Seither leidet es an intellektuellen Phantomschmerzen.
Und trotzdem wäre es verzerrend, aus ganz Österreich eine dumpfe Provinz zu machen. Kein Land außer Liechtenstein hat einen höheren Anteil an Erasmus-Studenten, die im Ausland lernen. Mindestens 470.000 Österreicher leben in der Fremde. Künstler, Wissenschaftler, Wirtschaftstreibende – sie alle sind global vernetzt. Die neuen Maturanten können mindestens zwei Fremdsprachen. Österreich ist viel internationaler, als es manchmal scheint.
Unter Niveau. Umso erschreckender ist, wie provinziell manche Bereiche geblieben sind. Und dazu gehören leider auch weite Teile der Medien und der Politik. Was inzwischen für jeden Angestellten in einem Mittelunternehmen selbstverständlich ist, gilt noch immer nicht für alle politischen Spitzenkräfte dieser Republik: Einzelne Mitglieder der jetzigen Bundesregierung können so schlecht Englisch, dass sie Nachhilfe brauchen. Andere haben eine Aussprache wie ihre Großväter.
Man merkte es bei der Posse um die Entsendung eines EU-Kommissars nach Brüssel: Internationalität war kein Kriterium bei der Bildung dieser Regierung. Das ist nicht überall so. Griechenland etwa hat mit George Papandreou einen Premier, der lange in den USA und in Schweden gelebt hat. Zu seinem Außenminister dürfte der Sozialdemokrat demnächst den 41-jährigen Dimitris Droutsas ernennen, der an der Wiener WU unterrichtet hat und später Rechtsberater in Wolfgang Schüssels Kabinett war. Frankreich hat eine Finanzministerin, die in Amerika gearbeitet hat; Polen einen Außenminister, der in England studierte.
In Österreichs Politik ist Auslandserfahrung kein Wert. Die Parteienwelt bewegt sich damit unter dem Niveau des Landes. Das liegt auch am Auswahlverfahren. Es wäre hilfreich, wenn es in Österreich öffentliche Hearings für angehende Minister gäbe, in denen sie öffentlich auf die Eignung für ihr Amt abgetestet werden. Denn 20 Jahre nach der Wende könnten langsam die letzten Nischen in Österreichs provinziellem Schattenreich mit Licht durchflutet werden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)