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Vom Babyspeck zur Fettleibigkeit

Santiago Mendoza sorgte mit seinem Gewicht nicht nur in seiner Heimat Kolumbien für Schlagzeilen. Er wiegt mit neun Monaten bereits mehr als 20 Kilo. Damit das anderen Babys erspart bleibt, erforschen Wissenschaftler die Ursachen frühkindlicher Adipositas.
Santiago Mendoza sorgte mit seinem Gewicht nicht nur in seiner Heimat Kolumbien für Schlagzeilen. Er wiegt mit neun Monaten bereits mehr als 20 Kilo. Damit das anderen Babys erspart bleibt, erforschen Wissenschaftler die Ursachen frühkindlicher Adipositas.(c) REUTERS (John Vizcaino)
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Grazer Forscher untersuchen in einem neuen Josef-Ressel-Zentrum, wie die Ernährung in der Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren das Risiko für Fettleibigkeit beeinflusst.

Unser Ernährungsverhalten wird schon entschieden, lange bevor wir uns überhaupt selbst ernähren können“, sagt der Biochemiker Erwin Zinser. Denn schon die Zeit im Mutterleib beeinflusst, ob ein Neugeborenes zu einem molligen Kind und später zum übergewichtigen Erwachsenen heranwächst. Welche Faktoren das Risiko für Fettleibigkeit beeinflussen, wird in einem gestern, Freitag, eröffneten Josef-Ressel-Zentrum der FH Joanneum in Graz erforscht. In einer fünf Jahre dauernden Studie begleiten die Wissenschaftler Mütter und ihre Kinder von der frühen Schwangerschaft bis zum Kleinkindalter.

Denn Fettleibigkeit trifft nicht nur Erwachsene, besonders Kinder und Jugendliche werden immer schwergewichtiger. Das Übergewicht ist zur Epidemie geworden – mit weitreichenden Folgen für das spätere Leben. Erklärungen scheinen schnell gefunden: Kinder bewegen sich immer weniger, verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher, trinken Softdrinks und essen Fastfood. Logisch, dass sie Fett ansetzen.

 

Keine Erklärung gilt für alle

„All das stimmt, aber es kann keine alleinige Erklärung für das zunehmende Übergewicht liefern“, sagt Moenie Van der Kleyn. Die Hebamme leitet das Josef-Ressel-Zentrum für die Erforschung von Prädispositionen der perinatalen metabolischen Programmierung von Adipositas gemeinsam mit Zinser. Die beiden wollen in ihrer Studie herausfinden, wie die ersten Lebensjahre eines Kindes sein zukünftiges Ernährungsverhalten beeinflussen.

Lange vor der Geburt, während die Organe erst langsam Form annehmen, kommt das Ungeborene schon mit Nahrung in Kontakt, über das Blut der Mutter. Was und wie viel die Mutter zu sich nimmt, hat deshalb auch direkte Auswirkungen auf das Kind. In dieser sensiblen Zeit wird der gesamte Stoffwechsel des Kindes sozusagen kalibriert. Man nennt diesen Prozess auch metabolische Prägung. Denn der Körper lernt früh, mit der angebotenen Energie zu haushalten.

Besteht schon während der Schwangerschaft Mangel an wichtigen Nährstoffen, etwa weil die Mutter hungert, stellt der Körper des Ungeborenen sich darauf ein, dass Nahrung Mangelware ist, die so gut wie möglich genutzt werden muss. Nimmt die Mutter wiederum zu viel hochkalorische Nahrung zu sich, ist ihr Blutzucker und in Folge ihr Insulinspiegel durchschnittlich sehr hoch und damit auch der des Kindes. Dessen Körper gewöhnt sich an den Zucker und das Insulin und braucht größere Mengen, um gesättigt zu sein. In beiden Fällen haben die Kinder ein höheres Risiko, fettleibig zu werden. Die besten Voraussetzungen für ein normalgewichtiges Kind schaffen jene Mütter, die während der Schwangerschaft ausgewogen und qualitativ Hochwertiges essen und nur moderat zunehmen. Denn eine gewisse Gewichtszunahme ist normal und durchaus erwünscht. Ist das Kind geboren, ist die Prägung noch lange nicht abgeschlossen. Eintausend Tage ab der Befruchtung dauert die sensible Phase, meinen Experten. So lange begleiten Van der Kleyn und Zinser auch die Probandinnen und deren Nachwuchs.

 

Stillen oder Flasche?

Nach der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft ist die Stillperiode die nächste entscheidende Phase. Dass gestillte Kinder weniger zu Übergewicht neigen als Flaschenbabys, weiß man bereits. Nicht aber, warum. „Einerseits beinhaltet Formula-Nahrung tierisches Eiweiß, das anders verarbeitet wird als das der Muttermilch“, so Zinser. „Andererseits sind auch Sättigungshormone in der Muttermilch enthalten. Der Verdacht liegt nahe, dass Babys einfach zu viel von der Flaschennahrung aufnehmen.“ Die Forscher vermuten also eine Überfütterung der Kinder, die mit der Flasche ernährt werden, und untersuchen auch die Sättigungszeichen von Babys – und wie ihre Mütter sie zu deuten wissen.

Neunzig Frauen werden derzeit in der Studie betreut. Die Forscher messen Körperfett, befragen zu Fütterungsstil und Ernährungsverhalten und messen Blutzucker sowie zahlreiche relevante Biomarker, von der 36. Schwangerschaftswoche bis zum zweiten Lebensjahr des Kindes. Sogar das Mikrobiom des kindlichen Darmes nehmen sie unter die Lupe.

Das Ziel: bisherige Vermutungen in Fakten zu verwandeln und konkrete Empfehlungen abgeben zu können.

Wer ein Kind erwartet und bei der Studie mitmachen möchte, kann sich unter www.fh-joanneum.at/jrza-baby informieren.

IN ZAHLEN

1000Tage dauert die sensible Phase, in der äußere Faktoren beeinflussen, ob ein Kind zu Übergewicht neigt oder nicht. Sie beginnt mit der Befruchtung und endet in etwa mit dem zweiten Lebensjahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2017)