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Deutschland: Oberleutnant unter Terrorverdacht

Symbolbild Bundeswehr.
Symbolbild Bundeswehr.(c) REUTERS (FABIAN BIMMER)
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Ein Bundeswehroffizier hat sich als Flüchtling ausgegeben und möglicherweise einen Anschlag vorbereitet. Eine Putzfrau in Wien-Schwechat brachte die Ermittler auf seine Spur.

Berlin. Der Fall sei schon „kurios“, meint die Staatsanwaltschaft Frankfurt. In seinem Zentrum steht ein 28-jähriger Terrorverdächtiger aus dem hessischen Offenbach. Zu den Schauplätzen zählt auch Wien.

Im ersten Leben ist der 28-Jährige ein Oberleutnant des deutsch-französischen Jägerbataillons 291 im Elsass. An anderen Tagen gibt er sich als syrischer Kriegsflüchtling aus. Dieses zweite Leben könnte dabei Teil eines perfiden Plans gewesen sein: Denn die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 28-Jährigen wegen der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“, genauer eines Anschlags mit einem mutmaßlich fremdenfeindlichen Motiv. Und die aus Sicht der Staatsanwaltschaft infrage kommende Tatwaffe lag tagelang in Wien-Schwechat.

 

Pistole auf der Toilette

Nach Informationen der „Presse“ bringt eine Putzfrau auf dem Wiener Flughafen die Ermittler auf seine Spur. Ende Jänner findet sie auf einer Toilette noch vor den Sicherheitschecks in einem Schacht eine geladene Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter. Eine Überwachungskamera wird nun angebracht. Und tatsächlich sieht am 3. Februar ein Mann nach der Pistole. Sie ist nicht mehr da, dafür die Polizei – vorläufige Festnahme. Der Mann gibt an, einen Ball in Wien besucht zu haben (nicht den Akademikerball übrigens). Die Beamten korrespondieren nun mit den deutschen Kollegen und nehmen Fingerabdrücke. Vermutlich fällt den Ermittlern jetzt auf, dass diese Fingerabdrücke einem syrischen Flüchtling zugeordnet sind. Der 28-Jährige kommt frei, eine verdeckte Ermittlung beginnt.

Am Mittwoch nun wird er im bayrischen Hammelburg während einer Ausbildung zum Einzelkämpfer festgenommen. Es gibt Hausdurchsuchungen, in Deutschland, in Frankreich, darunter in seiner Kaserne. Und in Österreich.

Nach „Presse“-Informationen wird eine Wohnung in Wien Neubau durchsucht. Dort lebt ein Deutscher. Er ist Jahrgang 1992 und wie der Hauptverdächtige ein Soldat. „Es handelt sich um einen Bekannten des Beschuldigten“, teilt Nadja Niesen, Oberstaatsanwältin in Frankfurt, der „Presse“ mit. Ein paar Materialien werden sichergestellt. Aber keine Waffen. Das bestätigt die Staatsanwaltschaft Korneuburg.

Für einen anderen Bekannten des Oberleutnants klicken hingegen die Handschellen: In seinem Heimatort, Offenbach, wird ein 24-jähriger Student festgenommen. Die Polizei belauschte die Gespräche zwischen dem Studenten und dem Offizier. Daraus geht eine „fremdenfeindliche Gesinnung“ hervor, so die Staatsanwaltschaft. Der Student soll auch von der Tarnung des Offiziers als Flüchtling gewusst und möglicherweise in Anschlagspläne eingeweiht gewesen sein. In seiner Wohnung wird Munition sichergestellt, angeblich auch Sprengstoffteile. Der Offizier und der Student wurden gestern dem Haftrichter vorgeführt.

„Es sind uns bislang keine konkreten Anschlagspläne bekannt“, so Staatsanwältin Niesen. Es gebe einen Verdacht, eine Vermutung. Das nährte Spekulationen. „Die Welt“ zitierte aus Ermittlerkreisen, wonach der Offizier möglicherweise einen Anschlag als falscher Flüchtling durchführen wollte, um die Stimmung gegen Migranten anzuheizen. Andere Berichte gingen davon aus, dass Flüchtlinge selbst das Ziel gewesen sein könnten.

 

Asylbehörden genarrt

Gegen den Offizier wird wegen Betrugs ermittelt. Der Fall wirft kein gutes Licht auf die Behörden. Im Jänner 2016 stellt er einen Asylantrag im bayrischen Zirndorf und erhält tatsächlich subsidiären Schutz. Dabei sprach der angebliche Kriegsflüchtling gar kein Arabisch. Er kassierte nun Soldatensold und Asylleistungen und pendelte angeblich zwischen der Kaserne in Frankreich und der Flüchtlingsunterkunft im hessischen Gießen. Letztere trennen nur 50 Kilometer Luftlinie von Offenbach, seinem Heimatort.

AUF EINEN BLICK

Terrorverdacht. Ein 28-Jähriger aus dem hessischen Offenbach ist am Mittwoch festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn nach dem Waffengesetz, wegen Betrugs und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Der Fall ist skurril, denn der Hesse soll sich erfolgreich als syrischer Kriegsflüchtling ausgegeben haben, obwohl er Oberleutnant in der Bundeswehr ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2017)