Schweinegrippe: "Weitere Schulschließungen drohen"

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Symboldbild: Leerer Gang(c) APA (HERMINE SCHREIBERHUBER)
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Wiener Volksschule stellt für eine Woche den Betrieb ein. Ein Experte rechnet mit weiteren Sperren. H1N1 Impfung: Die Immunisierung für Risikopersonen läuft am Montag in allen Bundesländern großflächig an.

WIEn.Die Neue Grippe (Schweinegrippe) hat die Wiener Schulen erreicht. Erstes Opfer ist die Wiener Privatvolksschule St. Thekla im vierten Bezirk. Nach mehreren bestätigten Fällen und Rücksprache mit einem Virologen habe man sich entschlossen, die Schule bis voraussichtlich kommenden Freitag geschlossen zu halten, sagt Direktorin Anna Draskovits.

Nach der Landwirtschaftlichen Landeslehranstalt Lienz in Osttirol, die Ende Oktober für rund eine Woche gesperrt wurde, ist die Wiener Schule der zweite Fall einer Schulschließung in Österreich. Und geht es nach Experten, dürften weitere folgen: „Es werden sicher noch weitere Schulen geschlossen“, glaubt Sozialmediziner Michael Kunze. Und zwar weniger, weil das die Gesundheitsbehörden fordern, sondern weil die verunsicherten Eltern ihre Kinder einfach nicht mehr in die Schule gehen lassen würden, so Kunze. „Da ist auch viel Emotion dabei.“

Tatsächlich schreibt eine Richtlinie des Gesundheitsministeriums nur vor, dass ab der Erkrankung von 50 Prozent der Schüler eine Schule zu schließen sei. Im konkreten Fall lag die Zahl weit darunter. Hat man in der Wiener Schule also überreagiert? Nein, meint Kunze, die 50 Prozent seien „nicht in Stein gemeißelt“, man müsse sich immer den konkreten Einzelfall ansehen.

Dass das Schließen einer Schule sinnvoll ist, daran hat er keine Zweifel. Vor allem am Beginn einer Welle bringe das enorm viel. Allerdings, wirklich aufhalten könne man das Virus mit derartigen Maßnahmen nicht – nur die Ausbreitung verlangsamen. Und damit Zeit gewinnen, um die Kinder zu impfen.

Nicht nur Schwangere & Kranke

Eine Impfung, die ab heute, Montag, auch tatsächlich möglich ist. Zusätzlich zum Gesundheitspersonal, das bisher nur schleppend von der Möglichkeit der Immunisierung Gebrauch machte, können sich nun auch Risikopersonen, also vor allem Schwangere und chronisch Kranke, die Injektion setzen lassen. Aber auch alle anderen können sich impfen lassen – abgewiesen werden soll laut Gesundheitsministerium jedenfalls niemand.

Doch selbst für jene, die nicht geimpft sind, muss kein allzu großer Grund zur Sorge bestehen. Denn die überwiegende Zahl der Fälle verläuft relativ mild und ohne größere Komplikationen. Nur in einigen wenigen Fällen komme es zu einem schweren Verlauf mit einer Lungeninfektion. Daran ist auch eine Südtirolerin, das erste H1N1-Todesopfer Österreichs, in Innsbruck vergangene Woche gestorben. Diese Erfahrungen hat man bereits aus der südlichen Hemisphäre gewonnen, die die erste Welle der H1N1-Influenza schon hinter sich hat.

Dass die Krankheit etwa in Australien schon viel früher großflächig ausgebrochen ist – und Europa im Sommer fast ausschließlich importierte Fälle vorzuweisen hatte –, liegt unter anderem am Wechsel der Jahreszeiten. Nachdem das Virus im April in Mexiko erstmals groß in Erscheinung trat und schließlich über Reisende weltweit in Umlauf gebracht wurde, setzte auf der Südhalbkugel der Winter ein. „Und wenn die Temperatur sinkt, steigen die Fälle“, erklärt Kunze. Das sei auch bei der saisonalen Influenza nicht anders. Die, und das ist der große Unterschied zur derzeitigen H1N1-Influenza, trete im Normalfall erst im Jänner auf. Ähnlich wie die saisonale Grippe dürfte auch die Dauer der Krankheitswelle sein – zwölf bis 14 Wochen, wie Kunze schätzt. Mit einem Fragezeichen dahinter, denn „die Influenza ist unvorhersehbar“.

Besonders schwer vorherzusehen ist die Ausbreitung der Neuen Grippe vor allem deswegen, weil sie häufig nur mild, zeitweise sogar gänzlich ohne Symptome, verläuft. Weil aber Infizierte dann oft nicht zu Hause oder im Krankenhaus in Isolation bleiben, kann sich das Virus in weiterer Folge besonders gut ausbreiten.

Keine schweren Fälle gemeldet

(c) Die Presse / JV / APA

Dieser Argumentation folgend kann auch die Schließung einer Schule die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Eine Maßnahme, die abgesehen von der Schule in Osttirol und nun der Privatschule in Wien, bisher noch nicht notwendig schien. „Wir haben von den öffentlichen Schulen schon einige Meldungen bekommen“, sagt Matias Meißner, Sprecher des Wiener Stadtschulrats, „aber das waren nur Einzelfälle.“ Aber eines sei klar – in dem Moment, in dem die Grippewelle epidemische Ausmaße annimmt, werde man an den Schulen etwas machen.

AUF EINEN BLICK

Ab heute, Montag, wird die Impfung gegen die Neue Grippe nicht nur dem Gesundheitspersonal, sondern in erster Linie auch Risikopersonen (76.000 Schwangeren und 880.000chronisch Kranken) angeboten. Auch Gesunde können sich impfen lassen. Niemand soll abgewiesen werden. Zwei Teilimpfungen im Abstand von drei Wochen sind nötig. 1,6Mio. Impfstoffdosen stehen zur Verfügung. Infos: www.grippeimpfung.wien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2009)

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