Kommunismus ohne Kommunisten

Pseudo-Kommunisten auf der Apfelplantage: Marx würde sich im Grab umdrehen.
Pseudo-Kommunisten auf der Apfelplantage: Marx würde sich im Grab umdrehen.(c) Filmgarten

Kritik „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“: Hoch intelligent und erfrischend komisch nimmt der deutsche Film die Selbsttäuschungen der jungen Linken aufs Korn.

Der 33-jährige Julian Radlmaier gehört zu den aufregendsten Namen des jungen deutschen Kinos. Das liegt vor allem daran, dass er inhaltlich und ästhetisch Wege geht, die sich nicht den Mustern des Industrie- oder Festivalbetriebs unterwerfen. Vielmehr orientiert er sich an politischen Filmemachern wie Jean-Marie Straub oder Jean Renoir und schreckt nicht vor Meta-Ebenen und Abstraktion zurück. Schon seine Verwendung des 4:3-Formats ist eine klare Ansage gegen die Breitbildkultur und ein Verweis auf seine Vorbilder. Sein verkopft-amüsanter dritter Spielfilm berichtet von den Tücken des kommunistischen Daseins nach dem Kommunismus – oder aus dem Leben eines Pseudo-Kommunisten.

Allerdings liegt die Kraft seiner neuesten Arbeit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (in Österreich zu sehen dank den Bemühungen des Filmgarten-Verleihs) weniger in der Ästhetik, sondern in einer Verbitterung, die sich vor allem gegen Mechanismen der Gesellschaft und Kulturindustrie richtet. Dabei bricht Radlmaier seine Anlehnung an großes politisches Kino mit süffisanter Selbstironie, die sich bereits im Titel ankündigt. Die Selbstkritik ist durchaus wörtlich zu nehmen, steht doch im Zentrum des Films der hippe Regisseur Julian, den Radlmaier selbst verkörpert.

Jedes zweite Wort ist eine Lüge

Dieser befindet sich in einer Schaffenskrise. Als die Förderungen ausbleiben, sieht er sich gezwungen, einen Job auf einer Apfelplantage anzunehmen. Vor seinen Freunden, insbesondere vor der Kanadierin Camille (Deragh Campbell), würde er das natürlich nie zugeben – schließlich hat er einen Ruf als kommunistischer Filmemacher zu verlieren. Beinahe jedes zweite Wort aus Julians Mund ist eine Lüge. Er behauptet von sich, dass er es schon ernst meine mit dem Kommunismus – aber eigentlich würde er am liebsten mit Camille schlafen. Von Beginn an fällt der Film in einen satirischen Fremdschämmodus, der in seinen besten Augenblicken viel verrät über Formen der Selbstinszenierung.

Doch immer wieder kippt er auch in Plattitüden, vor allem weil Radlmaier seinen Julian zu aufgesetzt spielt. Immerzu zeigt er an, dass dies eine Komödie sein soll, was den eigentlich bitteren Wahrheiten einiges an Sprengkraft nimmt. Lustig ist das Ganze trotzdem, zumal „Selbstkritik“ den Mut hat, Humor nicht nur mittels Dialogen, sondern mit unterschiedlichsten filmischen Mitteln zu erzeugen. Unter dem Vorwand einer Recherche gelingt es Julian, die deutlich aufrichtigere Camille zu sich auf die Plantage zu locken, wo auch die Kameraden Hong (Kyung-Taek Lie) und Sancho (Beniamin Forti) gelandet sind. Dort offenbart sich zwischen einer multinationalen Arbeitergruppe, Gesetzen des Weltmarkts, enormem Leistungsdruck und der despotischen Plantagenvorsteherin Frau Gottfried (meist schreiend: Johanna Orsini-Rosenberg) schon bald eine parabelhafte Gelegenheit für angewandten Marxismus. Aber Marx würde sich im Grabe umdrehen, sähe er, in welcher Ohnmacht sich die Revolution hier weigert, stattzufinden.

Der Versuch eines Kommunismus ohne Kommunisten birgt immense Komik. Sehr durchdacht offenbart Radlmaier hier die Absurdität des Aufeinandertreffens einer nicht ganz verstandenen Theorie und ihrer Umsetzung. Die Ironie wird allerdings immer wieder von der schlichten und affirmativen Schönheit der Bilder zurückgenommen – ebenso wie von der menschlichen, sympathischen Figurenzeichnung. Was bleibt, ist die Flucht in eine Fantasie, die äußerst präzise vorführt, dass man bestimmte soziale Rollenmuster nicht verlassen kann. Sie demaskiert die Verlogenheit der Existenzen, die daraus resultieren und versuchen, ihre Stereotypen als Kunst zu verkaufen. Aus dieser Machtlosigkeit befreit dann das Lachen – und der Film selbst, der schließlich doch zeigt, dass eine andere Welt möglich wäre. Eine utopische Welt nach dem Kommunismus und nach dem Kino.