Spätfrost: Das Frieren der Apfelblüten

Obstbauer Gerhard Paradeiser in einer seiner Apfelkulturen nahe Fels am Wagram.
Obstbauer Gerhard Paradeiser in einer seiner Apfelkulturen nahe Fels am Wagram.(c) Stanislav Jenis

Mit Bewässerungsanlagen, Strohfeuern und Helikoptern kämpfen Obstbauern in ganz Österreich gegen den Kältetod ihrer Ernte: Ein Besuch auf dem Paradieshof in Fels am Wagram.

Fels am Wagram. Gemeinsam mit seinen schwarzen Labrador-Rüden Aramis und Caddy schlägt sich Gerhard Paradeiser dieser Tage die Nächte um die Ohren. Während die meisten Einwohner im niederösterreichischen Fels am Wagram das aktuell nasskalte Wetter für gemütliche Stunden zu Hause nutzen, fährt der 54-jährige Obstbauer mit seinem Geländewagen und den beiden Hunden auf der Ladefläche nahezu rund um die Uhr von Anbaufläche zu Anbaufläche. Ein Auge schielt dabei stets auf die Wetter-App auf dem Smartphone. Das andere aufs Thermometer.

Der Wintereinbruch mit erwartetem Spätfrost beschäftigt derzeit Obst- und Weinbauern im ganzen Land. Nach der Frostkatastrophe im Vorjahr, die in manchen Regionen zu vollständigen Ernteausfällen geführt hat, nagt das Wetter derzeit gehörig am Nervenkostüm der Landwirte. „Zwei solche Jahre in Folge, und Schluss ist“, sagt Paradeiser.

Auf seinem Paradieshof am Wagram bauen Paradeiser und seine Frau Gabi Äpfel, Birnen, Marillen, Zwetschken, Kirschen und mehr an. Stehen die Bäume gerade in der Blüte, zerstört der Frost vor allem den empfindlichen Griffel. Aber auch nach erfolgter Bestäubung sind die winzigen, zu diesem Zeitpunkt hochaktiven Früchte empfindlich gegenüber Kälte. Das gilt insbesondere für Steinobst.

 

Riskante Frostberegnung

Dienstagabend legte sich Gerhard Paradeiser um neun Uhr abends nieder, stand um Mitternacht auf und war den Rest der Nacht unterwegs oder zu Hause in der Nähe einer Quecksilbersäule. Am Mittwochvormittag steht er mit der „Presse“ bei Wind und Schneetreiben mit kleinen Augen vor seiner aus Gala und Topaz bestehenden Apfelmischkultur und kontrolliert die Einsatzbereitschaft der Bewässerungsanlage. Was im Sommer durch die Dürre hilft, kann im Frühling die Früchte vor dem Kältetod schützen. Bei der Frostberegnung werden pro Hektar knapp 40.000 Liter vergleichsweise warmes Grundwasser in feinen Tröpfchen über die Obstbäume verteilt. Das hebt zunächst die Temperatur in Bodennähe minimal, anschließend frieren die Tröpfchen an den Pflanzen, das schützt die Blüten und Früchte zusätzlich.

„Doch das Frostberegnen“, sagt Paradeiser, „ist riskant und stressig.“ Die Maschinen brauchen rund um die Uhr Betreuung. „Während des Spätfrosts im Vorjahr kam ich im Lauf von vier Tagen nur sechs Stunden zum Schlafen.“ Ein zweiter Grund, warum vor möglichen Frostnächten ganze Gruppen von Obst- und Weinbauern nachts durch ihre Anbaugebiete geistern: Man darf den Zeitpunkt für den Start der Frostberegnung nicht verpassen. Startet die schützende Wasserkur zu knapp vor dem Erreichen des Gefrierpunkts, hat die Maßnahme sogar den gegenteiligen Effekt.

Deshalb, und auch, weil der hohe Wasserverbrauch der Methode nicht überall im Land vertretbar ist, rüsten sich Bauern auf unterschiedliche Arten. Vor allem in der Steiermark stellen sie pro Hektar 400 und mehr lang brennende Paraffinkerzen auf, um den Bodenfrost zu dämpfen. Eine Arbeit, die den Einsatz zahlreicher Helfer erfordert.

 

Frostfliegen mit Helikoptern

Andernorts werden Strohfeuer in den Obstkulturen entzündet. Beim sogenannten Räuchern soll der Rauch die Abstrahlung von Bodenwärme verzögern. Bei Wind sind hierfür gewaltige Qualmwolken nötig, die im Vorjahr zu gefährlichen Situationen im Straßenverkehr führten.

Die vielleicht spektakulärste Methode zum Schutz der Obstkulturen ist das Frostfliegen mit Helikoptern. Dabei durchmischt der Sog der Rotoren die kältere Bodenluft mit den wärmeren Luftschichten zehn bis 20 Meter darüber.

In Fels am Wagram haben einige Bauern hierfür sogar eine eigene Staffel, nämlich die „Frost Defense Fels“, gegründet. „Vor einem Jahr“, erinnert sich Paradeiser und blickt dabei in den grauen Himmel, „hab ich das als Flugschüler live miterlebt.“ Das Erlebnis von drei Tieffliegern auf engstem Raum habe ihn dabei nachhaltig geprägt. „Das ist mir schlichtweg zu gefährlich.“ Deshalb setzt er seit heuer auf die Frostversicherung. Diese sei, trotz enormer Prämien und 35 Prozent Selbstbehalt nach Schäden, zumindest für ihn wirtschaftlich derzeit die sicherste Variante.

Ob er sie braucht, wird sich wohl erst am Freitag in den frühen Morgenstunden entscheiden. Dann erwarten Meteorologen nämlich die kälteste Nacht der Woche. Neben Niederösterreich sind vor allem die Steiermark und das Burgenland vom Spätfrost betroffen.

Was ein paar Frosttage bedeuten können, zeigt die Bilanz des Vorjahres. Anstatt der üblichen 200.000 Tonnen Äpfel wurden gerade einmal 60.000 Tonnen geerntet. Die Marillenernte sank von 7000 auf 4200 Tonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2017)