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"Harmonia Caelestis": Fürstendämmerung

Bettina Stucky, Johann Ebert, Philipp Hauss, Yelena Kuljic
(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Burgtheater Kasino: Regisseur David Marton entzückt mit einem hochmusikalischen Kammerspiel nach Péter Esterházys Roman "Harmonia Caelestis". Ein Gesamtkunstwerk.

Auf gut 900 Seiten hat Péter Esterházy mit „Harmonia Caelestis“ (2001) eine gargantueske Chronik veröffentlicht, in der so ziemlich jedes Vaterexemplar eine Rolle spielt, das von diesem weitläufigen Geschlecht in Jahrhunderten zusammengeschustert worden war. Dieser Roman zählt zu den großen Familiengeschichten der Weltliteratur. Im Kasino am Schwarzenbergplatz wurde am Freitag ein Kammerspiel nach „Harmonia Caelestis“ uraufgeführt. Wahrscheinlich ist dieses von David Marton inszenierte Musiktheater die bisher beste Produktion der jungen Ära von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann; zwei Stunden komischer, melancholischer Disharmonie mit einem fabelhaften Ensemble von acht Schauspielern und Musikern, die sich auf die jüngere Geschichte der alten Familie Esterházy in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentrierten; enteignen, überwachen, strafen, und doch auch der verzweifelte Versuch, Würde zu bewahren.

Abendstern bedeutet der Name Esterházy, die Dämmerung hat längst eingesetzt. Jedenfalls zeugt allein schon das imposante, die Längsseite des Kasinos füllende Bühnenbild (Alissa Kolbusch) vom Verfall eines Geschlechts, das über Jahrhunderte zu den großen Mäzenen Europas zählte: abgewohnte Sofas, drei verglaste Kabinen mit technischem Zeug, wie geschaffen für den Geheimdienst, ein vierstöckiges Bett, eine Waschküche, mehrere Tasteninstrumente, vom Spielzeugklavier bis zur Orgel, eine Bücherwand, und mittendrin durchwühlte Umzugskartons. Das ist kein Ambiente für schicken, weltgereisten Adel, sondern ein Schicksalsraum für Menschen, die Gefahr laufen, vertrieben zu werden.

Aber sie singen noch, und wie! Haydn, Bartók, Schubert, Mozart, Verdi und vieles mehr, immer bereit zur Verfremdung. Yelena Kuljic zum Beispiel, als trippelnde, skurrile Mutter, die nur mühsam das Damenhafte aufrechterhalten kann, fängt ein Lied divenhaft mit klassischer Oper an, wechselt mühelos ins lateinamerikanische Fach, in den Jazz, um gnadenlos in einer italienischen Schnulze zu enden. Die Wandlungsfähigkeit dieser mehrsprachigen Gesangsakteurin ist einfach zauberhaft.

 

Peter Mati? steppt und rappt

Jan Czajkowski, der einen klavierspielenden, von einem Instrument zum anderen hastenden Lakaien gibt, hat für seine Mitspieler wunderbar leichte Arrangements geschaffen.Bei ihm haben alle die Chance auf musikalischen Ruhm, nicht nur die Profis Paul Brody (Trompete), Johann Ebert (ein sehr sicherer Knabensopran) und Nurit Stark (virtuos auf der Violine), die ganz nebenbei überzeugend sexuell belästigte Sekretärinnen spielt, sondern selbst die Kammerschauspieler.

Peter Mati?, die überragende Vaterfigur, steppt und rappt, als ob sich das Geschlecht der Esterházys in der Blüte seiner Jugend befinde, singt seine beschädigte Seele in den Grammofontrichter. Er ist die Zentralfigur der Elterngeneration, ein Mann, der sich in sein Kämmerchen zurückzieht, alte Schätze zählt, voller Gier betastet, als handle es sich um die subalternen Frauenzimmer, die ihm ausgesetzt sind. In seiner sonoren, unverkennbaren, fein gebildeten Stimme schwingt diesmal besonders viel Trauer mit. „Papa ist unser bester“, singen die Kinder, aber in dem Lobgesang ist dissonant zu hören, dass sie um seine dunklen Seiten jenseits des Sentiments wissen. Dieses Stück handelt vor allem auch von Verrat, allerdings erreicht es dabei nicht die unheimliche Tiefe des Romans.

Die schärfsten Konturen setzen Bettina Stucky und Philipp Hauß, sie spielen die Generation der Kinder, die alles wissen wollen; ob er getötet habe, der Vater, was er verbirgt in seinem Kämmerchen, der Vater, und ob er sie auch liebe. Aber das sagen sie nicht wirklich. Stucky gelingen unglaubliche Momente der Intensität, Komik und Trauer verdichten sich bei ihr zu einem Gesamtkunstwerk. Kongenial passt dazu der subtile Weltschmerz von Hauß. Einmal erzählt er, wie sein Vater nicht Schriftsteller geworden ist, obwohl er sich bis ins Detail benahm wie Thomas Mann, Joseph Conrad oder Raymond Chandler. Er scheiterte vorgeblich am Ekel: „Dann lieber Palatin, Fürst oder Ministerpräsident“, murmelt der Sohn. Oder eben doch lieber Vater eines genialen Erzählers. Standing Ovations bei der Premiere.

Weitere Aufführungen im November: 16., 17., 19., 22., 24., 25., 28. 11. (19.30h; Kasino)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2009)