Marginalie: Der rote Faden von 1789 zu 1989

FRANCE-BASTILLE DAY-REPUBLICAN GUARD
(c) EPA (Horacio Villalobos)

Vieles von dem, was damals in einer Art Paläokommunismus angelegt wurde – Schauprozesse inklusive –, fand sich später im Ostblock wieder.

Berlin feierte gestern den Fall der Mauer am 9. November 1989. Es gab in diesem Jahr allerdings noch ein rundes Jubiläum eines welthistorischen Ereignisses, das aber relativ unbemerkt blieb, weil es eben nicht rund genug war. Vor 220 Jahren begann die Französische Revolution. Eine im Kern bürgerlich-liberale Revolution, die dann linksextremistisch entartete. Vieles von dem, was damals in einer Art Paläokommunismus angelegt wurde – Schauprozesse, Terror, Diktatur inklusive –, fand sich später in der Sowjetunion und den Ostblock-Satellitenstaaten wieder.

Es ist eine der erstaunlichsten historischen Koinzidenzien, dass genau 200 Jahre nach der Französischen Revolution der ihr innerlich verbundene Sozialismus/Kommunismus – viele linke Revolutionäre beriefen sich später auch auf Robespierre, Saint Just und Genossen – in Europa zugrunde ging. Im Frankreich des Jahres 1989 waren viele Linke auch nicht sehr angetan vom Mauerfall in Berlin, der „ihr“ Jubiläumsjahr zu überschatten drohte. Der sozialistische Staatspräsident François Mitterrand war im Dezember 1989 noch in die DDR gereist und hatte dort einen vierjährigen Handelsvertrag unterzeichnet.

Am Anfang vom Ende des Sowjetimperiums war ein verlorener Krieg gestanden, der die Moral untergraben und die Staatskasse durchlöchert hatte – jener in Afghanistan. Am Anfang vom Ende des französischen Absolutismus war ein gewonnener Krieg gestanden. Ludwig XVI. hatte die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer unterstützt. Ein kostspieliges Unternehmen. Als die Amerikaner siegten, war Frankreich pleite.

So war der König 1789 gezwungen, die Generalstände einzuberufen, was seit 1614 nicht mehr geschehen war – also nicht nur Adel und Klerus, sondern auch den dritten Stand, die Bourgeoisie. Und das Bürgertum zettelte dann auch den Aufstand an. Dessen erfolgreiche Revolution sollte dann später von den radikalen Jakobinern, darunter Anwälte wie Robespierre, und den Sansculotten, den Vertretern des viertenStandes, des Proletariats, usurpiert werden. Eine linke Diktatur im Namen des Volkes entstand. Erst fielen dem „Terreur“ die bürgerlichen Girondisten zum Opfer, am Ende die Linken selbst. Nach demselben Muster verlief 1917 die Russische Revolution. Erst stürzten gemäßigte, liberal-sozialdemokratische Revolutionäre den Zaren, danach wurden sie von den kommunistischen Bolschewiki weggeputscht.

1989 fand die (extrem) linke Erzählung der Französischen Revolution ein Ende. Deren ursprüngliche Idee lebte aber weiter. Die liberale Demokratie hatte 1989 gesiegt, auch sie hat ihre Ursprünge (neben dem englischen Parlamentarismus) in der Französischen Revolution. Rechtsund links sind heute noch gängige Begriffe, die auf die Sitzordnung im französischen Revolutionsparlament zurückgehen. So hat nach 1945 dann auch die französische Rechte die Französische Revolution von 1789 als die ihre akzeptiert.

Gestern, am 9. November, vor 110 Jahren beendete Napoleon Bonaparte Frankreichs Revolutionsphase mit einem Staatsstreich. Noch ein Jubiläum also.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2009)

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