Die Emanzipation der Sportler

Louis van Gaal
Louis van Gaal(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Witters)
  • Drucken

Der Trainer als Dompteur hat ausgedient. Autoritäre Teamchefs wie Louis van Gaal, Dietmar Constantini oder Gunnar Prokop sind nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit.

WIEN. „Viele haben eine Mischung aus Respekt und Angst.“ Mit diesen Worten beschrieb Bayern-Star Philipp Lahm das Verhältnis der Spieler zu Trainer Louis van Gaal. Sein Rundumschlag gegen den FC Bayern München in der „Süddeutsche Zeitung“ sorgt für Aufregung. Philipp Lahm ist kein Einzelfall. Er ist nur der prominenteste Athlet, der dieser Tage gegen verkrustete Systeme und Hierarchien im Sport aufbegehrt.

„Wir erleben die Emanzipation der Sportler“, sagt Günter Amesberger. Für den Professor für Sportpädagogik und Sportpsychologie an der Uni Salzburg gehören „Dompteurtrainer“, wie er sie nennt, der Vergangenheit an. Der autoritäre, autokratisch-hierarchische Führungsstil habe auch im Sport ausgedient.

Dies musste zuletzt auch ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini zur Kenntnis nehmen. Nach Andreas Ivanschitz hat nun mit Martin Stranzl ein weiterer Teamspieler seinen Führungsstil in der Öffentlichkeit kritisiert. Er wünscht sich von Constantini „mehr Aufrichtigkeit“, mehr Transparenz. Constantini hat Stranzl, der bei Spartak Moskau einen Stammplatz hat, mit der Begründung abgesagt, er könne „keinen anderen weglassen“.

„Ein Trainer muss die Fähigkeit besitzen, klare Strukturen zu schaffen“, sagt Amesberger. Diese Strukturen müssen für die Spieler erkennbar und verständlich sein.

Für Johannes Uhlig, Sportwissenschaftler und Trainer des U17-Frauennationalteams, steht außer Frage, dass „Trainer ihre Spieler in Entscheidungen einbinden müssen“. Toptrainer wie José Mourinho oder Othmar Hitzfeld seien „zwischenmenschlich großartig“, weiß Uhlig, der beide persönlich erlebt hat: „Mourinhos in der Öffentlichkeit zur Schau getragene Arroganz dient als Schutzschild für die Mannschaft.“ Spielern gegenüber sei der Inter-Mailand-Coach herzlich, aber fordernd. Über ein „Straftraining“, wie es mitunter noch in der österreichischen Bundesliga nach schlechten Spielen vorkomme, würde Mourinho wohl nur noch müde lächeln.

Und gar erst über einen Trainer Gunnar Prokop. Dass der Handball-Coach, der jüngst mit seinem Bodycheck gegen eine Spielerin für Schlagzeilen gesorgt hat, 2001 zum „Trainer des Jahrhunderts“ gekürt worden ist, sei laut Uhlig bezeichnend für die Rückständigkeit auf vielen Betreuerbänken in diesem Land. Prokops Trainingsmethoden waren vor 40 Jahren modern. Im Gegensatz zu seinem Umgangston mit Athletinnen, über deren „fette Ärsche“ er sich im Training gern lauthals mokiert.

Vielleicht spielt Andreas Ivanschitz bei Mainz 05 so befreit auf, weil er noch nie einen Trainer wie Thomas Tuchel hatte. Der 36-Jährige gilt als das Paradebeispiel der neuen Trainergeneration. Was Tuchel bei Mainz vollzieht, nennt der Wissenschaftler Amesberger „partizipativen Führungsstil“. Der Trainer gibt das Grundkonzept vor. Wie die Spieler diese Vorgabe auf dem Platz umsetzen, liege in deren Verantwortungsbereich. „Die Macht des Trainers basiert nicht mehr auf Angst, sondern entsteht, indem ihm die Spieler folgen“, sagt Amesberger.

Auch Clemens Stieger von der Gesellschaft für Personalentwicklung attestiert einen Paradigmenwechsel. „Früher haben sich Manager sehr viel von Sportlern abgeschaut. Mittlerweile ist es umgekehrt.“ Mittlerweile müsse mit Spitzensportlern wie mit Führungskräften umgegangen werden, meint Stieger.

Dass Führungskräfte ihren Ärger über Unternehmensinterna nicht in der Öffentlichkeit breittreten sollten, ist klar. „In einem sehr offenen, ausführlichen und konstruktiven Gespräch hat sich Nationalspieler Lahm für die Art und Weise seiner Aussagen entschuldigt“, hieß es am Montag in einem Statement des FC Bayern.

Auch viele andere Sportler würden sich „offene, ausführliche und konstruktive Gespräche“ mit ihrem Trainer und dem Management wünschen . . .

AUF EINEN BLICK

Spitzensportler lassen sich immer seltener von ihren Trainern dressieren oder bevormunden. Philipp Lahm, Star des FC Bayern München, sorgte mit einem medialen Rundumschlag jüngst
für Aufsehen.

Sportpsychologen sehen das Ende der autoritären, autokratischen Trainer nahen. Topathleten müsse man wie Führungskräfte in der Wirtschaft behandeln. Ein „partizipativer Führungsstil“ sei auch im Sport längst gefragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.